Langmut

Ich verstehe so vieles nicht. Wie kann man um jemanden trauern, den man nicht mag? Aus Mitgefühl für das Leben an sich? Aus Trauer um das, was jemand hätte sein können, wenn er jemand anderes gewesen wäre? Ich versuche mir vorzustellen, meine eigene Mutter wäre gestorben aber da hakt es ja schon. Ich möchte hier keinen einzigen der Gedanken aufschreiben, die ich in den letzten zwei Tagen hatte. Warum nicht? Nur weil er mitliest? Es kommt mir vermessen vor, einem Trauernden meine eigene Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, so eng er mir auch verbunden ist. Vielleicht ist das das wahre Problem.
Wir haben kaum Masken voreinander, die Wahrheit, die wir uns zumuten, ist unbequem, hart und schmerzhaft, oft genug, immer wieder.

Nur so kann unsere Beziehung funktionieren und weitergehen. Erlebe ich Trauer bei einem Außenstehenden, so läuft ein Programm ab, das durch Mitgefühl ausgelöst wird. Die Distanz erlaubt es. Ich bin nicht eingebunden, ich bin nicht betroffen, ich kann mitfühlend sein, weil mir die Berührung fehlt. Wie absurd. Distanz aufbringen zu müssen, um ein Nähegefühl empfinden zu können. Was diese von Hass zerfressene niederträchtige Person angeht, die nun tot ist: Ich hatte meine Berührung mit ihr. Und sie war mir gänzlich unsympathisch.
Über Tote spricht man nicht schlecht.

Doch.
Natürlich tut man das.
Tod verleiht keinen Charakter und verteilt keine Ablässe.

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