Für die Ewigkeit. [Denise aus dem Erdgeschoss]

„Es gab da so ein Sonderangebot für die Maschine. Mit Nadeln und so. Aus Asien. Bei ebay. Die Tinte ist hier zwar nicht zugelassen, aber egal. Mach’sch mir jetzt einfach selber.“

Das sind so 5 Dinge in wenigen Sätzen, die mich schreiend davon laufen lassen.

[werde den Mann heute Abend mal fragen, warum da Tausender für seine Rückwandbemalung über den Tisch gehen, wenn ich doch für Neunundreißigfuffzich bei ebay… ]

Sichtweise

Das große Tochterkind hat seit einigen Jahren eine Brille. Das schlimmste, das ihr – als sie kleiner war – mal passiert ist: eine Schraube war locker. Und – uh! was war das für ein Drama. Die Brille wird täglich geputzt und wohlbehütet.
Das Mottenkind trägt seit letztem Jahr eine Brille und ich muss jeden Tag mit der Zange dran. Total windschief, Schrauben lose, Glas raus, Bügel verstellt. Ich weiß nicht genau, WAS sie mit dem Ding macht, aber wenn sie mittags aus dem Kindergarten kommt sieht die Brille aus als hätte man sie durch den Dreck gezogen, wäre drauf herumgehüpft, als hätten sich alle ihre Freunde der Reihe nach einmal erst mit dem Hintern draufsetzen dürfen und hinterher noch daraufgekniet. Erzieherinnen und Motte beteuern, dass die Brille die GANZE Zeit auf Mottenkinds Nase ist. Ich hege da Zweifel.
Beide Kinder tragen extra strapazierfähige Kinderbrillen, die sauteuer laut Hersteller unkaputtbar sind.

Am Freitag fiel dem Mottenkind beim Mittagessen im Kindergarten auf, dass ein Glas fehlt. Rausgefallen, kann ja mal passieren, erklärten mir die Erzieherinnen mit lässigem Gesichtsausdruck, als sie mir eine Art Metallskulptur überreichten. Ich starrte fassungslos auf das Metallevent mit einem Glas in meiner Hand. Das könnte mal die Brille meines Kindes gewesen sein. Meine Fassungslosigkeit wurde nicht geteilt. „Bisschen verbogen“.

Ich atmete hörbar ein und aus.
Der Mann, drei Kinder und ich suchten den Kindergarten-Garten und den gesamten Kindergarten nach dem Glas ab – nichts. Ich durchwühlte Spielzeugkisten und wandte meinen spezial-Motten-Trick an: „Motte? Nehmen wir mal an, der Brille ist aus Versehen was passiert. Das ist ja nicht schlimm, ne?“

„Hmhmm, Mami.“

„Und vielleicht kannst du mir ja erzählen, was da aus Versehen passiert ist.“

Ich lag bäuchlings quer unter einem Basteltisch, als sie anfing: „Ja. Also. Aus Versehen hab ich die Brille kurz abgesetzt. Und dann hab ich aus Versehen draufgehauen so fest ich konnte.“

Ich stöhnte verhalten und atmete ein paar Staubflusen ein und aus. Immer ruhig bleiben. Ein bisschen Lego lag unter der Heizung und ich schob es durch einen kleinen Sandhaufen.

„Und dann, Motte?“ – „Ja, also dann war sie aus Versehen ganz verbogen. Ich hab sie dann wieder aufgesetzt. Das wackelte aber nur ein bisschen! Und dann hab ich beim Mittagessen bemerkt, dass ein Glas fehlt.“ Ich schnaufte innerlich noch ein wenig empört vor mich hin bevor ich mich unter dem Tisch hervorquälte. Die Suche blieb erfolglos. Auch die Putzfrau fand nichts, wie wir gestern erfuhren und so machen wir uns heute auf den Weg zum Optiker und suchen zusätzlich zu dem neuen Glas vermutlich eine neue Brille aus.

Die Möglichkeit einer Reparatur bezweifle ich noch.

