Still

Es ist keine gute Idee, mir deine Kehle so offen und nackt darzubieten, möchte ich dir zuflüstern. So schutzlos. Tu das nicht. Ich bin nicht perfekt, ich könnte es ausnutzen, dich verletzen, dich demütigen… Ich berühre diese zarte Babyhaut mit meinen Lippen und schließe die Augen. So viel Frieden. Du gluckst leise vor dich hin und kicherst ein wenig, ziehst die Schultern nach oben, schiebst mich weg und lächelst mich an. Dann beginnt das Spiel von vorne. Du reckst deinen Kopf nach oben, zeigst mir deinen Hals, siehst mich erwartungsvoll an, bis ich mich langsam wieder nähere und einen Schmatz nach dem anderen auf deine Haut drücke. Du machst wieder diese Geräusche und ich frage mich, wie das sein muss, so sicher… Ich tue dir Unrecht, wenn ich in diesem Moment darüber nachdenke, aber ich kann nicht anders. Ich möchte dir sagen, wie töricht es ist, sich so hinzugeben, doch ich bringe kein Wort über die Lippen. Kann diesen Moment nicht zerbrechen, spiele das Spiel mit dir, das mich so berührt und verstört. Dein Vertrauen macht mich atemlos und so wütend zugleich. Du reißt mit deiner Hingabe alle meine Mauern nieder, alle Mechanismen erstarren und die Seele hält den Atem an. Liebe. Das muss Liebe sein. Es kann nichts anderes sein. Ich vermute es, ich …weiß… es? Ich bin mir fast sicher.
Ich atme deinen Geruch ein und die Welt steht still. Du in meinem Arm, ich bei dir, du bei mir… Du seufzt leise und ich sehe auf. Deine Augen sind geschlossen.

Sachte leg ich dich an meine Schulter und genieße deine Wärme, während der Rest der Welt langsam wieder sichtbar wird.

seichte Tiefe

Umarmung überstanden. Ich ahnte, was kommt, weil ich wusste, sie würde heute da sein.

Und ich habe gemauert. Ich habe schon fast mein altes Pokerface wieder – soweit ich es eben verantworten kann, wenn meine Kinder dabei sind. Ich bin immer verletzlicher, wenn meine Kinder in der Nähe sind, weil sie durch ihre bloße Anwesenheit große Lücken in meinen Verteidigungswall reißen.

Umgekehrt kann ich mich nicht ganz verschließen, um die Nähe anderer Menschen erträglich zu machen, weil ich ihnen das nicht zumuten will. Es ist dann keine Liebe mehr dort und das spüren sie. Es gab schon ein, zwei, drei Situationen dieser Art und die verstörten sie. Muss nicht sein. Die Panik blieb aus. Alles im orange-roten Bereich. Die Worte, die ich heute Morgen hörte, waren die ersten ehrlichen Worte, die ich diese Woche zu Ohren bekam. Alles andere blieb seicht plätschernd an der Oberfläche, während die anderen Mensch-Sonnen egozentrisch um mich herumkreiselnd nur ihr eigenes Leben vor mir ausbreiteten, während sie Interesse an meiner Person heuchelten, um mir nach der ersten Frage 20 Minuten aus ihrem eigenen missratenen Leben zu erzählen. Ich bin so müde. Habe durch die lange authentische Zeit zu Hause noch keine absolute Unverbindlichkeit wieder.

Die Gespräche jeden Morgen mit Afyiete taten ihr Übriges dazu, mich nur noch in dichtem Gespräch zu wissen, so dass das Oberflächengeplätscher der normalen Menschen mich nun fast um den Verstand bringt.

Lebenslauf

„Denk nur daran, wie das in deinem Lebenslauf aussieht.“

Wenn ich diesen Satz höre, möchte ich gerne schreien. Als würde man leben, um etwas möglichst wohlformuliertes auf ein nutzloses Blatt Papier schreiben zu können. Die mit Abstand aufregendste, wildeste und unbändigste Zeit meines Lebens würde wohl jeden Berufsberater ohnmächtig vom Stuhl kippen lassen. Ich hab hart gearbeitet, Unmengen an Geld verdient, Urlaub gemacht und das Geld weggefeiert. Freizeit gehabt. Gelebt. Genossen.

Das ist Freiheit.

Wenn das Geld alle war, hab ich mir meinem momentanen Interessensgebiet nach eine andere Arbeit gesucht, die gut bezahlt war, hab die Tausender gestapelt und wenn es genug war, hab ich gekündigt und es mir wieder gutgehen lassen. Herrje, man lebt nur einmal. Und nie, nie, nie wieder ist man so jung und so hungrig wie um die 20 herum.

Wen interessieren diese Jahre bis 30, bis im Normalfall eine klare Vorstellung davon vorhanden ist, was man auch längerfristig tun will? Oder dass man genau das eben ablehnt? Keine Sau. Und wenn es Leute gibt, die einen dafür aburteilen, muss man sich die Frage gefallen lassen, ob es das wert ist, das eigene Leben nach anderer Leute Maßstäbe zu leben.

