28.02.2013

Ich habe diesen Winter hart gekämpft, nicht komplett in das Depressionsloch zu fallen. Und vor einigen Monaten habe ich angefangen mir in meiner zwanzigminütigen täglichen Mittagspause – wenn Herr Honig ein Schläfchen macht und der Kobold noch nicht aus der Schule wieder da ist, lustige Videos anzusehen. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der sich lustige Videos ansieht, aber ich ließ es auf einen Versuch ankommen, weil ich etwas Ähnliches bei jemandem gelesen habe, dem ich mich unbekannterweise sehr verbunden fühle.

Ich nahm mir vor, das Ganze zwei Wochen durchzuziehen. Und saß mit todtraurigem Gesicht vor lustigen Szenen von Tieren, Kindern, Naturphänomenen, ähnlichem. Es war wirklich nichts lustig. In der zweiten Woche habe ich durch Zufall eine Sendung gefunden, die exakt meinen Nerv trifft. Meinen Lachnerv. Ich kicherte erst etwas irritiert herum und schämte mich fast, weil mir ja so gar nicht nach Lachen zumute war und ich mich darüber hinaus für einen eigentlich sehr unheiteren Menschen halte.

Seitdem verbringe ich jeden Tag damit, mittags für zwanzig Minuten zu lachen. Was sich so extrem albern anhört, hat wieder deutlich Licht in mein Leben gebracht. Ich scherze wieder mehr mit den Kindern und merke, dass ich lockerer werde, was gewisse Reibungspunkte anbelangt.

Mann von Welt

Nachdem das Tochterkind das Handy bei ihm vergessen hat, muss ich ja schon froh sein, dass er überhaupt und sogar kurzfristig den beschwerlichen langen Weg zum nächsten Briefkasten auf sich genommen hat, um ein relativ neues Smartphone lose in einem ungepolsterten normalen Briefumschlag zu verschicken. Und der Briefumschlag war sogar halb verschlossen. Das ist mehr als man erwarten konnte. Mit anderer Leute Geld ging der Herr ja immer schon sehr entspannt um. Über den Rest breiten wir wie immer den Mantel des Schweigens. Und diesmal warte ich nicht darauf, dass das Porto in Rechnung gestellt wird, ich überweise es gleich. Ohne süffisanten Verwendungszweck. Ich bin die Ruhe selbst.

Und bin zum Glück nicht bewaffnet.

Am Halse

Bei dem Haus von Familie V., auf das wir an Weihnachten gehofft haben, durften wir erfahren, wie es ist, in ein Haus verliebt zu sein.

Liebe dagegen offenbart sich wohl nur selten auf den ersten Blick. Und so sagten wir den ersten Termin vor Weihnachten ab, weil wir krank waren und weil wir ja in das eine Haus so verliebt waren. Beim zweiten Termin rannte ich fast rückwärts wieder aus dem Haus heraus, habe weder alle Zimmer gesehen noch dem Besitzer oder dem Makler zugehört. Einen Tag später beim Makler angerufen, gesagt, dass das Haus nichts für uns ist.

Zwei Tage und zwei Nächte, die ich von diesem Haus träumte, später einen neuen Besichtigungstermin gemacht. Diesmal länger, ohne Makler.

Zwei Stunden im Haus und im Garten verbracht.

Geld verändert Menschen nicht…

…es demaskiert sie.

Dieser Satz begleitet mich als einer meiner Leitsätze schon weit über ein Jahrzehnt und ich durfte in vielerlei Hinsicht sehen, wie wahr er ist. Leider sowohl auf der Seite, wie Menschen sich verändern, wenn sie zu Geld kommen und reicher werden als auch von der Seite, wenn Menschen aus irgendeinem Grund in Erfahrung bringen, wieviel Geld man selber besitzt. Das eine ist so hässlich wie das andere. Der wohl meistgehörte Satz meines Lebens ist: So ein Leben wie du hätte ich auch gerne.

Niemand hat je nach dem Preis gefragt.

Schmerzhafte Zeiten

Der Tod seiner Mutter, die Kontaktaufnahme zu seinem Vater nach so vielen Jahren, das Angebot, ihm zu helfen, eine Bemerkung, die so sehr weh tut, auch und immer noch nach so vielen Jahren, mein Wanken um mein depressives Loch herum, das Zusammentreffen mit dem Exmann gestern und die Übergabe der Waffe, die er damals auf mich gerichtet hat, das Fehlen meiner großen Tochter, nebenher die Hausentscheidung und schlussendlich die Übernahme durch meine eigenen Hormone, die mich mit beißend schmerzhafter Migräne erstmal zwei Tage ins Bett schicken, wo das Kopfkino nicht endet sondern im Gegenteil erst richtig in Stimmung kommt, mit Horrorszenarien durch meine Synapsen zu tanzen. Der Kopf brüllt das Herz an, sich nicht so anzustellen und mein ganzes Ich sitzt kauernd in einer Ecke und wartet. Minuten, die zäh fließend zu Stunden werden. Immer weiteratmen.

