Gedanken [Gedenken]

Ich habe Eltern immer darum beneidet, wenn sie gleich nach Fehl-/Totgeburt/Tod ihres Kindes Rituale schaffen konnten.

Wir sind dieses Jahr das erste Mal als Familie komplett und das Lebenslicht in der blauen Flasche, die ich damals fand, so wenige Tage nach einem anderen einschneidenden Ereignis, wird nur einmal im Jahr erneuert.

Die Kerze, die dort steht, wird im Mai das erste Mal angezündet und brennt Ende Oktober für mich das letzte Mal. Dieses Jahr war das erste mit uns, wie wir uns richtig und gut anfühlen. Vier Kinder. An jeder Hand eines.

Und als ich an diesem Septembermorgen Frühstück machte, da holte ich wie selbstverständlich die Kerze mit der blauen Flasche vom Regal und zündete sie an. Es fühlte sich einfach richtig an für diesen kleinen Menschen, dessen Herz schon so lange geschlagen hatte und den der Mann und ich tot auf den Händen hielten.

Ich habe in den letzten sechs Jahren oft versucht, eine Kerze anzuzünden. Nie wollte mein Herz davon ergriffen werden, nie fühlte es sich richtig an, immer nur wie der verzweifelte Versuch, etwas zu umklammern, das greifbar bleiben sollte.

Dieses Jahr habe ich einfach ihren Geburtstag gefeiert.
Geburts- und Todestag.

Ein Danke, dass sie da war. So viele Wochen. In meinem Bauch. Zärtlich gestreichelt von mir und dem Mann. Gewollt. Ersehnt.
Dankbar für die Bewegungen, die ich spüren durfte, so zart.

Für die Hoffnung, die mit ihr wuchs.
Es fügt sich wieder ein Teil in das große Bild hinein, als hätte es nur darauf gewartet, seinen Platz einzunehmen.

Heilung.

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