Stille Post

Der Kobold ist heute aufgrund eines Zwischenfalls in der Nähe dahintergekommen, dass sein Vater in Notfällen zum Krisenstab des Katastrophenschutzes gehört.

Innerhalb von Sekunden stieg der Mann vom normalen Papa mit langweiligem Bürojob zu einer glühenden Lichtgestalt auf und ich bemühte mich um einen Dämpfer, indem ich mit kurzen Worten erklärte, was das überhaupt bedeutet.

„Also, Kobold. Da ist eine Giftwolke… blablabla … Evakuierung … blablabla… die Menschen sind in Sicherheit in einer Turnhalle und dürfen auch da schlafen, wenn sie heute Nacht noch nicht zurück dürfen…blablabla … Feuerwehrleute … blablabla … und wenn so was Schlimmes passiert, dann geht Papa dahin und muss mit anderen Männern entscheiden, wer wann wohin muss und warum.“

„WOAAAAAAAAAAHHHH, eine GIFTwolke!!!!“

-.-

Das Tochterkind kommt nach Hause.

„Stell dir vor, Papa ist in einer GIFTWOLKE gefangen und muss nun mit der FEUERWEHR alle Menschen aus ihren Häusern holen, die übernachten heute in Turnhallen!“

-.-

(erzähle meinen Spruch ein weiteres Mal dem Tochterkind, das mit blassem Gesicht in der Tür stehen geblieben ist)

Wir holen das Mottenkind ab.

„Motte, stell dir vor! Papa hat eine GIFTWOLKE gemacht und nun müssen 40Tausend Feuerwehrleute die Turnhalle löschen. BIS heute NACHT!!!!!“

-.-

(erzähle dem Mottenkind ein drittes Mal kurz die Geschichte, warum der Mann heute vielleicht nicht mit zu ihrem Fußball kann)

Wir kommen nach Hause, die Nachbarin steht vor der Tür. Ich ahne schreckliches.

„Hallo Frau Nachbarin. Stell dir vor! Papa hat eine GIFTBOMBE gezündet und nun müssen 60 Millionen  Feuerwehrleute ihn aus der Turnhalle befreien! In Spezialanzügen! Und da bleibt er bis heute Nacht!“

-.-

Ich blicke in das entgeisterte Gesicht der Nachbarin und setze zu einer Erklärung an. Da fängt sie bereits an zu sprechen:

„Ich habe das gerade in den Nachrichten gehört. Ihr Mann war das?“

o.O

[Ich sag jetzt nichts mehr]

falscher Film

Ich parkte heute Morgen auf dem Kindergartenparkplatz und baute nach dem Wegbringen der Motte noch die Kindersitze um, weil ich eine neue Anordnung der Kindersitze ausprobieren wollte.

Da kommt ein Vater zu mir ans Auto, grinst doof – wirklich doof, zwinkert und fragt in einem sehr überheblichen Ton von oben herab, ob er mir beim Ausparken helfen solle. Ich war völlig verdutzt und reagierte überhaupt nicht, ich starrte einfach nur verständnislos.

Ich muss auch relativ begrenzt dabei ausgesehen haben, denn er fragte amüsiert, langsam sprechend: „Ist das das Auto Ihres Mannes? Bekommen Sie den nicht rückwärts aus der Parklücke? Ich kann das für Sie machen.“

Ich rappelte mich und antwortete – immer noch äußerst verdutzt: „Nein danke. Ich baue hier nur Kindersitze um. Ich kann selber ausparken.“

Er zuckte mit den Schultern und murmelte noch etwas in einem abfälligen Ton, das ich leider nicht verstanden habe.

Selbst jetzt, drei Stunden später, bin ich immer noch völlig verwirrt ob dieser wirklich seltsamen Begegnung. Ich sah mich sogar um, ob mir vielleicht jemand einen Streich spielen wollte, aber da war keiner.

Termine

Ich werde noch irre, von 4 Menschen die Freizeitgestaltung/Hobbys/Training auf 7 Tage aufteilen zu müssen. Wie machen das Mütter mit noch mehr Kindern?

Aufklärung

„Jeden Monat darf bei dir eine Eizelle aus dem Eierstock hüpfen und über die Eileiterrutsche rutschen, stimmts, Mami?“

Ich lächle still in mich hinein.

Wir sitzen zu fünft am Mittagstisch und es ist eine meiner Lieblingsgeschichten vom Leben. Aufklärung ist kein Sachunterricht. Es ist keine Sache.

Es ist die Geschichte vom Leben.

Von der Liebe.

Der Sohn übernimmt: „Motte, du hast vergessen, dass die Eizelle doch ein halbes Rezept in der Hand hat, bevor sie rutscht.“

Ich nicke.

Eizellen sind haploid.

Es fehlt eine Information.

Wie beim Kuchenbacken, wenn ein Rezept in der Hälfte durchgerissen wurde.

