Zuviel.

Zuviel Gefühl, zu viele Sinneseindrücke, zu viele Gedanken.

Und alles in einer euphorischen Grundstimmung, die mich einige Zentimeter über dem Boden schweben lässt. Der Renovierungsstau des Hauses ist deutlich schlimmer als ich durch die Besuche (mit Möbeln) bislang geschätzt habe. Nachdem ich gestern das Haus einmal fast unmöbliert gesehen habe, türmen sich gedanklich Arbeitslisten und Rechnungen übereinander.

Als wir gestern dort waren, befanden sich ca. 20 Menschen in unserem Haus und Garten und es geschah Zweierlei: einmal wurde ich völlig erschlagen von den Dingen, die dort passierten und war fast so etwas wie pikiert, als eine Gruppe von 6 Menschen mit Spaten bewaffnet riesige Löcher in meinen Garten buddelten, weil sie kreuz und quer Pflanzen, Sträuche und Bäume ausgruben und im zweiten Atemzug wurde mir klar, dass das dort tatsächlich alles eine Familie ist.

Für mich als Einzelkind, das keine größeren Familientreffen kennenlernen durfte, sehr beeindruckend. Alle fünf Kinder waren dort, mit Ehemännern bzw. -frauen und ihren jeweiligen Kindern.

Das Familienoberhaupt hat ihr Elternhaus verkauft.

Und wie sie ameisenstaatgleich hier ein Foto machten, dort einen Stein mitnahmen, Geschichten austauschten und überall im Garten ihre Lieblingspflanzen ausgruben oder Ableger abschnitten – von Pflanzen, die die vor einigen Jahren völlig unerwartet gestorbene Mutter geliebt hatte – überkam mich großes Mitgefühl.

Die Irritation wich, als mir klar wurde, wie viele Leben und Erinnerungen dort geboren wurden. Ich nehme aus dem gestrigen Tag eine Menge Gefühl, Respekt und Ehrfurcht mit.

Und Informationen über eine schier unglaubliche Masse an Gartenplätzen, an denen große Tiere vergraben wurden.

28. April 1896

Auf dieses Datum ist die erste Baugenehmigung datiert, die erlaubte, ein zusätzliches Gesindehaus ans Haupthaus zu bauen. Zu diesem Zeitpunkt war das Haus schon über 100 Jahre alt. Aufzeichnungen aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zu Umbauten, Anbauten, Neuregelungen des Baurechts. Nazizeit. Grundstücksbegehungen. Anweisungen, das Haus neu zu streichen, weil es ein Schandfleck der Gemeinde sei. Kriegszeit. Besatzungszeit. Die Familie des Sohnes wird von Russen aus ihrem Haus vertrieben. Sie verlieren alles, können nichts mitnehmen. Sie reisen über 500km hierher, wo sein Elternhaus steht. Sie wissen nur, dass der Vater tot ist, wissen nicht, ob die Mutter den Krieg überlebt hat. Und so stehen sie hier, am 5. Juli 1945, heimatlos und ohne Besitz und mit einem vierjährigen Sohn und bitten darum, in ihrem Elternhaus wohnen zu dürfen. Dieses ist inzwischen voll von Menschen, die aus den zerstörten Großstädten aufs Land verteilt wurden. „Sofort“ wurde auf den Antrag gestempelt.
Einiges in deutscher Kurrentschrift kann ich nicht lesen, alles, was ich entziffern kann, reicht völlig, mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken laufen zu lassen.

Fast Forward

Morgen dürfen wir den Vorbesitzer in unserem Haus noch mal besuchen und wollen die Übergabe besprechen.

Die Übergabe der Schlüssel.

Am Mittwoch.

Am MITTWOCH.

Nicht erst nächsten Sonntag, wie vereinbart.

Am MITTWOCH schon.

Ich dreh hier grad ein bisschen frei und versuche, den Kindern nichts zu verraten, falls es nun doch nicht klappen solte.

WAAAAAAHHH!

Medaille [zwei Seiten]

Der Mann unterhielt sich heute Morgen mit dem Vorbesitzer des Hauses, der auch aktuell noch dort wohnt.

Und noch 10 Mal schlafen verblasst gegen nie wieder dort schlafen dürfen.

Wie gut ich seine Tränen verstehen kann. Ich gönne ihm diese letzten Tage von ganzem Herzen, kann nur erahnen, wie viel Schmerz gerade in ihm bewegt wird.

Keine Mami

Durch einen ganz anders gelagerten Zwischenfall kam ich heute in den Genuss einer erwachsenen Begegnung. Einen Termin, den ich (natürlich, wie immer) mit vier Kindern und insbesondere mit einem Baby am Bein absolviert hätte, wurde durch die Ablösung durch den Mann mittags zu einem wirklichen Gespräch.

Erwachsen, in Ruhe.

