Therapeutisches Reiten

Yoga! Ruft sie begeistert.
Ist mit einem so jungen Menschen aber eher schwierig.
Sagt seine Psychologin.

Oder Reiten! Reiten wäre sogar noch besser! Das eine Zusatzkind hat große Probleme in seinem Rucksack mitgebracht und spürt weder sich selbst, noch seine Bedürfnisse noch seinen Körper. Da ist einfach nichts. Kein Gefühl, kein Ahnen, nichts. Das macht es natürlich auch sehr schwierig, andere zu spüren.

Übergriffigkeit, Taktlosigkeit, fehlende Distanz und Gewalt sind Auswüchse aus diesem Problem.
Also Einzelstunden nur für das Zusatzkind an einem separaten Termin. Nur er und das Pferd. Zum Spüren. Zum Üben, wie man mit einem anderen Lebewesen umgeht. Und wie nicht. Zeit, seinen eigenen Körper zu spüren und dadurch vielleicht irgendwann in ferner Zukunft so etwas wie Bedürfnisse in sich entdecken zu können. Um dann – ganz später – auch Empathie zu lernen. Weil man erfahren hat, wie man sich selber fühlt. Und dadurch vielleicht auch irgendwann erkennen kann, wie das eigene Verhalten auf andere wirkt. Dass andere nicht nur zur eigenen Belustigung oder Befriedigung da sind.

Die Psychologin ist überzeugt. Und erklärt es auch echt nachvollziehbar. Die Krankenkasse übernimmt das natürlich nicht. Nein. Natürlich nicht. Aber man müsse das schon überlegen, das könnte hilfreich sein. Nicht mit anderen Menschen. Natürlich nicht. Exklusivzeit quasi. Da der Mann sein bestes Leben im Büro lebt, ich aufgrund der Situation zuhause kein Kind jemals mit einem der Zusatzkinder alleine lassen kann, fahre ich halt immer mit allen 6 Kindern überall hin. Zu jedem ihrer Termine. Natürlich immer noch nicht als Mutter. Als eine Art… persönlicher Sklave eher. Wohlwollend gemeint natürlich. Also habe ich ein weiteres Terminmodul von einer halben Stunde Fahrt mit 6 Kinder zu einem Exklusivtermin (teuer, hatte ich vergessen) für Zusatzkind2, der 45 Minuten dauert – wir können in der Zwischenzeit also maximal einkaufen fahren, denn therapeutisches Reiten wünscht auch keine Zuschauer. Ich ordne gedanklich die anderen 30 Termine der Woche um das neue Modul herum und nicke schwach. Ja, das ginge.
Ja, nickt sie begeistert. Das wäre wirklich gut! Man müsse sich ja auch ein bisschen engagieren, wenn man vorankommen will. Zweimal in der Woche wäre auch gut. Ich blicke sie blass an. Sie weiß ja, dass gerade 6 Kinder in ihrem Wartezimmer darauf warten, dass ich aus dieser Nachbesprechung mit ihr komme und wir nach Hause fahren können.

Sie verzieht ihr Gesicht zu etwas, das vermutlich aufmunternd wirken soll und ich warte, dass sie sich auf die Oberschenkel klopft und etwas ruft wie „Packen wir‘s an!“. Tut sie aber nicht.

Ich stehe auf und organisiere noch am selben Tag Probereiten in einem Therapiezentrum.

Vielleicht bringt es ja tatsächlich was. Die Hoffnung bleibt.

Training

Vielleicht habe ich ein ganz klein wenig vergessen, wie zeit- und fokusintensiv es ist, einen Junghund auszubilden. Vielleicht.

Es ist eine angenehme Erschöpfung, die sich in mir ausbreitet, wenn der kleine Braunbär, der eigentlich ein Hund werden wollte, und ich nach einer anstrengenden und erfolgreichen Trainingseinheit erschöpft aufs Sofa sinken und 15 Kilogramm Temperament plötzlich ganz weich und anschmiegsam werden.

