keinen Stress.
[hier wie immer keine Geschenke an Heiligabend.]
[Jesus feiert heute Nacht Geburtstag.]
[Alles wird gut.]
keinen Stress.
[hier wie immer keine Geschenke an Heiligabend.]
[Jesus feiert heute Nacht Geburtstag.]
[Alles wird gut.]
Was mag wohl an Last auf den Schultern dieser Frau liegen, die ganz offen sagt: Ich kann mein Kind nicht lieben, es gelingt mir nicht? Wieviel schwerer mag diese Last wiegen, wenn es sich bei diesem Kind um eine Hälfte eines Zwillingspaares handelt? Ich vermag es mir nicht vorzustellen.
Es ist so viel komplizierter, so viel schwieriger, so viel unmöglicher, eine Lösung zu finden, die dem Kind gerecht werden kann.
Zwei Jungen, wie soll man da handeln?
Ich will ihn nicht, ich würde ihn weggeben. Aber nur den einen.
Darf man diesen Verrat an einem Zwilling begehen, der schon fünf Jahre mit seinem Spiegelbild lebt, an dem nur eines anders ist: dass dieses Spiegelbild von seiner Mutter geliebt wird?
Ich wünsche dieser Familie so sehr, dass sie einen Weg findet.
Einen, der für alle gangbar ist.
Mir fehlen nach wie vor die Worte, ich weiß nicht, was ich noch hätte sagen können.
Das Jugendamt, die Sozialarbeiter, die Eltern, die Kinder…
Und bei all diesem Ringen um eine Lösung bleibt das Problem nach wie vor bestehen.
Es fehlt die Liebe.
Nur für den einen…
Was mag diese Kinderseele tragen…
So viel Dunkelheit.
3000 Quadratmeter.
Krümeliger, schwarzer Mutterboden.
3 Meter hohe Rhododendrenbüsche überall auf dem Grundstück verteilt.
10 Zimmer.
3 Bäder.
Wald.
Ein Bach.
Hohe alte Bäume.
Noch 8 Tage bis zur Entscheidung. Zwischen Hoffen und Bangen.
Unsere Katze ist .. speziell.
Blutrünstig, tollwütig, bissig, kratzend, fauchend.
Sie ist mit Abstand das Tier, dem ich meine meisten Wunden zu verdanken habe und ich hatte viele – auch sehr bissige – Tiere.
Nachdem ich das Tochterkind heute Morgen aus der Schule abgeholt habe, weil es doch noch nicht so gesund war, wie es das seit gestern behauptet hat, legte es sich mit Decke und Kissen aufs Sofa.
Der Flerken, der sonst am Tag höchstens mal seinen Platz verlässt, um zu seiner persönlichen Belustigung ein Mitglied dieser Familie zu schikanieren oder im Vorüberschlendern allen mal einen Pfotenhieb mitzugeben, braucht keine halbe Minute um laut schnurrend auf das Tochterkind zu springen und sich als Wärmflasche auf ihr niederzulassen.
Selbstredend wird jedes Annähern an das kranke Kind mit zurückgelegten Ohren und/oder Fauchen und Schlagen quittiert.
Sie ist schon ein Herzchen.
[und hat unser Herz…. ♥]
„Boah, nervt mich der Dustin zur Zeit.“
„Der Dustin“ ist im Alter meiner großen Tochter, ein herzensguter Junger, ein Freund meines Sohnes, der von ihm hoch verehrt wird und trotz häuslicher Gewalt und mit Eltern versehen, die gemeinsam den IQ eines Berberteppichs haben, ein wirklicher Lichtträger.
Leider nervt er seine Eltern durch seine Existenz sehr, also muss er, sobald er mit der Schule fertig ist und nach Hause gekommen ist, das Haus verlassen und steht jeden Tag auf dem Spielplatz oben am Berg, bis er abends wieder reinkommen darf und ins Bett gehen muss. Bei Regen, bei Schnee, bei über 40 Grad und bei unter -10 Grad.
