Lebenslauf

„Denk nur daran, wie das in deinem Lebenslauf aussieht.“

Wenn ich diesen Satz höre, möchte ich gerne schreien. Als würde man leben, um etwas möglichst wohlformuliertes auf ein nutzloses Blatt Papier schreiben zu können. Die mit Abstand aufregendste, wildeste und unbändigste Zeit meines Lebens würde wohl jeden Berufsberater ohnmächtig vom Stuhl kippen lassen. Ich hab hart gearbeitet, Unmengen an Geld verdient, Urlaub gemacht und das Geld weggefeiert. Freizeit gehabt. Gelebt. Genossen.

Das ist Freiheit.

Wenn das Geld alle war, hab ich mir meinem momentanen Interessensgebiet nach eine andere Arbeit gesucht, die gut bezahlt war, hab die Tausender gestapelt und wenn es genug war, hab ich gekündigt und es mir wieder gutgehen lassen. Herrje, man lebt nur einmal. Und nie, nie, nie wieder ist man so jung und so hungrig wie um die 20 herum.

Wen interessieren diese Jahre bis 30, bis im Normalfall eine klare Vorstellung davon vorhanden ist, was man auch längerfristig tun will? Oder dass man genau das eben ablehnt? Keine Sau. Und wenn es Leute gibt, die einen dafür aburteilen, muss man sich die Frage gefallen lassen, ob es das wert ist, das eigene Leben nach anderer Leute Maßstäbe zu leben.

Das Tochterkind wird „berufsfördernd“ unterrichtet. Sie ist 10. Sie soll ungefähre Vorstellungen entwickeln, was sie tun will. Ihre Kompetenzen werden dahingehend untersucht, in welchem Berufsfeld sie arbeiten wird, um ihr Potential optimal nutzen zu können. Sie ist 10.

Die Motivation dieses Gymnasiums in allen Ehren. Der Rest – geschenkt. Die größeren Geschwister ihrer Freundinnen und Freunde stehen vor dem Problem, möglichst schon mit 16 wissen zu müssen, was sie die nächsten 50 Jahre ihres Lebens jeden Tag arbeiten sollen. Wie groß ist denn die Bürde, die wir unseren Kindern da auf die Schultern setzen?

Glücklich sein wäre ein Anfang. Sich um sich selber sorgen, sich kümmern, seine Belange kennen, seine Bedürfnisse erfüllen können. Das ist das Wichtigste. Einen offenen Geist haben. Und wenn das bedeutet, 20 Berufe auszuprobieren, bevor man sich für etwas ganz anderes entscheidet, dann ist das das Richtige. Das Einzige, zu dem ich sie ermuntern kann, ist, sich keine Möglichkeiten zu verbauen. Sie anzuleiten, ihr Potential zu entdecken und ihr die Freiheit zu geben, sowohl alles davon nutzen zu dürfen als auch nichts davon nutzen zu müssen.

Leben dürfen. In Freiheit.

Schreibe einen Kommentar