Langmut

Ich verstehe so vieles nicht. Wie kann man um jemanden trauern, den man nicht mag? Aus Mitgefühl für das Leben an sich? Aus Trauer um das, was jemand hätte sein können, wenn er jemand anderes gewesen wäre? Ich versuche mir vorzustellen, meine eigene Mutter wäre gestorben aber da hakt es ja schon. Ich möchte hier keinen einzigen der Gedanken aufschreiben, die ich in den letzten zwei Tagen hatte. Warum nicht? Nur weil er mitliest? Es kommt mir vermessen vor, einem Trauernden meine eigene Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, so eng er mir auch verbunden ist. Vielleicht ist das das wahre Problem.
Wir haben kaum Masken voreinander, die Wahrheit, die wir uns zumuten, ist unbequem, hart und schmerzhaft, oft genug, immer wieder.

Nur so kann unsere Beziehung funktionieren und weitergehen. Erlebe ich Trauer bei einem Außenstehenden, so läuft ein Programm ab, das durch Mitgefühl ausgelöst wird. Die Distanz erlaubt es. Ich bin nicht eingebunden, ich bin nicht betroffen, ich kann mitfühlend sein, weil mir die Berührung fehlt. Wie absurd. Distanz aufbringen zu müssen, um ein Nähegefühl empfinden zu können. Was diese von Hass zerfressene niederträchtige Person angeht, die nun tot ist: Ich hatte meine Berührung mit ihr. Und sie war mir gänzlich unsympathisch.
Über Tote spricht man nicht schlecht.

Doch.
Natürlich tut man das.
Tod verleiht keinen Charakter und verteilt keine Ablässe.

Träume

Aufgeschlagen und zerplatzt auf dem harten Boden der Realität.

So desillusioniert wie nie zuvor. Mutlos. Kraftlos.

Vergeudete Jahre.

Kein Zuhause mehr, kein Halt, kein Schutz. Nichts, das bleibt.

Abscheu

Ihr könnt nicht mal mehr scheißen gehen ohne eure Telefone.
Ihr könnt keine Unterhaltung führen, ohne die Dinger in der Hand zu haben, ohne mal eben einen Blick darauf zu werfen oder zumindest kurz in der Tasche danach zu tasten.
Ihr könnt kein Konzert genießen, ohne eure Telefone zwischen euch und die Bühne zu halten.
Geschehen ist nur, was man beweisen kann. Nicht einmal eine Stunde könnt ihr ohne sie verbringen. Nicht einmal eure Kinder könnt ihr genießen, ohne sie in jeder Situation zu filmen, zu fotografieren, festzuhalten, hineinzuzwängen in ein Medium, das die Welt nicht ganz so unmittelbar macht. Immer auf Distanz, immer auf Beobachtungsposten, immer Herr der Lage.

Man kann keine Situation erleben, wenn man sie filmt.
Wer sich zum Beobachter macht, kann kein Beteiligter mehr sein.

Ihr lebt eure Leben nicht mehr, ihr dokumentiert eine Umwelt, die sich in dem Moment verfälscht, in dem ihr euer Telefon hochhaltet. instagram, facebook, twitter – Müllhalden voller Bilddokumente über Leben, die nicht gelebt werden.

Abgeschmackt

Ich möchte dir so gerne so viel sagen, allein ich habe alle Worte schon mehr als einmal verwendet und sie schmecken schal. Kann deine Abwertungen deiner Selbst nicht mehr ertragen, deine Mutlosigkeit, deine Vernachlässigung, deine Zaghaftigkeit, deine Wiederholungen in Wort und Untat. Jahrelanges Suggerieren von „Ich kann nicht“ „Ich weiß nicht, wie“ und „Ich habe Angst“ tragen Früchte, weniger in deinem Geist, wo die Bäume Minderwertigkeit und Angst in grauschwarzen Obstwiesen schon jahrzehntelang verwurzelt sind, sondern in meinem. In meinem brennenden Herzen, das sich seit Jahren gegen die mantra-artig wiederholenden Abwertungen zu Wehr setzen muss, denen du dich selber aussetzt. Und so streckt mein Herz die Waffen und kapituliert: Okay, du kannst nicht. Ja, du bist ein Versager. Ich glaube dir. Ich glaube dir das jetzt, heute, endlich.

Du hast versucht, mich so viele Jahre lang jeden Tag davon zu überzeugen.  Und nun hast du es geschafft.  Vielleicht macht dich das ja irgendwie glücklicher, wenn alles andere es schon nicht vermocht hat.

Verzeih

Verzeih mir. Ich kann mich nicht mehr kleiner machen als ich bin. Kann nicht mehr warten, nicht mehr ausharren, beten, hoffen, schubsen, ziehen, treten, bitten, flehen, fluchen… Verzeih. Es ist nicht nur mein Versprechen, das gebrochen wird. Mein Herz ist es auch.