Das große Tochterkind sprach nicht.
Sie wurde ein Jahr alt, anderthalb Jahre alt… und sprach nicht. Nicht Mama, nicht Ja, nicht Nein, nichts.
Ich wusste, dass sie mich verstand.
Sie befolgte Anweisungen, antwortete mir in Zeichensprache, die sie aus meiner Hundeerziehung kannte und auch ansonsten waren wir so eng beieinander, dass das nicht weiter wild war.
Das interessierte den Arzt aber nicht oder war jenseits seines Verständnisses. Wie es beim ersten Kind so ist, vertraut man seinem Gefühl oft nicht so sehr wie den Leuten, die eigentlich Ahnung haben sollten und so landeten wir auf Anregen des Kinderarztes (Nicht mal „Mama“?? Oder „Nein“??? Oh mein Gott, da müssen wir was TUN, vielleicht ist sie taub!!) in der pädaudiologischen Klinik der nächsten Großstadt.
Pädaudiologie – ein Wort, das ich bis vor 9 Jahren noch nie in meinem Leben gehört hatte.
Mit der Unsicherheit einer jungen Erstlingsmutter fuhr ich mit dem kleinen Tochterkind in die sehr große Klinik und fühlte mich komplett verloren und verlassen.
Wir mussten nicht lange warten und das Tochterkind, das ohnehin sehr schüchtern war, drückte sich an mich.
Nachdem der erste Experte mit uns sprach und die ganze Zeit versuchte, das Tochterkind mit Zwang von mir wegzuholen, das den Kopf in meiner Armbeuge versteckte, fragte er, ob „das Kind“ schon mal auf Autismus getestet worden wäre.
Ich riss die Augen auf und sah ihm nach, wie er mürrisch murmelnd aus dem Raum ging.
Das Tochterkind sah auf und nahm die angebotenen Malsachen, um ein bisschen zu malen, jetzt wo keiner mehr da war.
Eine Frau im Kittel kam zu uns und setzte sich neben uns. Sagte aber nichts, wofür ich sehr dankbar war. Sie legte den Finger an die Lippen und bedeutete mir, still zu sein, während sie Kontakt knüpfte und Notizen machte.
Endlich ein vernünftiger Mensch, dachte ich, als Experte Nr.3 plötzlich hereinkam und verkündete, dass jetzt ein Test durchgeführt werden würde, bei dem ich nicht dabei sein dürfe.
Ich sagte, dass ich mit meiner Tochter darüber sprechen würde, ob sie dazu bereit wäre und dann würde ich diese Entscheidung treffen.
Er zog die Augenbrauen hoch und sagte: „Ich denke, das Kind spricht nicht.“ Ich antwortete pampig, dass meine Tochter aber durchaus hören und mich verstehen könne, woraufhin er antwortete, das würde er ja gleich testen.
Ich erklärte dem Tochterkind, was geschehen würde und sie legte die Hand aufs Herz und klopfte zweimal. Das war mein stilles Zeichen für meinen Hund, bei mir zu bleiben.
Ich antwortete, dass sie alleine gehen müsste.
Sie streckte die kleine Hand aus, tippte mich sachte an und zeigte mit der Handfläche schräg zu Boden. Dasselbe, was ich mit dem Hund machte, wenn er warten musste.
„Ja, ich bleibe hier und warte auf dich, Süße.“
Experte Nr.1 und Experte Nr.3 standen inzwischen in der Tür und starrten. Die Frau in weiß streckte die Hand aus und fragte meine Tochter, ob sie mitkommen würde.
Sie ergriff ihre Hand und ich betete, dass sie dort in guten Händen sein würde.
Eineinhalb Stunden später war ich ein Nervenbündel, als meine strahlende Tochter durch die Tür kam, begleitet von der Frau in weiß und vier (!) weiteren Ärzten.
Im folgenden halbstündigen Gespräch wurde mir eröffnet, dass man meine Tochter für hochbegabt halten würde und gerne weitere Tests mit ihr machen würde.
Hören würde sie sehr gut. Warum sie nicht sprechen würde, konnte niemand sagen, nur vermuten.
Ein weiterer Experte sollte hinzugezogen werden.
Ich fuhr ziemlich erschlagen nach Hause und erholte mich eine Woche, bis ich dem arrogantesten Menschen dieser Welt nach meinem Vater begegnen sollte.
Herr Professor Dr. Ingoranz befragte mich nach meiner Lebenssituation und urteilte nach 10 Minuten Gespräch, in denen ich auf verschiedene Arten gedemütigt und verurteilt wurde, dass meine Tochter ganz bestimmt nicht hochbegabt sei sondern ich eine überbehütende Glucke sei und dies auch eine Form der seelischen Misshandlung darstellen würde.
Bumms. Das saß.
Ich würde ihr keine Möglichkeiten geben, die Notwendigkeit des Sprechens zu erkennen und sie damit in ihrer Entwicklung behindern.
Ich stand auf und ging. Als ich zuhause war, kamen die Tränen und ich drückte dieses kleine Menschenbündel an mich und schwor ihr, sie zu so einem Mist nicht mehr mitzunehmen. Sie legte meine Hand auf ihren Brustkorb und ihre Hand auf mein Herz und schloss die Augen.
Ich musste daran denken, als ich das letzte Mal bei unserem jetzigen Kinderarzt war und von der Arzthelferin im Beisein des Arztes zu Herrn Honigs Verhalten befragt wurde. „Spricht er?“ – Nein. „Mama? Papa? Nein? Ja?“ – Nein. „Vielleicht nur ein oder zweimal? Mama zumindest?“ – Nein! „GAR nichts?“ – NEIN…
Unser Kinderarzt lachte herzlich auf, nahm ihr den Fragebogen aus der Hand und schmunzelte: „Er wird anfangen zu sprechen, wenn er etwas sagen will“.
Meine Tochter fing etwa einen Monat nach den Untersuchungen an, in Mehrwortsätzen zu sprechen. Ihr erstes Wort war „Girlitz“.
Den kannte sie nämlich aus ihrem Vogelkundebuch und genau so einer saß bei uns im Garten.