Blüte [Christiane]

Mir wurde heute Morgen Hilfe angeboten.

Ganz ohne Not, ohne enge Beziehung, einfach nur aus Nächstenliebe.

Und das ist grandios.

Ich merkte, wie alles gleich ein wenig heller und leichter wurde, einfach, weil da jemand war, der sich um mich Gedanken machte, tatsächlich Zeit aufwandte, um sich zu überlegen, wie er mir helfen könnte, den Umzug etwas weniger stressig zu gestalten, obwohl er selber körperlich eingeschränkt ist.

Was für ein Geschenk.

Schule

Mein Glas Morgenkoffein steht auf einer Jahrestabelle des Bundesamtes für Statistik für Straßenverkehrsunfälle unter dem Einfluss berauschender Mittel unter besonderer Berücksichtigung des Anteils der Alkoholunfälle an allen Unfällen in Prozent.

Tochterkind. 5. Klasse.

Nachdem wir entartete Pornographie, Mobbing und Rassismus durchhaben, kommen nun Alkohol und Drogen.

Die Kinder sollen „selber mal nach Alkoholunfällen googeln“ und da geht bei mir das rote Tuch hoch. Herrgottnochmal, das kann doch nicht sein.

Statt sie mit positivem Wissen zum Brennen zu bringen, ihre Interessen zu wecken, ihre Begeisterung zu entfachen, ihre Leidenschaft anzustacheln, bremsen und stopfen wir sie mit Dingen, die ihnen passieren könnten.

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Immer.

fusselige Fledermaus

Das fledermausbeohrte Katzenbaby wird langsam von unserer Katze akzeptiert.

Mit mürrischem Fauchen kommentiert sie zwar nach wie vor jede seiner Bewegungen, aber sie steht inzwischen nicht einmal mehr dafür auf. Selbst wenn er unmittelbar neben ihr einen Anfall bekommt. Das ist ein riesengroßer Fortschritt, der früher kommt als ich erwartet habe. Wenn er richtig austickt, verlässt sie sogar ihren Ruheplatz um zu sehen, was das bekloppte kleine Katzenkind nun schon wieder tut. Sie setzt sich dann in einigem Abstand hin und beobachtet, wie er wie von der Tarantel gestochen ein Zimmer auseinandernimmt, seinem Verfolgungswahn nachgibt oder mit völlig abgedrehten Geräuschen über den Teppich robbt.

Die Bindung zum Tochterkind funktioniert hervorragend.

Kommt sie aus der Schule wird aus dem Rabauken plötzlich ein hilflos fiependes kleines Bündel Fell, das dringend auf den Arm genommen werden muss und sich schmusend von Stuhl zu Bank zu Tisch tragen lässt. Während der Hausaufgaben sitzt er entweder stiftefangend zwischen Stiftbehältern und Schulbüchern oder er robbt sich milimeterweise unauffällig immer weiter auf Buch oder Heft, bis er schließlich direkt vor dem Tochterkind auf dem Rücken liegt und wieder hilflos maunzend verkündet, wie klein und vernachlässigt er doch ist.

Beide schlafen Arm in Arm oder er schläft auf dem Kopfkissen meiner Tochter während sie zur Seite rutscht, um „das Baby nicht zu stören“.

Ich merke, wie der Zauber von kleinen Katzen ungebrochen ist, in mir allerdings nicht mehr so viel Sehnsucht auslöst wie früher.

Ich ziehe den Flerken vor, ihre Macken und ihre Abweisungen, ihre Diven- und Launenhaftigkeit. Sie profitiert sehr vom Katzenkind, wird noch einmal zugänglicher – und wenn es nur ist, auf meinem Schreibtisch zu sitzen und mir ihr Leid bezüglich des Flohs zu klagen, der nun gerade auf ihrer Decke liegt.

Ich genieße das sehr.

Das Tochterkind hat auf ihrer Wandlung zum Schmetterling einen wahrhaft guten Gefährten gefunden.

Wenn sie diese Linie um sich zieht, die wir hier nicht übertreten können und dürfen, dann spaziert das fledermausohrige Baby direkt darüber hinweg, maunzt ein bisschen herum, lässt sich auf ihrem Schoß nieder, schnurrt und lässt sich zärtlich in den Schlaf kraulen.

Seelenbalsam.

Toleranz vs. Tellerrand

Habe einen sehr abfälligen Facebook-Eintrag einer Person über einen Fünfjährigen mit Schnuller gesehen.

Es folgten zustimmende Kommentare über Kieferprobleme, Ersatzbefriedigungen, Verantwortungslosigkeit der Mutter, etc.

Die Themenstarterin vertrat die Meinung, dass ab einem bestimmten Alter ein Schnuller nur noch für die Eltern bequem sei.

Ich muss dabei an die Freundin meiner Tochter denken, die nach der Schule im Auto ebenfalls von ihrem Vater ihren Schnuller ausgehändigt bekommt. Ihn in den Mund steckt, ihre Schnuffeldecke umklammert und dann erst einmal entspannt in den Sitz zurücksinkt.

Sie ist jetzt 11 Jahre alt.

Ich weiß, wie geheim sie diesen Schnuller halten muss.

Jeder kann sich die Konsequenzen vorstellen, die es hätte, wenn ihre Freunde oder Freundinnen davon erfahren würden.

