Man muss nicht alles tun nur weil man es kann.
Monat: März 2013
Kommunikationsprobleme
Das kleine Flusentier ohne Namen hat da irgendetwas grundlegend missverstanden.
Und so saust er in einem Affenzahn den Flur hoch und runter, springt in die Zimmer mit einer Art Kamikaze-Hechtsprung, tänzelt mit viel zu großem Kopf und viel zu langen Beinen tollpatschig quer über den Teppich auf unsere große und sehr (!) mürrische Katze zu, die zwar bräsig unter dem Tisch liegt, aber nichtsdestotrotz mit Riesenbürste auf dem Rücken laut knurrt und faucht, rennt beim wenig eleganten Rückzüg auch gerne mal gegen die ein oder andere Wand, schüttelt das kleine Schnäuzchen und fiept dann hilflos nach dem Tochterkind.
Soweit klappt das schon ganz gut.
Nur leider ist er der irrigen Meinung, die große böse Katze ist zu seiner freien Verfügung da und vor allem willig, ihn kennenzulernen.
Dem ist nicht so. Überhaupt nicht.
[Der Flerken sitzt gerade vor mir auf meinem Schreibtisch und erklärt mir sehr empört maunzend, dass wir dort im Flur hüpfendes Ungeziefer haben, das ich doch bitte danke wegmachen soll]
Ein Gefährte
Babys noch, alle beide.
Leise Worte, zärtlich geflüstert. Ich pass jetzt auf dich auf. Du bist in Sicherheit.
Schwer zu sagen, wer von beiden mehr Angst hat.
Staunen. Schweigen. Danken.
Ent-binden
Wie seltsam es mir vorkommt, ihr Verhalten zu beurteilen, sie zu ermuntern, zu trösten, ihr zu helfen, sie zu motivieren, zu relativieren, zu erklären… Als hätten wir in den letzten Monaten Liebestanz eine unsichtbare Linie zwischen uns gezogen, die es unmöglich macht, die bisherige Nähe aufrecht zu erhalten.
Und während diese Linie gezogen wurde, waren wir uns so nah wie nur nach der Geburt. Körperlich, geistig, seelisch.
Mit Vollendung dieser Linie treten wir beide einen Schritt zurück und vergewissern uns, dass wir uns noch sehen können. Können wir.
Ich spüre, wie zart die Grenze ist. Habe in den letzten Tagen einmal unbewusst ihre Stabilität auf die Probe gestellt, als ich das große Kind für eine Nichtigkeit kritisiert habe.
Und habe sofort gemerkt, dass es sich falsch anfühlt. Während die Grenze einer Spinnenwebe gleich mich umfangen hielt, nachgab – meinen Worten nachgab – so kam ich doch nicht an sie heran.
Und fühlte das sehr genau.
Ich sah sie an und merkte, dass ich diese Linie leicht übertreten kann.
Nur ein Stück weiter, nur ein Wort mehr…
Ich zog mich zurück.
Ich rieche die Entfremdung, ich spüre sie, ich sehe sie.
Und staune schweigend.
Kann ihr noch Begleitung schenken, aber nicht mehr an ihr ziehen.
Nicht mehr Er-ziehen.
Sie weiß all das, was mir wichtig war, ihr mitzugeben.
Jetzt nur noch mitgehen.
Langsam. Ein Stück zurückfallen lassen. Vertrauen.
Sorgerecht/Sorgepflicht [Ex]
Der Exmann hat ja generell nur Rechte.
