Once again.

Ich habe seit heute Morgen meinen Kalender für 2013.
Das markiert trotz seiner globalen Unbedeutsamkeit immer einen sehr wichtigen Punkt in meinem Jahr.
Für mich ist es nicht nur ein Kalender.

Es ist ein Ja zu einem weiteren Jahr meines Lebens.
Ein Ja zum Leben selbst und an sich.
Mich der Herausforderung stellen ein Leben zu planen, zu organisieren, zu leben.

Nicht mehr nur zu überleben.
Es gibt Jahre, in denen hatte ich keinen Kalender.
Es hatte keine Relevanz.
Ich wollte nichts planen, nicht leben, nichts festhalten.

Wozu auch, wenn jeder Tag nur aus dem Gedanken besteht, gegen den geistigen Tod und die Kapitulation zu kämpfen.

Manchmal nicht einmal zu kämpfen sondern sich auf dem depressiven Strom der Gleichgültigkeit in den nächsten Tag spülen zu lassen, wissend, dass da keine Freude sein wird, keine Liebe, kein Leben, keine Hoffnung.

Ich habe einen Kalender.
Einmal wieder.
Ein weiteres Jahr für mein Leben.
Mein Leben.

Ganz allumfassend Ja.

Anwälte, Lehrer, anderes Gesindel

Mit der Anwältin telefoniert, die meine Mutter immer als „Ihre Frau Mutter“ bezeichnet. Bin irgendwas zwischen angeekelt und belustigt. Ich nenne sie ausschließlich beim Nachnamen. So wie es aussieht, geht es Richtung Einigung. Mal sehen, welche Fallstricke in der nächsten Vereinbarung lauern und wie oft ich den Entwurf zurücksenden muss, um das zu erhalten, was ich eigentlich will.

Ich vermute, die Klassenlehrerin des Sohnes hat ein Alkoholproblem. Als wäre das nicht genug, ist sie auch noch eine echte Kackbratze. Das meine ich durchaus nicht so negativ wie es klingt. Sie ist halt ein Besen, der schätzungsweise sehr mit eigenen Problemen beschäftigt ist und sich ungeliebt fühlt. Nur sollte man es solchen Leuten verbieten, mit Kindern in Kontakt zu treten. In einigen Tagen Elterngespräch und wieder werden einige Themen auf den Tisch kommen, die die gute Frau bei den Gesprächen außer der Reihe schon nicht zu bearbeiten weiß. Nächster Halt: Schuldirektor.

Ganz allgemeine Gedanken zu Menschen gemacht. Und ich denke, es lohnt sich nicht, weiter mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Wenn ich den gesamten Lebenslauf eines Menschen auswendig herbeten kann, einschließlich seiner Sorgen, Ängste und Nöte und er sich nicht einmal an meinen Vornamen erinnert, dann zeigt das nur die Ignoranz des Einzelnen. Und Ausnahmen gibt es meines Erachtens nach viel zu wenige. Ausgenommen natürlich die Sensationsgier, die Interesse an meiner Person weckt.

Der Exmann ist fast rührend um mich und mein seelisches Wohlergehen besorgt. So viel Mitgefühl brachte er mir während der gesamten Ehe nicht entgegen und ich vermute, dass wohl doch so etwas wie rudimentäre Dankbarkeit vorhanden ist, dass er weder vor Gericht noch Insolvenz beantragen muss.

Kann ich mir in dem Fall nur leider nichts für kaufen. Ich mache diesen Mist, weil es irgendwo in meinem Wertesystem als „richtig“ gebrandmarkt wurde und dreiviertel meiner Selbst sind 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, mich selber als Idiot zu beschimpfen. Rechtlich würde erst mal nicht viel passieren. Aber das kratzt die Moral nicht.

Habe einen Korb gegeben und wurde erneut eingeladen. Schmeichelhaft für das Ego, aber das Misstrauen überwiegt inzwischen. Undenkbar, als attraktiv und begehrenswert eingestuft zu werden, solange ich so schlecht über mich selber denke. Ich vermute, ich bin ein Zwischending aus seelischem Abfalleimer und Vorzeigemutter, die er seinen Kindern nicht bieten kann, weil seine Exfrau seine Tochter im Alter von drei Jahren von ihrem damaligen Freund vergewaltigen ließ.