Was der normale Arbeitnehmer, der in seinem ruhigen Büro arbeiten und sich konzentrieren darf, schon lange nicht mehr als Luxus empfindet, ist für mich genau das.

Und dann noch in exakt meinem Themenbereich.
Ich konnte vor dieser Gruppe Menschen aufstehen, das Wort ergreifen, sprechen, vorschlagen, führen, entscheiden.

Ich.

Nur ich.

Nicht ich als Mutter mit Baby, die auch was sagen kann, während sie nebenher das Kind beschäftigen muss, sondern ich. Fokus. Konzentration. Ruhe.

Ich durfte mich zu meiner vollen Größe aufrichten, ohne Sanftheit, ohne Güte, ohne leise sein zu müssen, weil eines meiner Kinder diesen Anteil in mir zu seiner Sicherheit benötigt. Laut. Kräftig. Meiner Selbst sicher.

Und ich merke so sehnsüchtig, wie sehr mir das fehlt.

Auch hier: es reicht mit Babys.
Es ist gut, wie es ist. Nicht noch einmal, wir sind komplett. Endgültig.
Ich habe mich für Kinder entschieden und für Haushalt und Mutterschaft.
Und auch noch für viele weitere Jahre, weil ich und wir das für wichtig halten.
Aber die Sehnsucht nach einem Ich ohne Kinder wuchs mit jedem weiteren Familienmitglied.

Ich habe immer gerne gearbeitet.
Ich war erfolgreich und hatte Spaß daran und damit.

Eine weitere Schicksalsbegegnung folgte direkt im Anschluss.

Eine Frau, die mich heute (wo ich ohne Kind/Baby war), endlich ansprach, was sie sich normalerweise ihrer Aussage nach nicht traute, weil ich ja immer mit „den vielen Kindern so beschäftigt“ sei und bestimmt nicht noch für ihr Anliegen ein weiteres Ohr hätte, schenkte mir ein weiteres intensives Gespräch.

Sie hatte meine Zeichnung im Kindergarten gesehen und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, etwas thematisch ähnliches für ihren Körper zu entwerfen.

Sie zeigte mir die Tätowierungen, die verbunden werden sollten und wir sprachen ausführlich über Motiv, Farben und Formen und ich malte ihr mit meinem Filzstift schwungvoll und enthusiastisch den Arm entlang, bis wir strahlend einander ansahen und mir klar wurde, was ich da tat.

Ich zog mich zurück. Mir ist klar, dass ich dafür keine Zeit habe.

Keinen Raum.

Keine Ruhe.

Kein … Recht?

Ich habe mich doch entschieden. Meine Priorität ist klar.
Die Sehnsucht brüllt so laut wie schon lange nicht mehr.

Dreistigkeit

Zu helfen, ist eine Sache.

Ohne Zustimmung dazu verpflichtet zu werden, eine andere.

Und definitiv nicht meine.

„Ich habe Sie schon eingetragen. Sie helfen doch, oder?“

– Wir können dieses Jahr leider nicht.

„Aber Sie helfen doch jedes Jahr!“

– Wir können dieses Jahr nicht.

„Aber Sie sind doch immer…“

– Wir ziehen da um. Nein. Wir. können. nicht.

„Vielleicht nachmittags…?“

– ….

Freundebücher [grünes Gras, andere Seite…]

Ich durfte mir gestern Abend nach langer Zeit mal wieder das Freundebuch des Tochterkindes durchlesen und als wir heute morgen beim Frühstückmachen alleine in der Küche sitzen, nutze ich die Gelegenheit für ein ernsthaftes Gespräch.

„Tochterkind, deine Freundinnen und Freunde geben bei „großes Vorbild“ alle „meine Mutter“ an!“

Ich sehe sie an und hebe die Augenbrauen.

„DU hast geschrieben, du hast kein großes Vorbild! Was sollen denn jetzt die anderen Mütter von mir denken??“

Ich lehne mich theatralisch zurück und tupfe eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel.

„Oar. Mama!“

„Die wollen am Ende alle nicht mehr mit mir spielen! Du musst bei sowas IMMER schreiben: Meine Mutter. Oder besser noch: meine wundervolle Mutter, die mich unter Schmerzen geboren und liebevoll aufgezo…..“ Sie unterbricht mich.

„Mami….“ Sie verdreht die Augen. „Ich will aber nicht so werden wie du. Es reicht völlig, wenn du so bist, wie du bist! Außerdem war das ein Kaiserschnitt.“

Ich reiße schockiert die Augen auf.

„Du meinst…. ich…. aber… du könntest wenigstens eine kleine Fußnote ergänzen, wie sehr du mich für meine sanfte Art bewunderst, mein Lebenswerk würdigst, mich lobend erwähnen wirst, wenn du reich und berühmt bist… selbst wenn ich für viel Geld deine Babyfotos an Zeitungen verkaufe…“

Ich schluchze ein wenig in mein T-Shirt.