Ich habe die Pflichten. Das nennt man dann gemeinsames Sorgerecht. Gerecht aufgeteilt. Ich bitte nun also um eine Einverständniserklärung (schriftlich), dass ich mit dem Tochterkind umziehen darf. 500 Meter weiter, selbe Stadt, kein Schulwechsel, nichts. Ich benötige ferner eine Vollmacht (schriftlich), dass ich das Tochterkind an der neuen Adresse anmelden darf. So das Jugendamt. Da hat er natürlich keine Lust zu. Ist ja auch anstrengend, so drei vorformulierte Sätze zu unterschreiben. Wird er mir das nicht genehmigen, kann ich das auch ohne seine schriftliches Einverständnis tun, mache mich aber damit strafbar. Er kann sich auf seinem faulen Arsch ausruhen und ist wie immer aus dem Schneider. Das Spiel kennen wir ja schon. Auf die viermal telefonisch, dreimal schriftlich per Einschreiben angeforderten letzten Unterlagen warte ich ja schließlich auch erst seit Oktober 2012.
[Einatmen. Ausatmen. Keine Kinder mehr mit Idioten zeugen.]
Idiot [Ex]
Dieser blöde kleine inkompetente lügende kriecherische Schleimscheißer. Möge das Karma dir ins Knie beißen. Aber feste!
Tierzüchter
Normalerweise stammen meine Tiere aus Tierheimen(4), aus beschlagnahmten Beständen(2), aus „auf-Wunsch-Einschläferungsware“ von Tierärzten (5), aus Versuchslaboren (1) oder von anderen Menschen, die das erwachsene Tier aus irgendeinem Grund abgeben müssen (3).
Den großen Hund habe ich damals von einem Züchter gekauft. Wesen, HD-Kontrolle, etc. Hatte seine Gründe und seinen Preis. Was ich auf der Suche nach einer Zucht gelernt habe: Züchter haben einen an der Klatsche. Alle. Ausnahmslos. Und als ich mir nach zwei Monaten Wartezeit sechs Tage nach der Geburt meinen Welpen ausgesucht hatte und von den Züchtern gezwungen wurde, mir ein zweistündiges (!) Geburtsvideo in schlechter Qualität bei schummrigem Licht anzusehen, bei dem die Züchterin und ihr Mann alle Hunde (5) auf dem Sofa hatten und vor Rührung hemmungslos in deren Fell schluchzten, schwor ich mir, dass ich bitte danke nie wieder bei einem Züchter ein Tier erwerben würde. Die Auflage für den Hund war, dass ich jeden Samstag eine Stunde mit ihm verbringen musste. Ab der ersten Woche. Ich fuhr dafür 180km. Einfache Strecke.
Ich habe persönliche Fragen und Erziehungsvorstellungen über mich ergehen lassen, musste Ansichten über Hunde diskutieren und meine Wohnverhältnisse offenlegen. Nach 12 Wochen habe ich 2500 DM dort gelassen und hatte endlich mein ersehntes Hundebaby. Mein erster Hund, mein einziger. Und ich dachte: jetzt ist alles super. War aber nicht. Die Züchter riefen täglich an, wie es dem kleinen Hascherl jetzt gehen würde. Und brachten ihre Empörung zum Ausdruck, warum ich ihn nicht mit seinem wahren Namen rufen würde. Schließlich könne man einen Arathor, Hammer des Herrn, Herrscher der vier Winde vom Felsenmeer aus dem Zwinger von Haludral nicht einfach „Barney“ rufen.
Hab ich trotzdem gemacht. Zwei Wochen später standen sie vor meiner Tür. Hausbesuch. Wie es dem Baby denn gehen würde. Das Baby kotzte erst mal vor ihre Füße, weil es leider schon wusste, wie man aus dem Katzenklo frisst und ich konnte sie nur mit Müh und Not davon abhalten, ihn sofort in eine Tierklinik zu bringen.
Warum ich diesen Weg für den Tochterkater nun noch mal gehen werde, hat Gründe, die mir allesamt nicht behagen, aber sinnvoll sind.
Spaß geht anders.
Schlussfolgerungen
Meine Vier spielen mit ihrem Sohn und wir unterhalten uns.