Mal ehrlich, daneben wirke sogar ich wie Mutter Theresa.

Menschen. Krebsgeschwür dieses Planeten.

bösartig

Ich schlafe nicht gut. Es geht mir nicht gut. Die Gedanken kreisen.

Nach dem Abschicken des Briefes letzte Woche an die Anwälte meiner Eltern ist es so endgültig. Ich habe mich positioniert, ich habe etwas ausgesprochen, das ich niemals hätte aussprechen wollen und ich habe den blöden Dinosaurier aus dem Wohnzimmer, wo ihn niemand gesehen hat, nach draußen an die frische Luft gezerrt.

Ich vermisse meinen Vater in der ganzen Angelegenheit.

Natürlich klagt meine Mutter mit seiner Vollmacht, und warum sollte er es auch anders handhaben als die letzten Lebensjahrzehnte. Die Hoffnung hüpft wie ein kleiner Teufel auf Speed in meinem Herzen herum und brüllt, dass er mich vielleicht gar nicht verklagen will.

Ich lach dann später.

Er war immer mit allem einverstanden, so lange es ihn nicht beeinträchtigt.

Gleichgültigkeit ist auch ein Gefühl.

Er hatte eine Wahl. Meine Mutter hatte eine Wahl. Sie haben sich beide für ihren Sadismus entschieden.

Natürlich ist es genau das Verkehrte, einem solchen Menschen unter Umständen weinend seine Gefühle zu erklären. Jedes soziale Prinzip des Miteinanders ist hier außer Kraft gesetzt. Ich habe das lange Zeit nicht verstanden. Ich habe mit Ich-Botschaften gearbeitet, habe Gefühle gezeigt und formuliert, bin bei mir geblieben, zeigte mich verletzlich. Und natürlich ist diese Strategie hervorragend im Umgang mit anderen normalen Menschen. Bei einem psychopathisch veranlagten Menschen bewirkt das allerdings genau das Gegenteil.

Tränen erregen.

Leid schafft Lust.

Verzweiflung befriedigt.

Ja, das ist meine Mutter. Durch und durch.

Ein Punkt, in dem viele Sozialarbeiter und Psychologen noch einiges zu lernen haben.

Viele von ihnen sind so fixiert auf ein soziales Miteinander, dass sie in ihrer kindlichen Hoffnung darauf, dass in jedem Menschen etwas Gutes stecken muss, ihr Klientel noch einmal doppelt verraten.

Die Essenz des Bösen

Versuche, mich in der Verletzlichkeit zu halten. Liebe. Menschlichkeit.

Auf der anderen Seite erwarten mich ausgeprägte Unfähigkeit, mit irgendetwas oder irgendjemandem Mitleid zu empfinden. Sadismus. Gewalt. Paranoia. Noch schläft sie, flüstert es leise. Aber ich merke, dass mein Widerstand schwächer wird. Das Leid, die Erinnerungen an die Demütigungen, die Zersplitterung meiner Selbst… Ich kann nicht zurück. Ich habe Kinder. Ich habe eine Ehe. Verantwortung. Ich will nicht zurück. Ich will auf dieser Seite bleiben. Ich will mich verletzen lassen, weil Gefühle und Empathie und Verletzlichkeit mein Menschsein ausmachen. Mir Liebe ermöglichen, wo nie welche war. Ich werde das nicht aufgeben. Ich kenne die Alternative.

Mit ihrem Erwachen kommt die Gewalt. Mein Herz verkümmert wieder zu dem kleinen Klumpen aus Stein, der mir maximalen Erfolg, Spaß, und Unversehrtheit garantiert. Ich muss dann hier weggehen. Ich muss sie verlassen, die ich bei mir haben möchte, um sie nicht genauso zu misshandeln, wie ich misshandelt wurde. Ich spüre mich kaum noch. Alles wird schwächer. Die Lebendigkeit erwächst aus der Arroganz, etwas Besseres zu sein. Farbenfroh, bunt, verführerisch lockt es, die Grenze zu übertreten. Merke, wie sehr ich genervt bin. Von Menschen. Von den Kindern. Vom Mann. Beginne, mich geistig über sie zu erheben. Habe Gewaltphantasien. Spaß daran, mir ihr Leid auszumalen.

