Endlich

Wie selbstverständlich sie sich an mich drücken, meinen Kopf zu sich hinunterziehen, mich auf die Wange küssen, knutschen meistens, mit viel Geräusch und einer Innigkeit, die ich bis zu meiner Geburt als Mutter nie für möglich gehalten hätte.

Und mittendrin frage ich mich, wie das sein mag. Wie es ist, eine Mutter zu haben, die man herzen und drücken kann. Nicht die aufgedunsene Haut vor sich zu sehen, wie sich der verbissene Mund zur Grimasse verzieht und Worte wie Kotzbrocken oder Arschloch höhnisch lachend in die eigene Richtung speit. Nur zu genau wissend, wie sich diese spitze Zunge in meinem Mund anfühlt, voller Ekel.

Sie lachen, sie toben, sie nehmen keine Rücksicht darauf, dass ich nicht angefasst, berührt, geliebt werden kann ohne mich selbst zu hassen. Sie sind. Sie lieben. Sie zwingen mich in eine Wirklichkeit, die so sehr Geschenk und dennoch so große Bürde ist, wie sie da auf meinen Schultern liegt.

Wartend auf Anwaltpost meiner Eltern. Wartend auf die nächste Bösartigkeit, die auch Jahre nach dem letzten Kontakt nichts an Schrecken eingebüßt hat, mich ins Kindsein zwingt, in meine Demutshaltung, die immer mehr Demütigung als Demut sein musste.

Ich hebe den Kopf, bin doch schon längst nicht mehr das Kind, das ich nie sein durfte. Nicht mehr ausgehungert nach mütterlicher Liebe, nicht mehr hoffend, sehnsüchtig wartend auf echte Zuwendung, die sich aus Liebe speist. Mütterlicher Liebe, die in der Verblendung meiner Sehnsüchte stets selbstlos sein sollte.

Liebe ich meine Kinder selbstlos? Ich weiß es nicht. Habe Angst, so zu sein wie sie. Irgendwann aufzuwachen und einem Dämon gegenüberzustehen, den auch sie in sich trägt.

Ich sehe meine Kinder. Vier an der Zahl, unendlich geliebt, oft zu streng erzogen aus Angst, einzuknicken, mich selbst nicht genug zu zügeln in dem Verlangen, zu herrschen, zu schlagen, zu demütigen.

Im Affekt tut man das, was man kennt.
Die einzige Art, mich zu beherrschen, ist, den Affekt zu umgehen.
Immer gezügelt, diszipliniert, immer geradeaus, immer unfehlbar mit Fehlern, die toleriert werden können und dürfen um nicht allmächtig zu erscheinen.

Sie lieben mich. Niemanden verwundert das mehr als mich selber, wie sie mich umarmen, mit mir kuscheln wollen, mich drücken und herzen und knutschen und mich anlachen und so vertrauensvoll meine wahre Natur Lügen strafen.

Ich denke oft über den Tod meiner Mutter nach. Immer schon. Ob sie bereuen wird…? Ob sie vielleicht im Angesicht des Todes selbst erkennen könnte, dass es nur die Sehnsucht nach Liebe war, die sie so tief hassen ließ?

Was würde das für einen Unterschied machen?

Keinen, was es mich angeht.

Lügnerin.

Jeden.

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