Dass „der Dustin“ genau neben seiner Mutter stand, als sie mir das erzählte, trägt sein Übriges dazu bei, dass ich sie nicht besonders gerne mag. Ich zwinkere ihm hinter dem Rücken seiner Mutter verschmitzt zu und er grinst ein bisschen schief. Alles wie immer.
„Und? Weihnachtszeit? Viel zu tun mit den vier Kindern, woll?“
Ich nicke pflichtbewusst und zähle auf, was sie hören will. „Naja, Weihnachten eben. Plätzchen backen, Lebkuchenhäuser bauen, Küche dreimal am Tag saubermachen.“
Und sehe Dustin an, der von einem Fuß auf den anderen hoppst.
Ich lächle. „Und? Schon Plätzchen gebacken und verziert?“ Er lächelt zurück. Seine Mutter schaltet sich ein.
„Woah, nee. Ich back mit dem doch keine Plätzchen. Der schmiert nur rum.“
Dustins Lächeln verschwindet wieder.
„Der saut alles ein. Genau wie beim Kneten. Darf er auch nicht mehr. Einmal hat er mit Wasserfarben die ganze Eckbank nass gemacht. Der ist so ungeschickt. War er immer schon.“
„Hm.“, mache ich ein wenig nichtssagend und entschließe mich, das Thema zu wechseln.
„Wohin seid ihr unterwegs?“
Sie verdreht genervt die Augen. „Ergotherapie. Müssen wir einmal die Woche hin. Die Schule sagt, er kann keine Feinmotorik. Keine Ahnung, wieso.“
Ach. Mensch. Ich hätte da so einen Verdacht.
Es ist mir oft so unmöglich, von anderen Menschen gemocht oder geliebt zu werden. Wenn es meiner eigenen Mutter nicht möglich war, mir mit Respekt, Liebe oder zumindest etwas anderem als Hass und später Gleichgültigkeit zu begegnen, warum empfinden dann diese Menschen Gefühle für mich? Positive Gefühle? Ich bin es doch nicht wert, ich habe es nicht verdient, nicht einmal meine Mutter konnte mich lieben..
Dieser Stachel – dieser eine – sitzt so tief wie kein anderer.
Und ich weiß nicht, ob ich ihn jemals entfernen kann.
Damit leben muss und werde ich.
Diese Wahl habe ich schon getroffen.
Mit Zucker und halbem Gehirn
Das Tochterkind ist krank mit hohem Fieber und der kleine Herr Honig ist wegen seiner Zähne unausstehlich und die mittleren Chaotenkinder demontieren die Wohnung, während ich zwischen warmem Tee reichen und das JoNaLu-Lied zum 872. Mal anmachen versuche nicht durchzudrehen.
Das Tochterkind liest Eragon und mit schreiendem Kleinkind ist es sehr schwierig, ihren begeisterten genuschelten 41,5 Grad Fieber Ausführungen zu folgen.
„Mama?“
„Hm?“
„Was heißt denn kandiert?“
Mir schreit das Baby ins Ohr und ich antworte auf die Frage, die ich zu hören glaubte, mit einem kurzen: „mit Zucker überzogen“.
„Ah.“, macht das Tochterkind und schweigt einen Moment.
„Die haben Säue mit Zucker überzogen?“
Ich versuche, das kreischende Baby davon abzuhalten, meinen Schreibtisch abzuräumen und eine Dose Liptonice über meiner Anwaltspost zu verteilen und mache nur „hmhmmm, ja…“.
„Mama.“
Ich sehe das hochrote Gesicht der Tochter, die seit gestern Abend weder gegessen noch sich bewegt hat und höre sie sagen: „Mama, die haben SÄUE mit Zucker überzogen?“
Ich bin irritiert.
„Wer hat Säue mit Zucker überzogen?“
„Na die hier, in Eragon.“
„Haben die Drachen das denn gegessen?“
„Was haben die Drachen gegessen?“
„Na, die Säue?“
„Welche Säue denn?“
„Du hast doch gerade gesagt, die haben Säue mit Zucker überzogen.“
„Nein, SÄULEN!“
„So ein Unsinn, Tochterkind, warum sollte man denn Säulen mit Zucker überziehen??“
„Ich hab doch gefragt, was das Wort bedeutet!“
„Was? Kandiert?“
„KANNELIERT, Mami!“
[Ah. Das ergab dann mehr Sinn]
Mein Weihnachtswunsch?