Ich kenne die Anzeichen. Ich spüre die Kraft. Und es wäre so leicht. Zitternd sitze ich hier, habe jedes Lebenwesen aus meiner Nähe verbannt, um nicht zu verletzen. Ich habe mir geschworen, dass die Tradition, die Generationen von Psychopathen andauert und die eine lange Geschichte von Gewalt und Unglück beinhaltet, bei mir enden wird.

Mir war auch klar, dass ich dafür unter Umständen alles aufgeben muss, was ich verletzen könnte.

Dann eben allein.

Enden wird es bei mir.

So oder so.

Resignation

Wenn man am Boden liegt, findet sich immer jemand, der noch mal nachtreten möchte.

Ich kenne das und es liegt wohl in der Natur der meisten Menschen, sich über andere erheben zu wollen um ihr grenzenloses Gefühl von Minderwertigkeit für einen kurzen Moment vergessen zu dürfen.

Habe gestern mehrere Stunden über einem insgesamt nur zweiseitigen Anwaltsbrief gesessen. Bemüht, alle verbalen Fallstricke zu vermeiden, Gefühl dorthin zu verbannen, wo es hingehört. Ich habe professionell genug zu sein, in einem Antwortschreiben an den Anwalt völlig neutral und sachlich meine Sicht der Dinge zu schildern. Habe lange über dem letzten Absatz gesessen.

Ich biete jetzt also Vermögen (das ich nicht besitze) gegen eine notariell beglaubigte Absicherung, dass meine Eltern nie wieder von sich aus mit mir in Kontakt treten werden. Ansonsten gehen wir vor Gericht.

Einige Zehntausend Euro gegen Seelenfrieden. Haha. Ich bin immerhin soweit, ohne diese Absicherung in einen Prozess zu gehen. Dann werde ich mit dem Exmann zusammen vor ein Gericht gestellt, es geht um drei Parteien, die insgesamt drei verschiedene Sachen behaupten werden und ich schätze mindestens einige Monate Lebenszeit, die ich darauf verschwenden würde. Ausgang ungewiss. Aber sie müssen dafür nach Deutschland kommen. Das Land non grata, dem sie auf ewig den Rücken zuwenden wollten.

Ich will das nicht.
Ich mag das nicht.

Ich könnte Rotz und Wasser heulen, allein es bringt nichts. Und so lasse ich es eben und versuche, mich nicht völlig überrollen zu lassen.

Die Nerven sind dünn.

Es türmen sich hier ohnehin die Probleme übereinander, die angesichts meiner Eltern in den Hintergrund getreten sind, aber dennoch existieren.

Vom Sterben wollen hält mich momentan vor allem die Tatsache ab, dass mein Tod meine Eltern noch mehr erfreuen würde als ein Prozess gegen mich.

Roar!

Der kleine Tuk kann fauchen.

Wie ein Löwe.

Haben ihm die Großen nun ausdauernd und erfolgreich beigebracht.

„Wie macht der Löwe, Herr Honig?“

Und der kleine Tuk legt den Kopf ein bisschen schief, holt tief Luft und macht ein lautes furchterregendes „ROAR!“

Soweit, so putzig.

Leider nutzt er diesen Ausdruck neben dem neu erworbenen „Woscha!“ (für Kuscheln und Schnuffeln) nun besonders für die Brüste anderer Frauen.

Ich bin sehr dankbar für die kalte Witterung, die viele Brustbesitzerinnen dazu bringt, den Ausschnitt nicht mehr ganz so offenherzig zu präsentieren, das gilt aber leider nicht für drinnen arbeitende Kassiereinnen zum Beispiel.