Wenn der schwere Hundekörper sich an mich drückt und so lange in meinem Arm herumrakt, bis er wie ein Baby dort hängen kann und seine warme Schnauze genau in der Beuge zwischen Hals und Schulter zu liegen kommt.

Ein wohliges Seufzen, ein tiefes Ein- und Ausatmen und dann ist der kleine Kerl auch meistens schon im Land der Träume verschwunden.

Ich spüre sein Herz an Meinem und seinen Atem auf meiner Haut. Zuhause. Einen kostbaren kurzen Moment lang.

Vegetarisch

Es zeichnete sich ab. Lange schon.
Schon als die Kriegerprinzessin klein war, behagte ihr das von mir immer offen kommunizierte Prinzip von „Wir müssen ein Tier töten, wenn wir Fleisch essen wollen“ nie.

Gleichzeitig gibt es kein Familienmitglied, das so gerne Fleisch isst wie sie. Nach weit über 8 Jahren stand vor zwei Wochen ihr Entschluss dann endlich fest.

„Ich möchte kein Fleisch mehr essen, Mama.“
Die Tränen schossen ihr in die Augen.

„Ich lieb das so, Fleisch zu essen.“
Ich nickte verständnisvoll.

„Aber ich kann das einfach nicht mehr, Mama.“
Ich lächelte ihr zu.

„Dann machen wir das so, Motte. Ich helfe dir dabei.“
Sie nickte stumm. Erschöpft.

Ich sehe den Zwiespalt in ihr. Jeden Tag.
Wir haben uns in den vergangenen Wochen auf die Suche nach Alternativen gemacht und ich fühle, wie schwer es im Alltag für sie ist.

Sechs von acht Familienmitgliedern essen Fleisch.
Der große Lieblingsbruder steht völlig fassungslos vor dieser Entwicklung und kommuniziert das auch unbarmherzig. „Aber Motte, du liebst doch Fleisch! Das willst du alles nicht mehr essen?“

Und schon sind sie wieder da, die Tränen.
Doch, natürlich will sie.

Und genau das macht die Größe und Tragweite dieser Entscheidung aus.

Therapiehund

Als die Züchterin uns begrüßte, hatte ich eigentlich nur Augen für das Welpengewusel hinter ihr. Und war sehr gespannt auf „unser“ Baby. Wir konnten ihn uns nicht aussuchen, sie hatte ihn ausgewählt, nachdem sie hörte, dass wir eine achtköpfige Familie sind, mit Katzen, Hasen, großem Haus und Garten.
Ich gebe zu, ich wollte einen süßen, verträumten, tapsigen Welpen.

Nur für mich, ganz alleine.
Das hatte ich mir verdient nach dem Alptraum der letzten Monate.

Sie kam mit einem kleinen Tornado auf dem Arm wieder und drückte ihn mir an die Brust. „Das ist Ihrer.“

Ich war heilfroh, Kontaktlinsen und keine Brille zu tragen, denn die wäre kaputt gewesen. Für Entsetzen oder Enttäuschung hatte ich kaum Zeit, denn das wilde kleine Ding biss mir erst vor lauter Aufregung ins Gesicht, versuchte dann, mit dreckigen und nassen und kratzigen Pranken meine Haut am Hals aufzubuddeln, während es an meinem Ohr kaute.

Das flauschige Erlebnis, das ich wie beim ersten Hund damals vor 20 Jahren erwartet hatte, blieb aus. Stattdessen setzte ich das Energiebündel auf den Boden, um es mir in Ruhe ansehen zu können. Mit Milch-Reißzähnen am Ohr ging das schließlich nur schwer.

Ich redete mit ihm und nach ca. 2 Sekunden Aufmerksamkeit wetzte es davon. Raste einmal unter dem Tisch durch, nahm Decken, Schuhe und Vorleger mit, sprintete zum Sofa, riss ein wenig an dem Kuhfell, das auf dem Boden lag und versuchte dann, in den Kamin zu klettern.