Haftung

Ich schätze, unsere gesamte Straße weiß nun, was mein Sohn getan hat.
Erst, als unsere sehr geschätzte Nachbarin hinter ihm herrannte und wütend bei uns klingelte und mir zubrüllte, er solle endlich ihr Auto in Ruhe lassen, dann, als ich nach einem „Gespräch“ mit meinem Sohn erfuhr, was er da getan hat (nicht zum ersten Mal) und ich dann wutschnaubend die Straße mit ihm im Schlepptau herunterstapfte, nicht ohne laut und wütend aufzuzählen, was er nie wieder in seinem Leben tun wird und schlussendlich durch den Streit mit einer sich einmischenden Nachbarin, die mir zurief, ich solle nicht so sauer sein (während ich stapfte und mit ihm schimpfte, ganz schlechtes Timing). Ich herrschte sie an, dass ich so sauer bin wie ich will, wenn mein Sohn an fremde Autos geht und stapfte weiter, gefolgt von einem äußerst kleinlauten Kobold. Nachdem wir mehrfach geklingelt hatten und niemand aufmachte, fing ich an zu rufen. Ich wusste ja, dass sie da war. Der Hund bellte, sie war Minuten vorher schließlich bei uns und sie hat es mit dem Herzen. Kurz befürchtete ich, dass es eskalieren würde, als sie schließlich öffnete, aber nachdem ich sagte, dass wir da wären, um uns zu entschuldigen und der Kobold ihr höchstpersönlich etwas sagen würde, der vor lauter stammeln und weinen kaum ein Wort herausbekam, sah ich die Nachsicht in ihrem Blick. Sie ist Mutter.
Ich weiß, dass wir hier in einer unmöglichen Gegend wohnen. Ich weiß, dass ihr oft das Auto zerkratzt wird, die Antenne abgebrochen… all diese Sachen. Und dann fängt mein Sohn mit diesem Mist an. Sie sagte ihm, es sei gut, dass er sich entschuldigen würde. Und dass er nichts an anderen Autos zu suchen hat. Dass sie nicht böse auf ihn ist, aber dass sein Verhalten total scheiße war. Klare Worte, die ankamen. Besser hätte es nicht laufen können. Auf meine Bitte, das nächste Mal bitte GLEICH zu uns zu kommen und uns zu informieren und nicht erst beim dritten Mal, sagte sie, sie dachte, es hätte keinen Sinn. Weil Kinder unter 8 Jahren gar nicht haftbar gemacht werden könnten und die Eltern bis zum 8 Lebensjahr eben auch nicht, wenn was passieren sollte. Ich bin da etwas vom Glauben abgefallen, denn wozu haben wir denn so hohe Haftpflichtversicherungen? Ich muss das nachlesen.
Jetzt Totenstille zuhause. Dem Kobold wurden bis auf weiteres alle Privilegien entzogen und so klein habe ich ihn glaube ich noch nie gesehen. Mein Herz tut weh.

Möchte mich dazusetzen, mich an ihn kuscheln und einfach nur heulen.

Nebenkosten…

Seit vorgestern ist die große Rechnungsmaschinerie angelaufen. Die Beträge – obwohl natürlich durchgerechnet – treiben mir die Tränen in die Augen. Hier ein paar Tausender für den Notar, viele, viele Tausender mehr für die Grunderwerbssteuer, damit das Finanzamt überhaupt erst mal die Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellt und alles andere in Gang kommen kann. Sehr bezeichnend. Es ist viel Geld, das da momentan den Besitzer wechselt und das noch ganz ohne den Kaufpreis für das Haus an den Verkäufer gezahlt zu haben. Und wir sind noch nicht mal bei den kleinen Erstanschaffungen wie Feuerlöscher für drei Etagen oder Feuermelder für 21 Räume oder den zwei neuen Treppen, da die jetzigen Treppen die Brandschutzverordnung nicht erfüllen… Es ist auch beim zweiten Mal ganz erstaunlich und bemerkenswert zu sehen, was für ein finanzielles Loch ein Haus erstmal ist.