Und jedes Mal, als der kleine Tuk heute Morgen Verrenkungen machte, um seiner Lieblingskassiererin auf die Brüste hauen zu können und mit einem herzhaften „ROAR! WOSCHA!!“ und spitzem Zeigefinger auf ihren Ausschnitt zeigte und mich anmotzte, weil ich ihn nicht aus dem Wagen holte, musste ich an den Kobold denken, der eine ebenfalls sehr ausgeprägte Brustphase durchlebte – allerdings deutlich später, so dass er vor den entsprechenden Frauen stehenblieb, sie ansah und laut und deutlich sagte:

„SIE haben aber prächtige große Brüste!“

alles anders

Erwachsene Gänge.

Bankberater.

Gespräche die zwar dank einer tollen Bank und dem dazugehörigen fantastischen Beraterstab nie unangenehm sind, aber allein der Grund, uns mal eben um einen gehörigen Betrag zu verschulden ist mehr als nur ein Stein im Getriebe. Warten auf Anwaltsschreiben. Warten auf die Erklärung meiner Eltern. Warten auf die Einigungserklärung und den Klageverzicht. Warten auf den Exmann. Warten auf Geld.

Die Seele fühlt sich tot an, während ich mit den Kleinen Pizza belege und darauf warte, dass der Kampfsport für Mann, Kind 1 und Kind 2 endlich zuende ist und sie hungrig nach Hause kommen.

Alles läuft weiter und alles ist so grundlegend anders.

Ich fühle die Sperre.

Ich fühle die Wächter.

Dunkel, drohend.

Nicht schützend.

Ich kann mir das Gespräch von gestern nur ins Gedächtnis rufen, wenn ich mich stark darauf konzentriere und versuche, mich zu erinnern. Ich habe große Panik vor Erinnerungslücken, die mir zeigen, dass ein System wieder die Kontrolle übernimmt. Ich will das nicht mehr.

Ich brauche dieses Korsett aus ruhig dahinplätschernder Monotonie, die die meisten Menschen als Tristesse bezeichnen würden, um mich selbst im Rahmen halten zu können.

Arbeit

Ich brauche eine Arbeit.

Da der kleine Tuk erst ein Jahr alt geworden ist, schließe ich Fremdbetreuung aus.

Das hatte ich alles schon, danke, nein danke.

Also kann ich abends arbeiten gehen. Ab 18 Uhr, bis 24 Uhr, dann schaffe ich genug Schlaf jede Nacht, um die Kinder von 6-17 Uhr wieder alleine zu betreuen. Mir ist klar, dass damit jeder „normale“ Job rausfällt.

Die Frau, mit der ich eben gesprochen habe, hat herzlich gelacht, als ich mit „vier“ und „abends“ antwortete.

Danke, auslachen kann ich mich selber, du blöde arrogante Kuh.

Erwach[s]en

Ich kenne die Frau im Spiegel nicht.
Sie sieht alt aus.
Müde.
Aber vor allem alt.
Als wäre jeder Kindanteil gestorben.

„Die Brotdosen sehen im Moment so traurig aus.“, sagte das Tochterkind gestern.

Und da sie Recht hat, gab ich mir heute Morgen wieder etwas mehr Mühe, etwas zu schaffen, das zum Essen einlädt, statt Essen zu Nahrung zu degradieren.

Ich habe ihr gestern in einer ruhigen Minute erklärt, dass ihr Gefühl sie nicht trügt. Sie legt den Kopf schief, sie fragt mich ständig, ob sie etwas für mich tun kann. Und weil es eines der wichtigsten Dinge in ihrem Leben sein wird, ein gut ausgereiftes Bauchgefühl zu entwickeln und sich auch zu erlauben, ihm zu trauen, nahm ich sie zur Seite und habe in vorsichtigen Worten erklärt, wie es mir gerade geht.

Ich sah das Aufatmen und die Erleichterung. Und verstehe so gut. Nichts geht mehr an die Substanz als ein Gefühl zu haben und dieses durch Verleugnung oder Lüge nicht verifizieren zu können.

Wir bekommen dadurch Kinder, die allem anderen mehr trauen als ihrem Bauch und ihrem Herzen.