Irritiert

Ich schlafe extrem gerne, ich habe gerne reichlich Sex nach meinen Vorstellungen, ich esse und trinke einige Dinge sehr gerne und ich spiele für mein Leben gern.

Reißt man diese Dinge runter, bleibt ein neurotisches paranoides kleines Ding übrig, das von Depression zu Depression stolpert und sich fragt, was es eigentlich auf diesem Planeten verloren hat.

Meine Hingabe, Dienst an anderen zu tun, steht und fällt mit meinem Wohlbefinden. Sorge ich nur unzureichend für mich selber und mein Körper- und Seelenheil, verkommt Hingabe zur Pflicht.

Irrwege

Abende gehören mir. Ich brauche Freizeit, ich brauche Entspannung, ich brauche definitiv eine Zeit ohne Kinder, ohne ihre Geräusche, ihre Anwesenheit. Und dann tue ich, was für mich gut ist und was meine Gedanken sortiert und mich entspannt.

Ich habe mein Ideal bereits gefunden und nun ist es aus Gründen so unerreichbar, dass ich nach einem Ersatz suchen muss.

Ich bin ungeduldig, wütend, frustriert… vor allem wütend.
Dass es so weit gekommen ist, kommen musste, überhaupt kommen konnte. Es könnte so einfach sein. Ruhe, Sicherheit, Beständigkeit.

Stattdessen stehe ich vor diesem Scherbenhaufen und drehe ob der Ungewissheit fast durch. Ich weiß nicht, was noch kommt… Immer wenn ich dachte, es würde bergauf gehen, entpuppte sich dieses bergauf nach kurzer Strecke als ein ungebremstes bergab.

Ich würde viel für mehr Sicherheit geben. Für Hoffnung. Glauben.

Stattdessen gebe ich ein weiteren Punkt meines Lebens ab.

Meinen Spaß.

Gedanken [Gedenken]

Ich habe Eltern immer darum beneidet, wenn sie gleich nach Fehl-/Totgeburt/Tod ihres Kindes Rituale schaffen konnten.

Wir sind dieses Jahr das erste Mal als Familie komplett und das Lebenslicht in der blauen Flasche, die ich damals fand, so wenige Tage nach einem anderen einschneidenden Ereignis, wird nur einmal im Jahr erneuert.

Die Kerze, die dort steht, wird im Mai das erste Mal angezündet und brennt Ende Oktober für mich das letzte Mal. Dieses Jahr war das erste mit uns, wie wir uns richtig und gut anfühlen. Vier Kinder. An jeder Hand eines.

Und als ich an diesem Septembermorgen Frühstück machte, da holte ich wie selbstverständlich die Kerze mit der blauen Flasche vom Regal und zündete sie an. Es fühlte sich einfach richtig an für diesen kleinen Menschen, dessen Herz schon so lange geschlagen hatte und den der Mann und ich tot auf den Händen hielten.

Ich habe in den letzten sechs Jahren oft versucht, eine Kerze anzuzünden. Nie wollte mein Herz davon ergriffen werden, nie fühlte es sich richtig an, immer nur wie der verzweifelte Versuch, etwas zu umklammern, das greifbar bleiben sollte.

Dieses Jahr habe ich einfach ihren Geburtstag gefeiert.
Geburts- und Todestag.

Ein Danke, dass sie da war. So viele Wochen. In meinem Bauch. Zärtlich gestreichelt von mir und dem Mann. Gewollt. Ersehnt.
Dankbar für die Bewegungen, die ich spüren durfte, so zart.

Für die Hoffnung, die mit ihr wuchs.
Es fügt sich wieder ein Teil in das große Bild hinein, als hätte es nur darauf gewartet, seinen Platz einzunehmen.

Heilung.

Ach…

Auf die Frage, was er denn seinem Kind sein wolle, was für ein Vater, da folgte eine Pause. Eine sehr sehr lange Pause. Er atmete schwer, schnaufte ein wenig und pustete Luft durch den Hörer.

„Ach..“, fing er an und da war dieses Aufatmen in mir, weil ich ahnte, was kommen würde: „ach… mehr so ein guter Kumpel. Will halt, dass sie zu mir kommen kann, wenn was ist. Und so. Aber ganz locker. Keinen Stress. Und so.“

Wenn aus Freiheit Gleichgültigkeit wird, ist es keine Beziehung mehr.

Schlussstriche

Ich muss… formulieren, Mut finden, Atem holen, aussprechen, wofür mir nun schon so lange die Worte, Mut und Luft fehlen.

Ich weiß, was ich nicht mehr will, wenngleich ich mir noch nicht sicher bin, was ich will. Aber dass ich das, so, nicht mehr ertragen, mittragen, mitnehmen, begleiten kann… dessen bin ich mir sicher.

Ich muss nur noch den letzten Schritt gehen.
Einen nur noch.

Den über den Abgrund hinaus.

Mutlos.

Gehirnaktivität

Der Kobold bittet das Baby grinsend, ihm seine Schuhe aus dem Flur zu holen, weil er selber keine Lust hätte, woraufhin der kleine Tuk in den Flur watschelt und kurz darauf mit einem Schuh wiederkommt.

Der Kobold starrt ihn fassungslos an und stammelt ehrfürchtig:

„Mama… ich glaube … ich glaube … sein Gehirn versteht uns jetzt….“