Zäääh.

Es zieht sich. Ich habe in der Zwischenzeit davon Abstand genommen, sehnsüchtig seufzend hinter dem Garten zu stehen und vor Sehnsucht zu vergehen. Ich fahre am Tag höchstens noch so 3 oder 4 Mal daran vorbei. Werde dabei aber nur geringfügig langsamer oder halte allerhöchstens mal ein Minütchen, während aus der zweiten und dritten Sitzreihe ein leicht genervtes Mamaaaaaa… kommt. Wir schneiden Zahlen von unserem Wie-oft-wir-noch-schlafen-müssen-Streifen ab und sind immer noch bei weit über 50 Mal abschneiden und schlafen. Ich bin ungeduldig.
Der Mann warf meine Efeusetzlinge weg, weil er sie für abgeschnittene Erdbeerstrünke (!) hielt. Tage, an denen man über Trennungsjahre nachdenkt. Ich habe mich dann für Gartenverbot entschieden. Der Mann darf den Garten ab Mai nur noch in fachkundiger erwachsener Begleitung betreten.

Herr Honig wird größer und verständiger und spricht nach wie vor kein einziges Wort, auch wenn ich in langen Monologen darlege, warum es von solch großem Vorteil wäre, nun mit sprechen zu beginnen.
Die Pubertät hat mehr als nur angeklopft und ich stehe jeden Tag vor diesem fragilen Tochtergeschöpf, das anscheinend die Last dieser Welt auf sich geladen hat, nur um kurz darauf wieder in infantile Verhaltensweisen zurückzufallen. Schön kann das nicht sein.
Für mich allerdings auch mehr als verwirrend.

Der Kobold ist ein Fußballer. Und ich muss gestehen: ich hab’s ihm nicht zugetraut. Das Kind, das bei einem Splitter in Ohnmacht fällt, bei Blut Panikanfälle bekommt,  noch Monate später zu zittern beginnt, wenn er sich an die Spritze bei Impfungen erinnert und bei jedem Streifen, jeder Berührung, jedem Zusammenstoß mit anderen Menschen aufjaulend zu Boden sinkt, dass mir wildfremde Menschen in Einkaufszentren schon angeboten haben, einen Notarzt zu rufen, weil es sich um eine Herzattacke oder einen epileptischen Anfall handeln könnte, steht im Raum vor dem eigenen Tor und lässt niemanden mit einem Ball Richtung Tor laufen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Der Mann ist begeistert und ich glaub es ihm kaum. Auch der Kobold geht mit einer Nonchalance über an den Kopf getretene Bälle und Fouls hinweg, die seine Schienbeine eines Dalmatiners würdig gestalten, dass ich nur nach Luft schnappen und weiteratmen kann. Als Nebeneffekt komme ich nun leider in Kontakt mit der Spezies Frau und Fußballkindmutter, die die Sonntage auf Turnieren mit meinem Mann dazu nutzen, ihre Brüste an ihm zu reiben und ihn zu fragen, ob er verheiratet ist.

Das Mottenkind blüht im Kindergarten wieder auf. Nach der langen Zeit zuhause geht es endlich wieder weiter und in der ihr ganz eigenen diktatorischen Art hat sie ihre Anhängerschaft wieder erfolgreich um sich geschart. Ich habe Kinder mit derartigem Charisma immer verabscheut, weil meine eigene Herrschaft sich immer auf Einschüchterung gründete. Nun habe ich selbst eines und dackle morgens staunend hinter ihr her und bemühe mich, dieses Geschenk nicht durch meine verqueren Selbstbilder kaputt zu machen. Ich beiße mir auf die Lippen, weil Demut von einem selbstbewussten Menschen deutlich einfacher erfahren werden kann als später aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus zu versuchen, so etwas wie Selbstwertgefühl zu entwickeln. Die Katze, die nach 5 Jahren fast so etwas wie sozial ist, solange man sie nicht erschreckt, zu dicht an ihr vorbei geht oder zu lange braucht, sie zu streicheln, wenn sie laut maunzend befiehlt, jetzt beschmust werden zu müssen, weiß noch nicht, dass sie bald einen kleinen tollpatschigen Babykater unter ihre Fittiche nehmen muss.