„Deine große Tochter sieht deinem Mann so unglaublich ähnlich, finde ich.“
Ich brumme amüsiert. „Sie ist das einzige Kind, das nicht von ihm ist.“
Sie reißt die Augen auf. „Oh mein Gott. Du hast ihn betrogen???“
„Äh. Nein. Meine Tochter und ich haben meinen Mann erst kennengelernt, als sie schon zweieinhalb war.“
„Oh. Achso. Ja klar, so gehts ja auch.“
[Menschen…]
Süßigkeiten und Missbrauchsprävention
Es ist ein Thema, das immer wieder auf den Tisch [Haha.] kommt. Egal wo. Kinder und Süßigkeiten.
Und meistens ernte ich sehr ungläubige Blicke, wenn ich tatsächlich einmal ausführlicher antworte, wie es hier gehandhabt wird. Wir haben drei normalgewichtige Kinder und ein untergewichtiges Kind. Alle dürfen – wenn Süßigkeiten für sie da sind – davon essen soviel und vor allem wann sie wollen. Wenn wir Nachtisch beim Essen haben, dann kommt dieser Nachtisch mit dem normalen Essen zusammen auf den Tisch und sie dürfen diesen Nachtisch auch gerne als erstes essen.
Auch ausschließlich. Wir reglementieren das nicht und kommentieren es auch nicht.
Alle Kinder essen, wenn sie hungrig sind.
Was, dürfen sie selber entscheiden.
Wenn wir Mahlzeiten zusammen einnehmen, sitzen wir gemeinsam am Tisch.
Nicht unbedingt, um alle zu essen, sondern um zusammen zu sein.
Der Supergau vieler Eltern scheint die Vorstellung zu sein, dass Kinder sich nur noch von Süßigkeiten ernähren würden. Und genau das passiert ja dann auch, wenn man ihnen nach jahrelanger Essensdiktatur uneingeschränkten Zugriff gewährt. Sie müssen dann nämlich so viel wie möglich davon fressen, bevor man es ihnen wieder verbietet. Und dann sagen genau diese Eltern: Siehste. Funktioniert nicht. Die werden dann dick und essen nichts anderes mehr.
Was hier passiert: Die leckere Schüssel mit Schokoladenpudding wird zum Beispiel vom Sohn immer als erstes herangezogen, um genüsslich den Löffel hineinzutauchen, während wir anderen meistens zuerst nach dem warmen Essen greifen. Wenn er damit fertig ist, schiebt er die noch halbvolle Schüssel Schokopudding beiseite und greift nach Kartoffeln/Gemüse/Fleisch.
Das Mottenkind mischt meistens. Schokolade und Kartoffeln, eine Nudel, ein Gummibärchen. Erst Gemüsesuppe, dann doch einen Erdbeere, dann lieber Ketchup pur…
Das Tochterkind mag es klassisch. Warmes Essen, daneben maximal etwas Obst, Nachtisch als letztes.
Herr Honig bekommt eine etwas größere Auswahl an Nahrungsmitteln, da die Kommunikation noch fehlt. Mal fliegt der Apfel durch die Küche, mal die Banane, mal der Joghurt, mal das Brot, mal die Schokolade (nie allerdings die Kartoffeln) Er hat immer sehr klare Vorstellungen davon, was ihm nun gerade guttut.
Wir benutzen den Begriff satt nur selten. Wir sind mit einer Art von Essen „fertig“, wenn wir noch etwas anderes essen wollen. Das kann der Teller mit Gemüse sein, wenn man noch was Süßes haben will, das kann aber auch der Nachtisch sein, mit dem man erst mal „fertig“ ist, wenn man noch etwas Suppe haben will.
