Aufbruch

Ich habe im ganzen Leben des Tochterkindes vor ihr bis heute noch nicht ein (!) einziges (!) schlechtes Wort über den Mann verloren, der mich geschlagen, vergewaltigt, belogen, betrogen und beklaut hat.
Ihren Vater.

Und ich rechne mir das extrem hoch an, dass ich bei diese Disziplin aufbringe, den Kontakt zu ihm möglich zu machen, zu fördern, Verständnis für ihn aufzubringen und dem Tochterkind ganz grundlegenden Respekt im Umgang mit anderen Menschen zu vermitteln.

Das sind nun über 8 Jahre und meine Liste wächst. Aus Wut wurde in langen Jahren Gleichgültigkeit und daraus wurde in den letzten Monaten aus Gründen kalter Hass. Ich bin nicht stolz darauf, aber meine Gefühle gehören mir. Und so lange ich in der Lage bin, Geschenke für ihn auszusuchen, mit ihm zu telefonieren und mit dem Tochterkind über Besuche und Telefonate und sein Leben auf eine konstruktive Art und Weise zu sprechen, ist es völlig gleichgültig, was ich über ihn denke. Ich weiß, dass alles, wirklich restlos ALLES, was ich über diesen Mann sage und WIE ich mit ihm spreche, meine Tochter beeinflussen wird.

Und ihre Meinung über ihn muss sie sich selber bilden.
Meine Geschichte ist nicht ihre Geschichte.
8 Jahre Verspätungen, falsche Zusagen, Lügen, Unzuverlässigkeiten, emotionale Erpressung, Nachlässigkeiten und Gleichgültigkeit zeigen nun langsam Wirkung.

Ich werde ihr auf ihrem neuen, selbstgewählten Weg zur Seite stehen.
Aber gehen muss sie ihn selber.

Traditionsbruch

Niemand darf wissen, wieviel Papa trinkt.
Niemand darf wissen, dass er dann Auto fährt.
Niemand darf wissen, was dein Opa gemacht hat.
War ja auch nicht oft und er hat dich ja auch nicht vergewaltigt oder so.
Niemand darf wissen, dass wir diese Tabletten nehmen, du willst doch nicht, dass die Leute reden, oder?
Niemand darf wissen, was wir hier tun.
Niemand darf erfahren, was du weißt schon wer getan hat.
Niemand darf wissen…
Hörst du…
Leises Flüstern, todbringende Geheimnisse.
Ich habe mein Schweigen als Kind nie gebrochen.
Ich war ein guter Geheimnisträger … Gefangener einer Tradition, die nur dem Leid und dem Hass und dem Tod verpflichtet war.

Ich versuche, meinen Kindern zu vermitteln, dass sich Geheimnisse IMMER gut anfühlen müssen, sonst müssen sie nicht bewahrt werden.
Ich glaube fest daran, dass dies eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt ist, um nicht Gefangener seines eigenen Wertesystems zu werden.
Ein Geheimnis, das belastet, darf keines mehr sein.
Man darf es freilassen, ohne Verrat zu begehen.
Man darf ein Versprechen brechen, bevor man selber daran zerbricht.
Sie müssen mir nichts versprechen.
Ich unterbreche sie mitten im Satz, weil ich diese Verpflichtung nicht von ihnen hören will.
Sie sind nur sich selber Rechenschaft schuldig.
Im Gegenzug verlange ich auch keine Versprechen.
Wenn man etwas versprechen muss, ist es nichts wert.
Es ist in den allermeisten Fällen der letzte oder gar wiederholte Versuch, jemanden von etwas zu überzeugen, an das man selber nicht glaubt.

Von einem Kind ein Versprechen abzuringen, dass es in der Zukunft (!) etwas tun oder nicht tun wird, ist geradezu wahnsinnig und aberwitzig.
Die Gesellschaft akzeptiert seltsamerweise lieber nach jedem Streit, dass man sich verspricht, dies und jenes „nie wieder“ zu tun, als ehrlich zu sagen: natürlich kann das noch mal vorkommen.
Geheimnisse und Versprechen fallen in dieselbe Kategorie. Idiotie.