Ein bisschen Vertrauen darin, dass die Dinge, die wir sehen, einen Grund haben.

Dass es diese eine Seite gibt, die wir eben nicht sofort sehen können.

Aber das ist wohl zu viel verlangt.

Lähmung

Es läuft alles.
Soweit.
Und doch taumle ich gefährlich nahe an den Rändern des schwarzen Loches entlang, das zu meinem Leben gehört.

Verloren in Zeit und Raum.
Zeiten, die fehlen, aber von mir nicht gelebt wurden.
Räume, die wechseln ohne dass ich sie gewechselt hätte.
Warum jetzt?
Ich weiß, es reicht ein Trigger, ein Flashback, ein blöder Vorfall, der mich zum stürzen bringt.

So nah.
Ich kann es fühlen und es lähmt mich.
Vom Zwang, glücklich sein zu müssen.
Ich habe doch alles.
Es füllt nur nicht die innere Leere, die in mir wohnt.
Ich weiß nicht, ob diese Leere jemals verschwinden wird.

Das Loch heißt Gleichgültigkeit gepaart mit Sinnlosigkeit und dies beschreibt gleichzeitig die zerstörerischste Empfindung, die man haben kann. Hass, Wut, Trauer, Liebe, Hoffnung, Verzweiflung, Freude, Glück… alles ausgelöscht, wenn man dort sitzt.

Kein Gefühl in meinem Leben war je so schwarz wie die Momente ohne Hoffnung.

Lebens-müde.

Aufklärung

Das mit Abstand großartigste Buch zu dem Thema für Kinder und Jugendliche ist „Das Buch vom Liebhaben“ von Martin Furian.

Ich habe es zufällig auf dem Sperrmüll gefunden und seit vielen Jahren lese ich immer wieder darin. Es ist derartig liebevoll auf Augenhöhe geschrieben, dass ich viele Male weinen musste, um etwas, das mir so nie jemand gesagt hat.

Er schreibt so gefühlvoll von sich und seinen Ansichten in direkter Ansprache, dass man in einem warmen Kokon gehüllt mit auf die Reise gehen darf, welche Formen Liebe und Liebhaben annehmen kann, ohne dass er jemals diese zarte Grenze der Unschuld überschreitet.

So vieles heilte mit dem Lesen des Buches. Das Kind in mir hat dieses Buch lesen dürfen und die Frau in mir hat endlich verstanden.

Waage

Schlechtes Gewissen und Sehnsucht vertragen sich nur schlecht miteinander.

Eines von beiden wird unterwegs auf der Strecke bleiben. Das bedeutet, dass man entweder unglücklich wird oder macht.

Neugierde

Ein sehr weiblich neugieriger Teil meines Selbst fragt sich ja doch ab und an, womit der Nachbar von unten seine mürrische Freundin jeden Tag mehrfach derartig laut zum Stöhnen bringt.

Fehlgeleitet

Nachdem der Kobold ein derartiges Talent beim Fußball gezeigt hat, dass man mit Tränen in den Augen auf die Knie sinken möchte, weil es einfach so unglaublich bezaubernd ist, was er mit einem Fußball tun kann, wollte das Mottenkind nun auch mal.

Also durfte sie mit zum Probetraining.

Zuversichtlich ging ich davon aus, dass sich das Thema nach spätestens 10 Minuten von alleine erledigt hätte, weil es dort nämlich recht ruppig zugeht.

Im rosa Pullover mit wippenden Rattenschwänzen , grauer Hose, rosa Stulpen und Turnschuhen hüpfte sie ambitioniert über den Platz wie ein Känguru, das modisch in den 80ern stehengeblieben ist.

Ihre Vorgehensweise unterschied sich leider eklatant von der der anderen Spieler.

Leider auch vom Regelwerk.

Und so lag das Mottenkind im eigenen Strafraum motzig auf dem Ball wie ein kleiner Käfer, der sich auf einer Kirsche festklammert und weigerte sich, ihn wieder herzugeben.

Das führte spontan zu einem Elfmeter für die andere Mannschaft, den sie mit Enthusiasmus gerne selber schießen wollte.

Als man ihr erklärte, dass die Gegner den Elfmeter schießen dürfen, brach sie in Tränen aus und schlug vor, dass man doch noch mal darüber reden könne.

Beim Freistoß, den der Sohn (der in der selben Mannschaft spielte) ausführen durfte, stellte sie sich mit der gegnerischen Mannschaft auf und versuchte zu verhindern, dass der Kobold aufs Tor schießt. Der Kobold nahm sie zur Seite und erklärte, dass es gut sei, wenn der Ball auf der anderen Seite ins Tor ginge.

Sie zeigte sich versöhnlich, bis einer ihrer Kindergartenfreunde den Ball hatte und ihr nicht abgeben wollte.

Sie zog ihn also am Trikot, schubste ihn auf den Rasen, trat ihm wütend brüllend vors Schienbein, wie sie das Minuten vorher bei anderen Spielern beobachtet hatte, hob den Ball hoch und rannte Richtung großer Bruder.

Ich schlug nach dem Training vor, dass wir vielleicht einfach noch mal einen anderen Sport ausprobieren, woraufhin sie antwortete, dass sie jetzt Fußball spielen würde! Das wäre toll! Da ginge sie jetzt immer hin!

Himmel hilf.