Ich habe keinen. Ich bin glücklich. Ich habe einen Freund und Gefährten für mein Leben, ich habe vier lebende Kinder, wir sind eine Familie und ich lebe ein Leben, das ich gewählt habe.
Manchmal ist es tatsächlich so einfach.
Bedenkzeit wollen sie haben. Bis nach Weihnachten. Ich nehme es als gutes Zeichen, dass sie das neue höhere Gebot nicht einfach abgelehnt haben. Sie wollen Bedenkzeit. Das ist kein Nein, oder? Oder? ODER?
„Weißt du, was jetzt das Wichtigste ist, Mamimausi?“, fragte mich der Kobold vorhin, als ich den Kindern am Mittagstisch die neue Situation erklärte.
„Hm?“, machte ich leicht verwirrt und sah ihn fragend an.
– „Dass wir jetzt mal so viele Kekse backen, dass wir nicht immer alle aufessen. Sonst können wir dem Weihnachtsmann ja gar keine rausstellen, wenn er unsere Geschenke bringt.“
Wo er Recht hat… Ich habe mich in den letzten Wochen tatsächlich in Gedanken sehr gehen lassen, seit meine Eltern wieder präsent sind.
Habe mich einige Male dabei ertappt, dass ich gar nicht bei ihnen bin, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Bin ungeduldig, sehr.
Ich bin dann mal Kekse backen und konzentriere mich auf das Wesentliche im Leben.
Gegen Zahlung eines Betrages in Höhe einer Mittelklasselimousine verpflichten sich meine Eltern ganz offiziell, mich für alle Zeiten in Ruhe zu lassen einschließlich der Erklärung, dass alle finanziellen Angelegenheiten erledigt sind.
Freikaufen. Prostitution mal anders.
Fühle mich schmutzig.
Manchmal ist alles so sinnlos.
Ich möchte schreien, ob es so enden muss, sollte…
Endgültiger Abschied, ein Aufatmen, ein Seufzen…
Weiter.
Diese eine Stelle am Hals, direkt unter dem Kehlkopf, die schon so oft zugedrückt wurde…
Was als Zärtlichkeitsbekundung anfing, mitten im Begrüßungsgeschehen an einem Freitagmittag inmitten von Kindern, katapultiert mich Jahre und Jahrzehnte zurück. An mehrere Stellen, die ich nun bei klarerem Verstand nicht mal mehr benennen kann.
Der Hals brennt wie Feuer, ich bekomme kaum Luft, kann nicht atmen, nicht denken, nicht fühlen. Eine sachte Berührung nur. Manchmal frage ich mich, wie er damit klarkommt.
Ich denke immer nur, ich könnte das nicht, ich könnte nicht mit so jemandem zusammensein. Jede Begegnung ein Tretminenfeld. Er kennt mich so gut. Seit Jahren schon spielen wir dieses Spiel. Mal erfolgreich, mal verlieren wir beide. Heute ist wieder alles richtig gelaufen.
Er entfernte sich sofort aus meiner Nähe, sagte kein Wort, lenkte die Kinder ab, ließ mich in Ruhe darum kämpfen, durch Disziplin in der Realität zu bleiben. Ich bin so müde. Ich schlafe seit Wochen wieder schlechter seit meine Mutter erneut in meinem Leben aufgeschlagen ist. Die Gedanken kreisen. Ich komme nicht mehr zur Ruhe. Ich werde wieder empfindlicher.
Nachrichten lesen ist bereits seit Tagen wieder gestrichen, alte Filter sind aktiv, die mir das Internet immerhin zugänglich machen, wenngleich einige Fenster einfach wieder zugeklickt werden, ohne dass ich weiß, warum. Auch hierbei bin ich müde.
Ich mag nicht von Heilung sprechen, nicht von Vereinigung. Ich frage mich, ob ich die letzten Jahre vielleicht nur blind geworden bin.