Es gibt eine Ausnahme: positive Geheimnisse. Wenn wir hier wochenlang rumkramen und tuscheln und geheimnisvoll tun, weil jemand Geburtstag hat. So schwer die Kinder sich damit tun, nicht damit herauszuplatzen (und es funktioniert bei weitem nicht häufig), genießen sie es doch. Das ist für mich eine ganz andere Baustelle.
Ich breche auch hier die Tradition, die ich kenne und als ich vor einiger Zeit mal wieder hastig eine Kiste mit vorbereiteten Überraschungen schloss, kam meine Tochter herein und beim Erfassen der Situation stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Mami? Ich LIEBE es, dass du so viele Geheimnisse vor uns hast. Und ich freue mich jedes Mal darauf, wenn wir eines entdecken!“

Zeit, die Wunden schließt.

Diagnosewahn

Das große Tochterkind sprach nicht.
Sie wurde ein Jahr alt, anderthalb Jahre alt… und sprach nicht. Nicht Mama, nicht Ja, nicht Nein, nichts.

Ich wusste, dass sie mich verstand.
Sie befolgte Anweisungen, antwortete mir in Zeichensprache, die sie aus meiner Hundeerziehung kannte und auch ansonsten waren wir so eng beieinander, dass das nicht weiter wild war.

Das interessierte den Arzt aber nicht oder war jenseits seines Verständnisses. Wie es beim ersten Kind so ist, vertraut man seinem Gefühl oft nicht so sehr wie den Leuten, die eigentlich Ahnung haben sollten und so landeten wir auf Anregen des Kinderarztes (Nicht mal „Mama“?? Oder „Nein“??? Oh mein Gott, da müssen wir was TUN, vielleicht ist sie taub!!) in der pädaudiologischen Klinik der nächsten Großstadt.
Pädaudiologie – ein Wort, das ich bis vor 9 Jahren noch nie in meinem Leben gehört hatte.

Mit der Unsicherheit einer jungen Erstlingsmutter fuhr ich mit dem kleinen Tochterkind in die sehr große Klinik und fühlte mich komplett verloren und verlassen.
Wir mussten nicht lange warten und das Tochterkind, das ohnehin sehr schüchtern war, drückte sich an mich.
Nachdem der erste Experte mit uns sprach und die ganze Zeit versuchte, das Tochterkind mit Zwang von mir wegzuholen, das den Kopf in meiner Armbeuge versteckte, fragte er, ob „das Kind“ schon mal auf Autismus getestet worden wäre.
Ich riss die Augen auf und sah ihm nach, wie er mürrisch murmelnd aus dem Raum ging.
Das Tochterkind sah auf und nahm die angebotenen Malsachen, um ein bisschen zu malen, jetzt wo keiner mehr da war.
Eine Frau im Kittel kam zu uns und setzte sich neben uns. Sagte aber nichts, wofür ich sehr dankbar war. Sie legte den Finger an die Lippen und bedeutete mir, still zu sein, während sie Kontakt knüpfte und Notizen machte.
Endlich ein vernünftiger Mensch, dachte ich, als Experte Nr.3 plötzlich hereinkam und verkündete, dass jetzt ein Test durchgeführt werden würde, bei dem ich nicht dabei sein dürfe.

Ich sagte, dass ich mit meiner Tochter darüber sprechen würde, ob sie dazu bereit wäre und dann würde ich diese Entscheidung treffen.
Er zog die Augenbrauen hoch und sagte: „Ich denke, das Kind spricht nicht.“ Ich antwortete pampig, dass meine Tochter aber durchaus hören und mich verstehen könne, woraufhin er antwortete, das würde er ja gleich testen.