Ich habe mal von der Regelung gehört, dass Eltern die Menge des Nachtischs davon abhängig machen, wieviel „ordentliches“ Mittagessen gegessen wird. Heißt für das Kind: Je mehr Nudeln/Gemüse/Soße ich esse, desto mehr Pudding bekomme ich. Wie man da ein gutes Gefühl für Essen und Bedürfnisse entwickeln soll, ist mir schleierhaft. Ich habe einmal erlebt, dass ein sehr übergewichtiges Kind direkt vor dem Essen fragte, ob es einen Apfel haben dürfte. Die Mutter sah sie entsetzt an, sagte „NEIN! Du isst jetzt fünf Minuten vor dem Essen KEINEN Apfel mehr. Es gibt gleich Schweinebraten und Kartoffeln!“. Als ihre Tochter wieder außer Hörweite war, wandte sie sich mir zu und beklagte: „Die denkt NUR ans Essen. Kein Wunder, dass wir solche Probleme mit ihrem Gewicht haben.“
Wenn die Kinder mich fragen, ob sie eine Packung Schokolade/Gummizeug/Pops/Sonstiges haben können, kaufe ich das genauso selbstverständlich wie die ständig geforderten Erdbeeren/Blaubeeren/Weintrauben. Wenn sie sich darauf einigen, dass geteilt wird, tun sie das, indem sie gleichgroße Portionen zuhause in Schüsseln verteilen. Wenn einer nicht teilen will, bekommt er eine eigene Packung, die für alle anderen tabu ist. Das ist eine Grundregel, die nicht gebrochen werden darf und gilt sowohl für Erdbeeren als auch für Gummibärchen. Wir genießen unser Essen und das geht nun einmal nicht, wenn wir es gegeneinander verteidigen müssen.
Einteilen müssen sie sich das selber. Wir kaufen nicht jeden Tag ein, wenn das Budget am Tag verbraucht ist, sage ich nein und das hat einen guten Grund, das wissen alle. Genörgelt wird nicht. Und ja, dann ist tatsächlich die Tafel Schokolade noch am selben Tag alle.
Und interessanterweise vergeht dann oft auch eine Woche oder zwei, bis das betreffende Kind das nächste Mal den Wunsch äußert, dass ich bitte vom Einkaufen etwas Süßes mitbringen soll.
Im Winter wird Reichhaltigeres gegessen, auch wenn anderes angeboten wird. Hochzeit für Kartoffeln, Eintopf, Nudeln, Käse und Schokolade. Im Sommer verschmähen sie alle diese Dinge und unser Obstverbrauch vervielfacht sich. Ich glaube, es gehört zu den destruktivsten Erziehungsansätzen, Kindern Essen zuzuteilen. Ihnen zu sagen, wann sie Hunger haben dürfen, wieviel Hunger sie haben dürfen und was sie essen dürfen.
Essen ist eins unserer Grundbedürfnisse.
Ein gesundes und intuitives Körpergefühl entwickelt man nur, wenn man sich auch tatsächlich frei von Zwang darauf konzentrieren darf, was einem guttut.
„Dein Körper gehört dir.“, predigen so viele Mütter in Bezug auf Gewaltprävention und zwingen ihre Kinder dann jeden Tag, etwas Ungewolltes in den Körper zu stecken, damit sie Nachtisch bekommen.
Missbrauchsprävention fängt bei der Selbstbestimmung beim Essen an.
Dankbarkeit
Genauso dankbar wie die Nachbarn vermutlich sein werden, erst einmal kein Kindergepolter und Getrampel mehr zu hören, wenn wir weg sind, werde ich dankbar sein, kein Geschrei, keine Schläge, keine Drohungen, kein Gekreische und kein Weinen, keine umgefallenen Möbel, keine Selbstmordandrohungen, keine lauten Kopulationsgeräusche und keine Polizei/Feuerwehreinsätze mehr mitzubekommen. Habe den Kindern geschworen, wenn sie mich dabei erwischen, dass ich im Haus noch einmal darum bitte, dass sie bitte nicht so trampeln oder leise spielen sollen, sie so laut kreischen dürfen wie sie können. Nie wieder. Freue mich darauf, Musik hören zu können, mit den Kindern tanzen zu dürfen, poltern und bohren und hämmern und singen zu können, wilde Verfolgungsjagden und Spiele ohne schlechtes Gewissen oder Zeitbegrenzung zu genießen und vor allem: nicht mehr aus dem Fenster kucken zu müssen, welche Autos gerade da sind, bevor man an die Freizeitgestaltung geht.
Freiheit.