Aufklärung

„Jeden Monat darf bei dir eine Eizelle aus dem Eierstock hüpfen und über die Eileiterrutsche rutschen, stimmts, Mami?“

Ich lächle still in mich hinein.

Wir sitzen zu fünft am Mittagstisch und es ist eine meiner Lieblingsgeschichten vom Leben. Aufklärung ist kein Sachunterricht. Es ist keine Sache.

Es ist die Geschichte vom Leben.

Von der Liebe.

Der Sohn übernimmt: „Motte, du hast vergessen, dass die Eizelle doch ein halbes Rezept in der Hand hat, bevor sie rutscht.“

Ich nicke.

Eizellen sind haploid.

Es fehlt eine Information.

Wie beim Kuchenbacken, wenn ein Rezept in der Hälfte durchgerissen wurde.

„Und die Eizelle möchte immer so gerne einen Kuchen backen! Aber ihr fehlt ja die Hälfte vom Rezept! Und dann sitzt sie da so!“

Der Kobold fuchtelt aufgeregt mit seinen Armen.

Man sieht die kuchenbackwütige Eizelle förmlich vor sich.

Die Motte nickt ernsthaft. „Ja, genau. Und sie möchte so gerne mit dem ganzen Rezept in die Gebärmutter, wo immer schon ein Nest für ein Baby gemacht wird. Da kann sie dann auch den Kuchen backen!“

Der Kobold übernimmt wieder. „Aber da ist ja niemand mit dem zweiten Teil. Denn Mama und Papa wollen ja keinen Babys mehr.“

Er blickt mich vorwurfsvoll an.  „Also ist die Eizelle ganz allein mit ihrem halben Zettel. Und wenn sie dann ein paar Tage gewartet hat und keiner kam, dann rutscht alles mit so ein bisschen Blut aus der Scheide raus.“

Er seufzt. „Das ist so traurig, Mami.“

Ich nicke ein wenig betroffen.

Die Motte trumpft auf. „Aber da wartet ja schon wieder die nächste Eizelle, Kobold! Die darf ja dann auch bald rutschen!“

„Ja aber Motte, für die Eizelle, die da ohne Kuchen rausgerutscht ist, ist das jetzt echt traurig.“

„Da hast du Recht, Kobold.“

Der Kobold ist zufrieden, dass wir ob des Schicksals der traurigen Eizelle alle ähnlich betroffen sind wie er und wendet sich mir zu: „Mami. Alle deine weiteren Eizellen werden nun so traurig sein. Willst du das wirklich?“

Er hebt kritisch eine Augenbraue.

[Ja, will ich.]

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