Ich erklärte dem Tochterkind, was geschehen würde und sie legte die Hand aufs Herz und klopfte zweimal. Das war mein stilles Zeichen für meinen Hund, bei mir zu bleiben.
Ich antwortete, dass sie alleine gehen müsste.
Sie streckte die kleine Hand aus, tippte mich sachte an und zeigte mit der Handfläche schräg zu Boden. Dasselbe, was ich mit dem Hund machte, wenn er warten musste.
„Ja, ich bleibe hier und warte auf dich, Süße.“

Experte Nr.1 und Experte Nr.3 standen inzwischen in der Tür und starrten. Die Frau in weiß streckte die Hand aus und fragte meine Tochter, ob sie mitkommen würde.
Sie ergriff ihre Hand und ich betete, dass sie dort in guten Händen sein würde.
Eineinhalb Stunden später war ich ein Nervenbündel, als meine strahlende Tochter durch die Tür kam, begleitet von der Frau in weiß und vier (!) weiteren Ärzten.
Im folgenden halbstündigen Gespräch wurde mir eröffnet, dass man meine Tochter für hochbegabt halten würde und gerne weitere Tests mit ihr machen würde.
Hören würde sie sehr gut. Warum sie nicht sprechen würde, konnte niemand sagen, nur vermuten.
Ein weiterer Experte sollte hinzugezogen werden.
Ich fuhr ziemlich erschlagen nach Hause und erholte mich eine Woche, bis ich dem arrogantesten Menschen dieser Welt nach meinem Vater begegnen sollte.

Herr Professor Dr. Ingoranz befragte mich nach meiner Lebenssituation und urteilte nach 10 Minuten Gespräch, in denen ich auf verschiedene Arten gedemütigt und verurteilt wurde, dass meine Tochter ganz bestimmt nicht hochbegabt sei sondern ich eine überbehütende Glucke sei und dies auch eine Form der seelischen Misshandlung darstellen würde.

Bumms. Das saß.

Ich würde ihr keine Möglichkeiten geben, die Notwendigkeit des Sprechens zu erkennen und sie damit in ihrer Entwicklung behindern.
Ich stand auf und ging. Als ich zuhause war, kamen die Tränen und ich drückte dieses kleine Menschenbündel an mich und schwor ihr, sie zu so einem Mist nicht mehr mitzunehmen. Sie legte meine Hand auf ihren Brustkorb und ihre Hand auf mein Herz und schloss die Augen.

Ich musste daran denken, als ich das letzte Mal bei unserem jetzigen Kinderarzt war und von der Arzthelferin im Beisein des Arztes zu Herrn Honigs Verhalten befragt wurde. „Spricht er?“ – Nein. „Mama? Papa? Nein? Ja?“ – Nein. „Vielleicht nur ein oder zweimal? Mama zumindest?“ – Nein! „GAR nichts?“ – NEIN…

Unser Kinderarzt lachte herzlich auf, nahm ihr den Fragebogen aus der Hand und schmunzelte: „Er wird anfangen zu sprechen, wenn er etwas sagen will“.

Meine Tochter fing etwa einen Monat nach den Untersuchungen an, in Mehrwortsätzen zu sprechen. Ihr erstes Wort war „Girlitz“.

Den kannte sie nämlich aus ihrem Vogelkundebuch und genau so einer saß bei uns im Garten.

Zart

Ungeachtet aller Schwierigkeiten, aller Schmerzen, allen Wissens, aller Vernunft, allen Überlegungen, allen Entscheidungen, aller Sicherheit…

… die Sehnsucht bleibt.

Einmal im Galopp durch die Kinderstube…

Eine der wohl grundlegendsten Unhöflichkeiten ist, sich über den Namen eines anderen Menschen lustig zu machen. In jeder Hinsicht auf ein multikulturelles Miteinander Toleranz und Akzeptanz zu predigen setzt bei vielen spätestens da aus, wenn „Kevin“, „Chantal“, „Dwayne-Tyler“ oder „Jason“ mit den eigenen wohlbenannten Kindern in einem Kindergarten oder in der Schule sind. Und schon sind sie da, die Vorurteile, Bemerkungen und Gedanken.

Wenn Vielfalt zur Bedrohung wird, flüchten die geistig Armen.

Es gibt keine „schlimmen“ Namen.
Es gibt einfach nur Namen.
Für Menschen.