„Und die Eizelle möchte immer so gerne einen Kuchen backen! Aber ihr fehlt ja die Hälfte vom Rezept! Und dann sitzt sie da so!“

Der Kobold fuchtelt aufgeregt mit seinen Armen.

Man sieht die kuchenbackwütige Eizelle förmlich vor sich.

Die Motte nickt ernsthaft. „Ja, genau. Und sie möchte so gerne mit dem ganzen Rezept in die Gebärmutter, wo immer schon ein Nest für ein Baby gemacht wird. Da kann sie dann auch den Kuchen backen!“

Der Kobold übernimmt wieder. „Aber da ist ja niemand mit dem zweiten Teil. Denn Mama und Papa wollen ja keinen Babys mehr.“

Er blickt mich vorwurfsvoll an.  „Also ist die Eizelle ganz allein mit ihrem halben Zettel. Und wenn sie dann ein paar Tage gewartet hat und keiner kam, dann rutscht alles mit so ein bisschen Blut aus der Scheide raus.“

Er seufzt. „Das ist so traurig, Mami.“

Ich nicke ein wenig betroffen.

Die Motte trumpft auf. „Aber da wartet ja schon wieder die nächste Eizelle, Kobold! Die darf ja dann auch bald rutschen!“

„Ja aber Motte, für die Eizelle, die da ohne Kuchen rausgerutscht ist, ist das jetzt echt traurig.“

„Da hast du Recht, Kobold.“

Der Kobold ist zufrieden, dass wir ob des Schicksals der traurigen Eizelle alle ähnlich betroffen sind wie er und wendet sich mir zu: „Mami. Alle deine weiteren Eizellen werden nun so traurig sein. Willst du das wirklich?“

Er hebt kritisch eine Augenbraue.

[Ja, will ich.]

Gezählte Tage

Das Abschneideband wird kürzer.

Bei 63 Tagen sind wir gestartet, die Hälfte haben wir rum.

Zwischenwelt, im Moment.

Nicht mehr ganz hier und noch nicht da.

Unerträglich in der Dunkelheit. Voller Hoffnung im Licht.

Zart

Ich könnte jetzt ausführlich viele Seiten von Katzen und Mädchen schreiben. Von Pubertät und Zärtlichkeitsbedürfnis. Von Toxoplasmose und Immunität bei Schwangerschaft. Ich kann von Tieren im Allgemeinen schreiben, von Katzenwelpen im Besonderen, von Eingewöhnung und von Kindern und Haustieren, von Verantwortung und Pflicht, von Fürsorge, aber das trifft es alles nicht.

Und so bleibt es still.

Es ist nur sehr schwer in Worte zu fassen, was hier momentan passiert.

Und wie dankbar – unendlich dankbar – ich bin, daran teilhaben zu dürfen.

Es sind zarte Bande, so dünn, so zerbrechlich…

Und ich darf zusehen.

Mitfühlen.

Anteil nehmen. Schweigen. Staunen. Weinen. Lieben. Loslassen.

Hilfsbereitschaft

Wenn man mit drei kleinen Kindern, 40kg Einkauf auf dem Rücken und einer Palette Joghurt auf dem Arm gerade zwischen zwei Stockwerken das kleinste Kind die Treppen hinaufbegleitet, weil es die aus sicherheitstechnischen Gründen noch nicht alleine laufen darf und das Kind dann abrutscht und man sich entscheiden muss, was man nun festhält, lasse zumindest ich zuerst die Joghurtbecher fallen.

Wenn in genau diesem Moment, in dem die Becher fallen, ich stolpere, das Kind nach vorne auf den Treppenabsatz schubse, damit es sicher bleibt und zwei, drei Treppenstufen nach unten rutsche und mich mit dem knappen Zentner Einkauf auf die Treppe lege, der Nachbar, für den ich jeden verfickten Tag seine Pakete annehme, wegen derer der Postbote das Baby aus dem Mittagsschlaf klingelt, ins Haus kommt und auch sieht, was da gerade passiert ist und dann nett grüßt, sich an mir, die ich da so im Weg auf der Treppe liege, vorbeischiebt, die großen Joghurtpfützen gekonnt umrundet, den Sohn zur Seite schiebt und dann mit einem amüsierten „vielleicht das nächste Mal besser zweimal laufen“ in seiner Tür verschwindet, dann fehlen mir einfach nur die Worte.

Heiße Tränen waren dafür viele da, als ich mich aufrappelte, die Kinder beruhigte, Herrn Honig kontrollierte und meine lädierte Vorderseite ignorierte.

Ich schiebe das brüllende Kleinkind nach oben, der Sohn übernimmt den Rest Begleitung bis nach oben, ich stelle die Tasche und die Joghurtbecher zur Seite und putze mit Teilen des Einkaufs (wie pratkisch) erst mal die Treppe.

Ja, vielleicht laufe ich das nächste Mal besser zweimal.
Dafür läuft er ab sofort jeden Tag zur Post.