Wenn die Vergangenheit wie eine Flutwelle über einen hereinbricht und man sich im Jetzt weder vor- noch zurückbewegen kann, dann hält man gelähmt den Atem an. Nichts sagen, nichts denken, nichts fühlen müssen. Kann es hier nicht schreiben, weil es zu intim ist, kann es nicht im privaten Tagebuch schreiben, weil es dann nicht öffentlich und somit „weg“ ist, kann ihm nicht sagen, was er da hochgetriggert hat, weil der Ekel jede Pore meines Körpers verstopft. Kann nicht, will nicht, werde nicht. Wahrscheinlich wäre es nicht mal schlimm, wenn es hier stünde.
Der Leser würde sich angeekelt schütteln und weitergehen. Nicht so ich.
Es sind diese Intimitäten, diese vermeintlichen Kleinigkeiten im großen Ganzen, die gar nicht mehr so sehr ins Gewicht fallen dürften und doch sind nur sie es, die mich bis in die Grundfeste erschüttern. Immer wieder, immer noch. Nur weglaufen wollen, in der Kälte sitzen, nichts mehr fühlen müssen, sterben dürfen. Es ist vorbei. Es ist vorbei. Es ist doch schon so lange vorbei. Atmen. Aushalten. Warten. Alles wird gut. Es ist vorbei.
Monat: Februar 2013
Besessen [werden vs. sein]
Es ist die Lebensunfähigkeit, die mir zu schaffen macht.
Statt des Todes ein Leben gewählt zu haben, in dem Funktionieren Pflicht ist. So sehr ich versuche, meine „Ich muss..“ durch „Ich will…“s zu ersetzen, so sehr erschöpfen mich diese Tage, in denen mir nichts gelingen will. Bleibt nur überleben und atmen und nicht verrückt werden. Immer begleitet von dem Teufel auf der Schulter, der die „Stell dich nicht so an, andere haben es viel schwerer als du…“ Parolen in mein Ohr brüllt.
Stell dich nicht so an, krieg deinen Arsch hoch, stell dich nicht so an, sei nicht so eine Mimose, du bist so schwach, so wertlos, so unfähig, so zum Kotzen. Wie kann jemand, der so privilegiert ist, nur so faul sein? Ja. Ich nicke zu jedem einzelnen Punkt, weiß ich doch, dass ich die Gedanken nicht aufhalten, nur ertragen kann. Es ist okay. Ich hab mir das nicht ausgesucht, möchte ich weinen, aber da ist sie wieder, die Opferrolle. Du bist kein Opfer, steh endlich auf, irgendwann muss auch mal gut sein. Stell.dich.nicht.so.an. Stell dich nicht so an Stell dich nicht so an stell dich nichtsoanstelldichnichtsoanstelldichnichtsoanstelldichnichtsoan
Erschöpft.
Ich habe diesen Satz so oft in meinem Leben gehört, immer wieder, in jeder nur denkbaren Situation und die Erschöpfung sitzt tief. Vielleicht habe ich mich tatsächlich einfach immer nur angestellt.
Kann nicht mehr.
Haus des Grauens
Wir haben ja schon viel gesehen. Sehr viel. Sehr Unmögliches.
Aber das ganze Haus in AfterShave zu tränken, überall diverse Tabletten herumliegen zu lassen und als Extraschmankerl mehrere Pistolen neben dem Laptop zu deponieren und dann zu „Sehen Sie sich doch in Ruhe um“ zu animieren, ist schon…
…speziell.
Traumhaus [Haustraum] – Abschied
Ein relativ niedriger fünfstelliger Betrag trennt uns und die Eigentümer unseres Traumhauses noch voneinander. Wir wollen diese Summe nicht mehr drauflegen, weil das bedeuten würde, wir würden das Geld, das nun monatliche Reserve ist, komplett für ein Haus ausgeben, das auch noch renoviert werden muss. Es wäre nichts mehr über, keine Luft zum Atmen, keine Sonderausgaben, nichts. Das geht nicht. Nicht mit einem Alleinverdiener und vier Kindern. Nein.
Es ist trotz alledem relativ „wenig“ Geld, wenn man die Gesamtsumme betrachtet und wir liegen weit über allen anderen Geboten. Seit über drei Monaten warten wir nun und die letzte Aussage der Eigentümer ist nun: dann warten wir eben. Wir haben ja keine Eile. Haben sie wirklich nicht. Sie haben das Haus vor zwei Jahren für fast das Doppelte angeboten und seitdem gehen sie bei verschiedenen Maklern immer Schritt für Schritt runter. Sie scheinen da tatsächlich keinen Druck zu haben.