Aufklärung vs. Aufklärung

Ich habe in der fünften Klasse Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing gelesen und in einem halben Jahr Wort für Wort mühsam auseinandergepflückt und wieder zusammengesetzt. Interpretiert, oft geflucht und meine Liebe zu Literatur und dem, was sie bewegen kann, entdeckt. Mit einem hochmotivierten Deutschlehrer, der voraussetzte, dass ein hohes Leistungsniveau nicht vom Alter abhängt.

Meine Tochter liest jetzt in der fünften Klasse „Der Klassen-King“ von Elisabeth Zöller und diskutiert über Mobbing, physische und psychische Gewalt und sexuell diskriminierende Pornos.

Wir.bewegen.uns.in.eine.falsche.Richtung.
Ja, ich habe kein Verständnis für diese Buchwahl.
Ich habs gelesen und JA, ich habe KEIN Verständnis für diese Buchwahl!

Mehrwert statt Nährwert

Ich habe Kuchen für heute Nachmittag gebacken, der unglücklicherweise gerade dann fertig wurde, als der Kobold aus der Schule kam.

Ich hole das Ding aus dem Backofen, als der Kobold mit Tränen in den Augen ganz gerührt auf den Kuchen starrt und mit zittriger Stimme stammelt: „Oh Wahnsinn…MamiMausi! Du hast … KUCHEN … für mich zum Mittagessen gebacken! KUCHEN! MIT Schokolade! Ist.das.WAHNSINN, Mami. Du bist die tollste, abgefahrenste Mami auf der GANZEN Welt!“

[eingeknickt. habe die Pellkartoffeln und das Gemüse unauffällig zur Seite geschoben]

Käfigentertainment

Mein liebstes Zitat letzter Woche stammt von einer Mutter, die mir von dem Haus erzählte, das sie und ihr Mann gekauft haben und die argumentierte, dass man für die Kinderzimmer bloß nicht zu viel Platz einplanen sollte. Erstens haben Kinder nämlich keinen wirklichen Platzbedarf, die können zum Spielen ja auf die Straße gehen. Zweitens ziehen Kinder eh irgendwann aus, „spätestens“ mit 18 und was soll man dann mit den Zimmern?
Ich sah sie wohl etwas sehr entgeistert an und schnappte gerade nach Luft, um eine halbwegs neutrale Antwort zu geben, als sie sagte: „Ja, du kuckst so komisch. Aber für meine Jungs reichen jeweils 8 Quadratmeter völlig. Bett, Fernseher und Playstation rein und man hört und sieht sie nicht mehr. Klappt super bei uns.“

Ich habe dann freundlich gelächelt, mich verabschiedet und auf ein weiteres Gespräch verzichtet.

Stumm

Heute war kein guter Tag. Viele Tage schrammen an diesem Etikett vorbei, der heutige trägt es. Fragen, innerlich, stumm, ob man sich falsch entschieden hat.

Ob man das tragen kann, mit Mann und Verantwortung für vier Kinder. Ob man ihnen mit seinen ganzen Problemen gerecht werden kann. Das Mottenkind ist krank und benötigt viel Körperkontakt. Da ist es wieder, dieses zärtliche Streicheln, das mich durchdrehen lässt. Nähe. Körperliche Wärme, die mich triggert, Atem auf meiner Haut. Ich beginne, mich vor mir selbst zu ekeln und es ist irgendwann nur noch aushalten. Warten, durchhalten, aushalten, ausharren, atmen, weiteratmen, überleben. Es ist keine Wahl mehr, es ist nur noch an dünnem Faden hängende Restdisziplin eines Schwurs, denn niemand kennen muss und der mich weitertreibt. Getrieben.

Der Mann übernimmt, stillschweigend. Lässt mich ausschlafen, kuschelt die Kinder, schirmt mich ab, bis die Maske wieder sitzt. Ich kann mich nicht bedanken für diesen Schutz.

Auch er widert mich an, so sehr ich ihn brauche. Will nicht hilflos sein, nicht schutzlos. Nur hart und kalt. Es fällt schwer, heute. Sehr. Möchte weinen, doch die hämische Stimme auf meiner Schulter stichelt: selber schuld.

Die Tränen bleiben ungeweint, weil es nur Selbstmitleid wäre.
Vielleicht auch nicht.
Stumm.