Das Tochterkind wird „berufsfördernd“ unterrichtet. Sie ist 10. Sie soll ungefähre Vorstellungen entwickeln, was sie tun will. Ihre Kompetenzen werden dahingehend untersucht, in welchem Berufsfeld sie arbeiten wird, um ihr Potential optimal nutzen zu können. Sie ist 10.

Die Motivation dieses Gymnasiums in allen Ehren. Der Rest – geschenkt. Die größeren Geschwister ihrer Freundinnen und Freunde stehen vor dem Problem, möglichst schon mit 16 wissen zu müssen, was sie die nächsten 50 Jahre ihres Lebens jeden Tag arbeiten sollen. Wie groß ist denn die Bürde, die wir unseren Kindern da auf die Schultern setzen?

Glücklich sein wäre ein Anfang. Sich um sich selber sorgen, sich kümmern, seine Belange kennen, seine Bedürfnisse erfüllen können. Das ist das Wichtigste. Einen offenen Geist haben. Und wenn das bedeutet, 20 Berufe auszuprobieren, bevor man sich für etwas ganz anderes entscheidet, dann ist das das Richtige. Das Einzige, zu dem ich sie ermuntern kann, ist, sich keine Möglichkeiten zu verbauen. Sie anzuleiten, ihr Potential zu entdecken und ihr die Freiheit zu geben, sowohl alles davon nutzen zu dürfen als auch nichts davon nutzen zu müssen.

Leben dürfen. In Freiheit.

zu viel

Zu viele Menschen, zu viele Dinge, zu viele Situationen.

Ich habe mich in den letzten Monaten in die vermeintliche Sicherheit hineingeschmiegt, die es mir möglich machte, mich immer weiter in mich zurückzuziehen. Nach dem Desaster des Sommers war es so nötig, so wohltuend und so wunderbar, nicht jeden Tag mit so viel mehr Menschen in Kontakt treten zu müssen. Fünf, sechs Monate sind seitdem vergangen und heute Morgen erschlug es mich fast.  Habe die letzten Stunden in Einsamkeit mit dem Baby unter einer Decke verbracht, wo wir gespielt, gekuschelt, gegessen und getrunken haben… Und langsam geht es wieder.  Ich bin für keine Art sozialer Interaktion gemacht und selbst die Freude der Anderen, mich wiederzusehen, baute lediglich eine bedrohliche Mauer weiterer Verpflichtungen auf, die menschliches Miteinander nun mal so erfordert.  Nein, ich will euch nicht besuchen, ich will nicht reden, nicht frühstücken gehen, nicht Tee trinken. Nein. Nein. Nein. Versagensgefühl.

Der Schritt war gut, der Weg muss vielleicht noch mal neu gewählt werden

BioScheiße

Erbittert geführte halbstündige Diskussion darüber, dass in der Schule der Eindruck vermittelt wird, dass Tiere von Biobauern glücklicher darüber sind, für uns sterben zu müssen. Scheinheilige Idioten. („Aber Herr W. sagt, die Tiere sind da dann glücklich. Und bekommen keine Medikamente, die uns krank machen. Und der Regenwald wird dann auch nicht abgeholzt.“)

[Ja, und wahrscheinlich scheint den Kühen auch noch die Sonne aus dem Arsch, weil sie so glücklich sind, nicht vor ihrem wunderbaren Tod an der Abholzung des Regenwaldes beteiligt gewesen zu sein.]

Doch

Doch. Natürlich ist es wichtig für ein Baby, eine liebende Bezugsperson zu haben, die auch konstant erreichbar ist. Nein, Erzieherinnen sind nicht dasselbe wie eine Mutter. Liebe lässt sich auch durch gute Bezahlung nicht ersetzen. „Früh selbständig“ ist manchmal auch nur ein Synonym für das Erkennen, auf sich allein gestellt zu sein. Wir entwickeln uns da in eine so grundverkehrte Richtung, dass ich manchmal schreien möchte.

Schwärze

Kurz davor, die erlösenden Worte einfach in die Welt hinauszuschreien, auszuspucken, wegzubrüllen: Ich.Kann.Nicht.Mehr.

Was keiner objektiven Betrachtung standhält, zermürbt. Vielleicht die kurzen Tage, die Dunkelheit des Winters, das Warten, die Ungewissheit… Was als Erklärung daherkommt, ist nichts weiter als ein Deckmäntelchen für die grundlegende Erkenntnis, dass ich hier nicht hingehöre. Nicht in dieses Haus, nicht in diese Familie, nicht in diese Welt. Das Universum passt mir nicht und wenn ich so in mich hineinhorche, bietet auch der Tod keine annehmbare Alternative, weil bei allem Glauben der Restzweifel bleibt. Vielleicht ist dies hier einfach der Platz, an dem ich am wenigsten ums pure Überleben kämpfen muss, vielleicht geht es nur mehr um ausharren, aushalten, standhalten, warten.

Ich kann noch, natürlich. Ich will bloß nicht mehr.