Sie dreht die Augen gen Himmel, seufzt und streicht mir grinsend übers Haar.

„Alles wird gut, Mami.“

[Gör.]

Vier

Heute vor vier Jahren bist du gestorben.

Du bist nicht „viel zu früh“ von uns gegangen.

Du bist auch nicht nach „langer schwerer Krankheit“ gegangen.

Nicht „endlich“, nicht „unerwartet“, nicht „plötzlich“.

Aber gegangen bist du.

Vorfreude [Sehnsucht]

Ich fahre nicht mehr am Haus vorbei.
Ich kann nicht, es zerreißt mich fast.
Je weniger Tage es werden bis zum Umzug, desto schlechter kann ich mich zurückhalten.

Ich fürchte, wenn ich meinem Drang nachgebe, am Haus vorbeifahre, anhalte, dieses zarte Grün berühre… dann würde ich vermutlich nachmittags den Vorbesitzer dreckverschmiert aus der Hecke angrinsen, wenn er von der Arbeit kommt.

Also versage ich es mir völlig.
Nun ist es so, dass man Teile des Hauses von jedem Teil der Stadt gut sehen kann.
Das Haus steht sehr exponiert auf einem Berg, die Stadt liegt im Tal.
Ich sehe das Dach, wenn ich über die erste Brücke am Fluss fahre.
Ich sehe beide Fenster des Tochterkindes, wenn ich morgens das Auto am Ende der Straße wende.
Ich sehe das Fenster im ersten Stock, wenn ich dem Sohn beim Fußball zusehe.

Ich kann es fühlen, immer.
Tischler, Elektriker, Schornsteinfeger, Versicherungsmenschen, Techniker, alle stehen sie in den Startlöchern.

In den Tagen nach der Schlüsselübergabe reihen sich die Termine wie Tautropfen an einer Spinnenwebe aneinander.

Bald…

Morgenroutine

„Unterhose!“, brülle ich zum vierten Mal an diesem Morgen Richtung Sohn.

„Schule! Unterhosenpflicht!“, setze ich noch etwas lauter nach.

Die Migränetabletten wirken langsam. Aber immerhin wirken sie.

„Och Mami!!!“

Das Tochterkind will kuscheln. Ich schiebe langsam durch den Flur, eine anhängliche 10jährige an der Hüfte und wedle mit der Unterhose Richtung Kobold.

„Unterhose!“, meckere ich und zieh ihm das Ding auf den Kopf.

„Dann SCHWINGT er aber nicht mehr so schön!“, mault der Sohn zurück.

„Wer schwingt nicht mehr?“, kommt das zerzauste Mottenkind verschlafen aus dem Bett.

„Nichts.“, sage ich.

„Mein Superpenis!“, triumphiert der Sohn.

„Sein Geschlechtsteil.“, murmelt die Tochter pikiert.

Das Mottenkind ist noch nicht ganz wach. „Ich will AUCH einen Penis!“

„Du hast eine tolle Scheide und später hast du riesige Brüste, die du herumschwingen kannst!“, erklärt der Kobold anerkennend.

Gekicher an meiner Seite.

Ich verdrehe die Augen und versuche, das große Tochterkind von mir zu lösen.

„Ich muss die Frühstücksdosen fertig machen, Kind. Fang mal deine Ratte ein.“

„Duhu, Mami?“

„Hm?“, mache ich brummend, während ich uns Richtung Küche schiebe.

„Das Babykätzchen hat gerade ins Badezimmer gemacht.“

Ich schiebe sie entgeistert weg.

„Und das sagst du mir erst jetzt???“

„Ja, so ein bisschen Pipi und Durchfall. Ich hab ne Badematte draufgelegt.“

Ich reiße die Augen auf.

„Du hast WAS???“ Sie duckt sich so ein bisschen und ich starre sie völlig fassungslos an.

„AAAAAAAAAAHHHH, Mami, der schwingt mit seinem Penis nach mir!“, kreischt die Motte empört und ich werfe dem Kobold einen bösen Blick zu.

„Unterhose!“

Das Tochterkind ist inzwischen abgetaucht und ich sehe mir die Bescherung im Badezimmer an. Und putze.

„Ich bin noch so müüüüüüde!“, jammert der Kobold in Socken und Pullover hinter mir.

„Unterhose!“, fahre ich ihn an und setze das Baby in die Badewanne, um das Badezimmer weiterputzen zu können.

„Ahhhhhhh, Mami!! Ich muss ans Waschbecken!!!“

Das Mottenkind kommt mit falsch herum angezogenem Kleid ins Bad und will Zähneputzen.

„Jetzt nicht!“, sage ich und zeige auf den Badezimmerfußboden.

Sie dreht sich um und brüllt Richtung andere Kinder: „Mama sagt, wir müssen heute alle keine Zähne putzen!“

[Ich erleide meinen ersten Nervenzusammenbruch.]