Traditionsbruch

Niemand darf wissen, wieviel Papa trinkt.
Niemand darf wissen, dass er dann Auto fährt.
Niemand darf wissen, was dein Opa gemacht hat.
War ja auch nicht oft und er hat dich ja auch nicht vergewaltigt oder so.
Niemand darf wissen, dass wir diese Tabletten nehmen, du willst doch nicht, dass die Leute reden, oder?
Niemand darf wissen, was wir hier tun.
Niemand darf erfahren, was du weißt schon wer getan hat.
Niemand darf wissen…
Hörst du…
Leises Flüstern, todbringende Geheimnisse.
Ich habe mein Schweigen als Kind nie gebrochen.
Ich war ein guter Geheimnisträger … Gefangener einer Tradition, die nur dem Leid und dem Hass und dem Tod verpflichtet war.

Ich versuche, meinen Kindern zu vermitteln, dass sich Geheimnisse IMMER gut anfühlen müssen, sonst müssen sie nicht bewahrt werden.
Ich glaube fest daran, dass dies eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt ist, um nicht Gefangener seines eigenen Wertesystems zu werden.
Ein Geheimnis, das belastet, darf keines mehr sein.
Man darf es freilassen, ohne Verrat zu begehen.
Man darf ein Versprechen brechen, bevor man selber daran zerbricht.
Sie müssen mir nichts versprechen.
Ich unterbreche sie mitten im Satz, weil ich diese Verpflichtung nicht von ihnen hören will.
Sie sind nur sich selber Rechenschaft schuldig.
Im Gegenzug verlange ich auch keine Versprechen.
Wenn man etwas versprechen muss, ist es nichts wert.
Es ist in den allermeisten Fällen der letzte oder gar wiederholte Versuch, jemanden von etwas zu überzeugen, an das man selber nicht glaubt.

Von einem Kind ein Versprechen abzuringen, dass es in der Zukunft (!) etwas tun oder nicht tun wird, ist geradezu wahnsinnig und aberwitzig.
Die Gesellschaft akzeptiert seltsamerweise lieber nach jedem Streit, dass man sich verspricht, dies und jenes „nie wieder“ zu tun, als ehrlich zu sagen: natürlich kann das noch mal vorkommen.
Geheimnisse und Versprechen fallen in dieselbe Kategorie. Idiotie.

Es gibt eine Ausnahme: positive Geheimnisse. Wenn wir hier wochenlang rumkramen und tuscheln und geheimnisvoll tun, weil jemand Geburtstag hat. So schwer die Kinder sich damit tun, nicht damit herauszuplatzen (und es funktioniert bei weitem nicht häufig), genießen sie es doch. Das ist für mich eine ganz andere Baustelle.
Ich breche auch hier die Tradition, die ich kenne und als ich vor einiger Zeit mal wieder hastig eine Kiste mit vorbereiteten Überraschungen schloss, kam meine Tochter herein und beim Erfassen der Situation stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Mami? Ich LIEBE es, dass du so viele Geheimnisse vor uns hast. Und ich freue mich jedes Mal darauf, wenn wir eines entdecken!“

Zeit, die Wunden schließt.

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