Überwindung

Helfen erfordert immer Mut.

Nicht helfen ist meistens einfacher.
Da ist ein Mensch, völlig unbekannt, es kann ein Bettler sein oder jemand, der einfach traurig aussieht. Ein Obdachloser in zerrissenen Lumpen oder eine Frau im Kostüm, der die Tränen die Wangen hinunterlaufen.
Jeder Mensch hat diese Barriere um sich herum, die man mutwillig durchschreiten muss, um ernsthaft zu helfen.
Damit meine ich nicht, einen Euro in einen Hut zu werfen – das ist aber auch nicht die Art von Hilfe, die ich meine, wenngleich ich das nicht abwerten will.

Persönlich werden.

Ein eigenes Stück Herz vorzeigen, das auch verletzt werden kann, wenn man sich irrt. Niemandem steht auf der Stirn geschrieben, dass er Hilfe braucht.
Bis zum Kontakt bewege ich mich auf völlig unsicherem Boden, muss aber diese Barriere überwinden, um überhaupt persönlichen Kontakt herzustellen.

Manchmal ist es ganz einfach.
Manchmal findet man die richtigen Worte sofort.
Manchmal hilft einem die Situation.
Aber manchmal auch nicht.
Und dann wäre es einfacher, vorbeizugehen.
Sich zu sagen, dass dieser in sich gekehrte weinende Mensch sicherlich keine fremde Hilfe braucht, weil es ihm peinlich wäre.
Oder unangenehm.
Dass man ihm vielleicht sogar einen Gefallen tun würde, wenn man so tut, als wäre nichts.

Hilfe muss immer ausschlagbar bleiben.

Es darf immer nur ein Angebot sein, kein Zwang.

Aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit einem von Herzen kommenden Hilfsangebot, auch wenn es vielleicht ungeschickt vorgetragen wurde, eine andere Person berühren, wirklich und wahrhaftig berühren, ist hoch.

Es waren nie die großen theatralischen Gesten, die mich berührt haben. Es waren immer die Kleinigkeiten. Ein Lächeln. Ein wirklicher Augenkontakt. Ein Nicken. Ein leise geflüstertes: Bleib.stark. Eine einzelne Träne, die um mich geweint wurde.

Stumm nur, aber sichtbar.

Es sind die Menschen, von denen wir weder den Namen kennen noch ihr Gesicht behalten, die unser Leben verändern können.
Und es ist so leicht, einen Unterschied für jemanden zu machen.
Ein bisschen Licht ins Dunkel zu tragen.

Und so schwer.

Licht [hell]

Und plötzlich steht auf dem Kostenvoranschlag ein dicker Batzen weniger Geld als eingeplant. Und man verbringt einen Nachmittag mit Keksen und Kaffee und drei im Schnee tobenden Kindern vor dem Küchenfenster mit den Besitzern des Hauses und schließt sie endgültig ins Herz.

Wir haben Kekse mitgebracht und die Diele vollgematscht.

Und alles, was diese Frau tut, ist entzückt quietschen, als meine Dreckferkel wunderbaren Kinder ihren Flurteppich ruinieren.

Und dann ist da Hoffnung.

So.viel.Hoffnung.
Nächste Runde.

Erschöpfungszustand

Wir haben das Elternhaus unserer Kinder gefunden.

Was so romantisch daherkommt, wird harte Arbeit werden, aber dafür müssten wir es kaufen dürfen. Die Eigentümer leben in zweiter Generation in diesem Haus, das immer schon ein Elternhaus war und wollen es theoretisch zwar verkaufen, aber eher nicht so schnell.

Und wenn, dann nur an eine Familie.

Und bevorzugt an uns, die Katze haben(hätten) wir im Sack, wenn da nicht die Theorie wäre. Theoretisch verkaufen – „es eilt ja nicht, oder?“ – „also bis März wäre schon schön, so den Winter über noch hierbleiben zu können. Danach können wir langsam ausräumen.“

Und der Preis.

Wir bekommen für das Geld quasi zwei Häuser oben im Nobelviertel der Stadt, fertig renoviert und auf neuestem Stand. Die Eigentümer wollen diesen Preis für ein Gebäude, das auf dem Stand von 1950 ist.

Theoretisch alles kein Problem, sagt zumindest die Bank, aber da kommt dann für die nächsten Jahre noch mal ein sechsstelliger Betrag für die Renovierung drauf und ich habe wirklich keine Lust, mit vier größer werdenden Kindern an unser Finanzierungslimit zu gehen.

Da steht es also, unser Haus.

Ich halte mich mit depressiven Gedanken von allzu viel Hoffnung ab und auch von dem Drang, jeden Tag hinzufahren und mich einfach im Garten nackt an einen der 20 Meter hohen Bäume zu binden, bis sie uns das Haus verkaufen.

Die Kinder… ich weiß um das Unrecht, ihnen Hoffnung zu machen.

Seit Wochen trage ich nun dieses Haus schon bei mir und ich habe sie gesehen, wie sie dort fangen spielten, wie sie aufblühten… und es geht nur so schleppend voran.

Vorfühlen, Angebote, Besuche, Präsenz zeigen.
Ich bin kurz vorm Durchdrehen.

Lügner

Ihre Worte kreisen in meinem Kopf.

Diese Worte, diese abfälligen kalten herausgespuckten Worte…

Sie kennt mich so gut, sie weiß so genau, wie ich zu treffen bin.

Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen ist immer der erste Schritt zur vollkommenen Demütigung. So lange Erlebtes zu verdrehen, in Frage zu stellen, offen als Lüge hinzustellen, sich darüber lustig zu machen, bis man selber an seiner Wahrnehmung und an seinem Erinnerungsvermögen zweifelt.

Es macht zum perfekten Opfer, das sich selber in der Täterrolle wiederfindet und sich schlussendlich in völligem Zweifel und in völliger Verzweiflung noch dafür entschuldigt, eine Situation, ein Wort, einen Schlag, eine Demütigung, einen Missbrauch falsch bewertet und eingeordnet zu haben.

Diese fünf Minuten Telefonat nach drei Jahren haben viele alte Wunden wieder aufgerissen, die schon weit geheilt waren. Mir wurde einmal deutlicher vor Augen geführt, dass mein Leben nur ohne sie gelebt werden kann.

Jeder Kontakt vergiftet meine Seele.

Und ich merke durch diesen Rückschlag auch, wie weit ich in den Jahren ohne sie bereits gegangen bin.

Endlich

Wie selbstverständlich sie sich an mich drücken, meinen Kopf zu sich hinunterziehen, mich auf die Wange küssen, knutschen meistens, mit viel Geräusch und einer Innigkeit, die ich bis zu meiner Geburt als Mutter nie für möglich gehalten hätte.

Und mittendrin frage ich mich, wie das sein mag. Wie es ist, eine Mutter zu haben, die man herzen und drücken kann. Nicht die aufgedunsene Haut vor sich zu sehen, wie sich der verbissene Mund zur Grimasse verzieht und Worte wie Kotzbrocken oder Arschloch höhnisch lachend in die eigene Richtung speit. Nur zu genau wissend, wie sich diese spitze Zunge in meinem Mund anfühlt, voller Ekel.

Sie lachen, sie toben, sie nehmen keine Rücksicht darauf, dass ich nicht angefasst, berührt, geliebt werden kann ohne mich selbst zu hassen. Sie sind. Sie lieben. Sie zwingen mich in eine Wirklichkeit, die so sehr Geschenk und dennoch so große Bürde ist, wie sie da auf meinen Schultern liegt.

Wartend auf Anwaltpost meiner Eltern. Wartend auf die nächste Bösartigkeit, die auch Jahre nach dem letzten Kontakt nichts an Schrecken eingebüßt hat, mich ins Kindsein zwingt, in meine Demutshaltung, die immer mehr Demütigung als Demut sein musste.

Ich hebe den Kopf, bin doch schon längst nicht mehr das Kind, das ich nie sein durfte. Nicht mehr ausgehungert nach mütterlicher Liebe, nicht mehr hoffend, sehnsüchtig wartend auf echte Zuwendung, die sich aus Liebe speist. Mütterlicher Liebe, die in der Verblendung meiner Sehnsüchte stets selbstlos sein sollte.

Liebe ich meine Kinder selbstlos? Ich weiß es nicht. Habe Angst, so zu sein wie sie. Irgendwann aufzuwachen und einem Dämon gegenüberzustehen, den auch sie in sich trägt.

Ich sehe meine Kinder. Vier an der Zahl, unendlich geliebt, oft zu streng erzogen aus Angst, einzuknicken, mich selbst nicht genug zu zügeln in dem Verlangen, zu herrschen, zu schlagen, zu demütigen.

Im Affekt tut man das, was man kennt.
Die einzige Art, mich zu beherrschen, ist, den Affekt zu umgehen.
Immer gezügelt, diszipliniert, immer geradeaus, immer unfehlbar mit Fehlern, die toleriert werden können und dürfen um nicht allmächtig zu erscheinen.

Sie lieben mich. Niemanden verwundert das mehr als mich selber, wie sie mich umarmen, mit mir kuscheln wollen, mich drücken und herzen und knutschen und mich anlachen und so vertrauensvoll meine wahre Natur Lügen strafen.

Ich denke oft über den Tod meiner Mutter nach. Immer schon. Ob sie bereuen wird…? Ob sie vielleicht im Angesicht des Todes selbst erkennen könnte, dass es nur die Sehnsucht nach Liebe war, die sie so tief hassen ließ?

Was würde das für einen Unterschied machen?

Keinen, was es mich angeht.

Lügnerin.

Jeden.

[De] Mut

Ich muss diese Frau finden.

Ich verdamme mich dafür, im Stress und mit Termindruck im Nacken nicht aufmerksamer hingehört zu haben.

Das heißt, ich habe hingehört, aber ich habe es in meinem persönlichen Wertesystem niedriger eingestuft als meine eigenen Belange und das war schlicht und einfach nur bescheuert.

Ich habe die Tränen doch gesehen. Diesen Blick.

Ich hätte ihr einfach meine Telefonnummer geben können.

Mir ihre aufschreiben können. Bleiben können.

Die Kinder waren beim Mann gut aufgehoben und alles andere hätte man verschieben können. Und je mehr Zeit vergeht, Tage inzwischen schon, desto stärker wird das Gefühl, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.

Gier.

Ich bin hungrig.
Und wenn der Hunger zu groß wird, dann ist es einem fast egal, was man zu sich nimmt, nicht wahr?
Ich habe Hunger.
Gierigen, kompromisslosen, schwarzen, alles verschlingenden Hunger.
Und ich muss ihm nachgeben, um nicht auf der Straße anzufangen, in Mülltonnen zu sehen.
Ich werde heute Abend nicht weggehen.

Es ist vielleicht das Beste, das ich für uns tun kann.