Als ich in die Hocke ging, es ansprach und die Arme ausbreitete, schoss es wie von der Tarantel gestochen auf mich zu, schnappte nach meiner Hand und riss mich fast zu Boden.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Ich sollte in den folgenden Wochen und Monaten lernen, mit welcher Berechtigung die Züchterin ausgerechnet diesen Hund für uns ausgesucht hatte. Hochintelligent, schnell von Begriff und lässt sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen.
Die Kinder, die nun alle auch schon ein gewisses Alter haben, dass sie nicht mehr unbeholfen mit Tieren umgehen, lernten sehr schnell, dass auch Milchreißzähne fest zubeißen können, wenn man Mist mit dem Hund macht. Dass Gekreische und Gehampel den Hund aufdrehen und dazu führen, dass man seine Beine und Füße in Sicherheit bringen muss.

Und – dass ein Tier kein Spielzeug ist. Gerade mit dem Hang des einen Zusatzkindes, Tiere sehr übergriffig zu behandeln, ein Segen.

Mich dagegen zwingt der Hund, mein eigenes Handeln immer auf Ruhe, Logik und Konsequenz zu überprüfen. Was macht er, wenn ich mich wie verhalte? Er ist ein Spiegel und Regulativ meines Verhaltens gleichermaßen. Ich merke, je angespannter ich werde, desto gestresster reagiert er. Wenn meine Nerven zum Zerreißen gespannt sind, dann macht er eben alle fünf Minuten eine Pfütze in den Flur, obwohl er stubenrein ist. Ich brauchte einige Zeit, um diesen Zusammenhang zu realisieren. Inzwischen verordne ich den Kindern Zimmerzeit, bevor es soweit kommt.

Schnappe mir den Hund und trainiere mit ihm, kaspere mit ihm herum oder lausche nur seinem Herzschlag an meinem.
Je trauriger ich werde, desto näher kommt er. Stupst mich mit seiner großen Schnauze an oder knabbert mir zärtlich am Arm.

Er ist ein guter Gradmesser, wo ich mich gerade befinde. Je besser es mir geht, desto weiter kann er sich von mir entfernt hinlegen. Je schlechter es mir geht, desto näher versucht er, sich an mein Herz zu kuscheln.

Und er erdet. Immer und überall.

Da ist kein Platz für Panikattacken, für Angst, für Zweifel.
Immer nur für das Hier und Jetzt.
Und für das Atmen.

Zersetzung

Als ich so darüber nachdachte, wie ich die momentane Familiensituation hier beschreiben würde, waren meine ersten Gedanken: Es ist weder gut noch schön, aber es läuft einigermaßen. Und noch vor einem Jahr wäre alles in mir auf die Barrikaden gegangen, dass das kein Maßstab für ein Zusammenleben im Schutzraum Familie sein dürfte, aber ich bin müde geworden. Habe mich müde gekämpft. So viele Illusionen verloren. Gemeinsam mit dem Mann so viele Gespräche geführt, so viele Tränen geweint, so viel Reue empfunden. Wir bemühen uns. Womit wir nicht gerechnet haben: Dass wir unsere Kinder schützen müssen. Vor Lügen. Vor Manipulation. Vor sexuellen Übergriffen. Vor Gewalt. Wir sind müde. Wir gehen zu einer Familientherapeutin, wir versuchen, unsere Kinder stark zu machen, wir versuchen, sie zu schützen, uns zu schützen vor dieser Situation, die uns mehr abverlangt als wir geben können. Wir versuchen nur noch zu überleben. Und das ist etwas, wo ich nie wieder hinwollte. Der Mann und ich haben so viele Jahre in den Aufbau eines sicheren Rückzugortes investiert und müssen nun zusehen, wie er langsam vergiftet wird.