Wir allerdings gehen jetzt weiter. Auch mit dem Risiko, dass vielleicht in einem halben Jahr genau dieses Haus für genau unseren Preis wieder angeboten wird. Wir können und wollen jetzt nicht stehen bleiben. So sehr ich mir Vorwürfe mache, nicht lange genug durchzuhalten, so erleichtert bin ich. Wie lange muss man auf etwas warten, das perfekt ist? Woher weiß man, dass man wirklich das Perfekte gefunden hat? Wann gibt man auf? Was zählt ein weiteres halbes Jahr? Schweren Herzens haben wir das Haus ad acta gelegt. Und wir haben diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen.
Und wenn man einmal mit ganzem Herzen eine Entscheidung getroffen hat, so schwer sie auch fiel, dann sollte man einmal tief durchatmen und sich auch erlauben, weiterzugehen.
Rollenbilder
Dass nun ausgerechnet MEIN Kind als einziges Mädchen unter Jungen auf dem Kindergeburtstag von der Mutter des Geburtstagskindes dafür „verantwortlich“ gemacht wurde, zu „melden“, wenn es Kämpfe geben würde oder sich jemand weh tun würde, finde ich unter aller Sau.
Ein wenig Schadenfreude kann ich trotz Wut nicht unterdrücken, weil sie nun ausgerechnet dieses eine Mädchen, das selber für sein Leben gerne kämpft und sich von keinem Jungen die Butter vom Brot nehmen lässt, dazu auserkoren hat, ein Rollenbild zu repräsentieren, das ihr weniger gar nicht passen könnte.
„Mama, ich hab immer feste getreten und geschlagen und wir haben total viel gekämpft. Das war total super. Cira sagte, ich bin dafür verantwortlich, das zu melden und das hab ich auch einmal gemacht, als Simon fast weinte. Muss man dann ja auch mal sagen, bevor sich einer weh tut. Als Cira wieder draußen war, haben wir dann weitergemacht.“
Kriegerin.
Verzerrte Wahrnehmung
„Schab doch nix machn lassn!!“, nuschelt sie mir empört mit auf und ab wippendem Entenschnütchen entgegen. „Un die Nase wird imma so dick un blau, wenns kalt is.“
Hmhmm, is klar.
Kein guter Tag
Es fing mit einer Angst- und Panikattacke an, ging in unkontrolliertes Zittern über und mündete schlussendlich in einer kompletten Automatikübernahme meiner Außenfunktion.
Tage nach Wochenenden sind immer hart, weil ich am Wochenende grundsätzlich nur selten zum Funktionieren gezwungen bin, aber heute war grenzwertig. Der neue Ablauf mit dem nun wieder in den Kindergarten gehenden Kind, einem total chaotischen Sohn, der so ziemlich alles hochtriggert, was ich in meiner Kindheit erlebt habe, einer Tochter, die sich der Geschlechtsreife in riesengroßen Schritten nähert, ein Baby und die Großbaustelle Ehe sind einfach zu viel.
Es wirft mich von einem Zustand in den nächsten und ich weiß – ich brauche Abstand. Abstand ist aber gleichzeitig das Verleugnen meiner Verletzlichkeit. Ohne Verletzlichkeit bin ich schlicht und einfach nur ein Arsch. Ein sadistischer narzisstischer dominanter Mensch ohne Mitgefühl. Ein Arschloch eben. Hat man mir ja oft genug mitgeteilt.
Das immerwährende Ringen zwischen Anlage und Wahlcharakter wird mich noch umbringen. Berg- und Talfahrt zwischen Arroganz und Angst, Hochmut und Panik.
Ich weiß, woran es liegt, ich weiß, es wird wieder besser, ich weiß, ich weiß… Destruktive Gedanken, immer wieder, was wäre wenn…
Müßig.
Ich muss mit mir leben, ich muss mich meiner Umgebung verträglich machen, ich muss, ich muss, ich muss…
Ich will. Ich will das tun.
Ich WILL ein normales Leben führen können, ungeachtet all dessen, was passiert ist.
Heute ist ein Tag, an dem sich die Entscheidung falsch anfühlt.
Heute Nacht, heute früh, jetzt, nachher…
Bleibt nur das Ausharren, Aushalten, Warten…
Schmerzhafte Lektionen in Demut.
Puls
Die Schulen der Kinder rufen 15 Minuten nach Unterrichtsbeginn alle Eltern der Kinder an, die an diesem Tag nicht in der Schule erschienen sind. Was ich persönlich als hervorragende Regelung empfinde, verursacht dann umso mehr Puls, wenn das eigene Kind ganz normal und pünktlich losgegangen ist und um kurz nach 8 Uhr auf dem Display des Telefons die Schulnummer erscheint. Das ist nämlich fast eine Stunde Zeit und mehrere Kilometer Weg, in der und auf dem alles Mögliche passiert sein könnte. Schon halb mit Haustürschlüssel in der Hand hob ich ab und atmete erleichtert auf, als nur verkündet wurde, dass heute Stunden ausfallen.
Manchmal ist es fast unerträglich, das eigene Herz da draußen bei den Kindern so ungeschützt zu wissen.