Läuft, alles.
Und trotzdem scheint die Zeit im Moment stillzustehen.
Zäh.

Gleichklang

Irgendwann in den Tagen nach der zweiten Besichtigung lagen wir weit nach Mitternacht beide wach, das Baby wie immer leise schnurchelnd zwischen uns. Ich tastete nach der Hand des Mannes und dann lagen wir da. “Wir sind dann die Weasleys.“, flüsterte ich. Ich konnte sein Grinsen durch die Dunkelheit hören. Auch ihn hatte das Haus ganz massiv an den Fuchsbau erinnert. Es ist das perfekte Haus für eine Kindheit.

Für unsere Kinder. Für uns.

Nachwehen

Ich habe Muskelkater.
Eineinhalb Stunden in höchster Muskelanspannung zu sitzen und sich zu disziplinieren, nicht einfach panisch brüllend zu flüchten oder die Erinnerungen hochkommen zu lassen und dabei noch so sozialisiert zu wirken, dass die Beteiligten meinen Geisteszustand nicht anzweifeln würden, verlangt seinen Tribut. So Momente, in denen einem dann doch bewusst wird, wie behindert man im Grunde ist. Ich habe große Zweifel, dass die Täter von damals sich noch groß Gedanken darüber machen, was vor etlichen Jahren passiert ist, geschweige denn, dass ihre Taten noch Einfluss auf ihren Alltag haben. Der Mann stellte sich mit sich mit seinem Körper sehr günstig zu mir auf, so dass ich mich zumindest auf instinktiver Ebene sehr sicher fühlen konnte. Die Tatsache, dass er mit seiner Körperkraft und seinen Körpermaßen den anderen Männern weit überlegen war, tat sein Übriges. Aber hey: geschafft.
Garten. Bald.
GARTEN!

Der Mann und ich haben beide ein Haus mit Garten aufgegeben, damit wir hier zusammen leben und eine Familie gründen können. Die letzten Jahre waren so geprägt von den Nachwehen unserer ersten Ehen … – Scheidungen, Hausverkäufen, Unterhaltsstreitigkeiten, Klagen, Anwälten, Verträgen…, dass wir mit dem Abschließen des letzten Kapitel Ende letzten Jahres nun auch endlich durchatmen können. Keine Altlasten mehr.

Freiheit.

Eingesperrt. [Dissoziation]

Ich will meine Familie nicht verlassen. Ich will nicht. Ich würde mir lieber meine Hand abhacken als so zu werden wie meine Mutter oder mein Vater. Aber was, wenn ich es nicht mehr merke? Was, wenn ich es nicht mehr steuern kann? Was, wenn ich es nicht weiß? Ich kann nicht beeinflussen, wer hier ist, wenn ich es nicht bin. Was, wenn sie es ist? Was, wenn ich gehen muss, weil ich es nicht mehr unter Kontrolle habe? Spüre den schalen Nachgeschmack des Jähzorns und des Hasses. Versuche, hinzuspüren, wo im Moment nur verschlossene Türen zu fühlen sind. Verzweiflung.

Ausgesperrt. [Dissoziation]

Keine Ahnung, was war. Keine Ahnung, was ist. Keine Ahnung, was wird. Ich kenne das System und ich kenne die Mechanismen und ich bewege mich auf diesem dünnen Eis wie auf Treibsand. Ich verliere die Achtsamkeit, verliere mich in meinem Schutz, der doch so gut weggepackt war. Nichtiger Anlass, vermeldet das Gehirn und doch muss da etwas sein. Angst, natürlich. Einen anderen Beweggrund gibt es nicht, denn Liebe kann es nicht sein. Unverhältnismäßig, hämmern die Gedanken und ich versuche mich verzweifelt zu erinnern.

Es gelingt mir nicht.