Süßigkeiten und Missbrauchsprävention

Es ist ein Thema, das immer wieder auf den Tisch [Haha.] kommt. Egal wo. Kinder und Süßigkeiten.

Und meistens ernte ich sehr ungläubige Blicke, wenn ich tatsächlich einmal ausführlicher antworte, wie es hier gehandhabt wird. Wir haben drei normalgewichtige Kinder und ein untergewichtiges Kind. Alle dürfen – wenn Süßigkeiten für sie da sind – davon essen soviel und vor allem wann sie wollen. Wenn wir Nachtisch beim Essen haben, dann kommt dieser Nachtisch mit dem normalen Essen zusammen auf den Tisch und sie dürfen diesen Nachtisch auch gerne als erstes essen.
Auch ausschließlich. Wir reglementieren das nicht und kommentieren es auch nicht.
Alle Kinder essen, wenn sie hungrig sind.
Was, dürfen sie selber entscheiden.
Wenn wir Mahlzeiten zusammen einnehmen, sitzen wir gemeinsam am Tisch.
Nicht unbedingt, um alle zu essen, sondern um zusammen zu sein.

Der Supergau vieler Eltern scheint die Vorstellung zu sein, dass Kinder sich nur noch von Süßigkeiten ernähren würden. Und genau das passiert ja dann auch, wenn man ihnen nach jahrelanger Essensdiktatur uneingeschränkten Zugriff gewährt. Sie müssen dann nämlich so viel wie möglich davon fressen, bevor man es ihnen wieder verbietet. Und dann sagen genau diese Eltern: Siehste. Funktioniert nicht. Die werden dann dick und essen nichts anderes mehr.

Was hier passiert: Die leckere Schüssel mit Schokoladenpudding wird zum Beispiel vom Sohn immer als erstes herangezogen, um genüsslich den Löffel hineinzutauchen, während wir anderen meistens zuerst nach dem warmen Essen greifen. Wenn er damit fertig ist, schiebt er die noch halbvolle Schüssel Schokopudding beiseite und greift nach Kartoffeln/Gemüse/Fleisch.
Das Mottenkind mischt meistens. Schokolade und Kartoffeln, eine Nudel, ein Gummibärchen. Erst Gemüsesuppe, dann doch einen Erdbeere, dann lieber Ketchup pur…
Das Tochterkind mag es klassisch. Warmes Essen, daneben maximal etwas Obst, Nachtisch als letztes.
Herr Honig bekommt eine etwas größere Auswahl an Nahrungsmitteln, da die Kommunikation noch fehlt. Mal fliegt der Apfel durch die Küche, mal die Banane, mal der Joghurt, mal das Brot, mal die Schokolade (nie allerdings die Kartoffeln) Er hat immer sehr klare Vorstellungen davon, was ihm nun gerade guttut.

Wir benutzen den Begriff satt nur selten. Wir sind mit einer Art von Essen „fertig“, wenn wir noch etwas anderes essen wollen. Das kann der Teller mit Gemüse sein, wenn man noch was Süßes haben will, das kann aber auch der Nachtisch sein, mit dem man erst mal „fertig“ ist, wenn man noch etwas Suppe haben will.

Ich habe mal von der Regelung gehört, dass Eltern die Menge des Nachtischs davon abhängig machen, wieviel „ordentliches“ Mittagessen gegessen wird. Heißt für das Kind: Je mehr Nudeln/Gemüse/Soße ich esse, desto mehr Pudding bekomme ich. Wie man da ein gutes Gefühl für Essen und Bedürfnisse entwickeln soll, ist mir schleierhaft. Ich habe einmal erlebt, dass ein sehr übergewichtiges Kind direkt vor dem Essen fragte, ob es einen Apfel haben dürfte. Die Mutter sah sie entsetzt an, sagte „NEIN! Du isst jetzt fünf Minuten vor dem Essen KEINEN Apfel mehr. Es gibt gleich Schweinebraten und Kartoffeln!“. Als ihre Tochter wieder außer Hörweite war, wandte sie sich mir zu und beklagte: „Die denkt NUR ans Essen. Kein Wunder, dass wir solche Probleme mit ihrem Gewicht haben.“

Wenn die Kinder mich  fragen, ob sie eine Packung Schokolade/Gummizeug/Pops/Sonstiges haben können, kaufe ich das genauso selbstverständlich wie die ständig geforderten Erdbeeren/Blaubeeren/Weintrauben. Wenn sie sich darauf einigen, dass geteilt wird, tun sie das, indem sie gleichgroße Portionen zuhause in Schüsseln verteilen. Wenn einer nicht teilen will, bekommt er eine eigene Packung, die für alle anderen tabu ist. Das ist eine Grundregel, die nicht gebrochen werden darf und gilt sowohl für Erdbeeren als auch für Gummibärchen. Wir genießen unser Essen und das geht nun einmal nicht, wenn wir es gegeneinander verteidigen müssen.

Einteilen müssen sie sich das selber. Wir kaufen nicht jeden Tag ein, wenn das Budget am Tag verbraucht ist, sage ich nein und das hat einen guten Grund, das wissen alle. Genörgelt wird nicht. Und ja, dann ist tatsächlich die Tafel Schokolade noch am selben Tag alle.

Und interessanterweise vergeht dann oft auch eine Woche oder zwei, bis das betreffende Kind das nächste Mal den Wunsch äußert, dass ich bitte vom Einkaufen etwas Süßes mitbringen soll.

Im Winter wird Reichhaltigeres gegessen, auch wenn anderes angeboten wird. Hochzeit für Kartoffeln, Eintopf, Nudeln, Käse und Schokolade. Im Sommer verschmähen sie alle diese Dinge und unser Obstverbrauch vervielfacht sich. Ich glaube, es gehört zu den destruktivsten Erziehungsansätzen, Kindern Essen zuzuteilen. Ihnen zu sagen, wann sie Hunger haben dürfen, wieviel Hunger sie haben dürfen und was sie essen dürfen.

Essen ist eins unserer Grundbedürfnisse.

Ein gesundes und intuitives Körpergefühl entwickelt man nur, wenn man sich auch tatsächlich frei von Zwang darauf konzentrieren darf, was einem guttut.

„Dein Körper gehört dir.“, predigen so viele Mütter in Bezug auf Gewaltprävention und zwingen ihre Kinder dann jeden Tag, etwas Ungewolltes in den Körper zu stecken, damit sie Nachtisch bekommen.

Missbrauchsprävention fängt bei der Selbstbestimmung beim Essen an.

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