Nachlese

Ich glaube, es war die Kälte.

Der Hass.

Kalter Hass.

Es waren nicht die Worte.

Es war nach dieser langen Zeit wie ein Eimer eiskaltes Wasser, der über mir ausgeleert wurde.

Du weißt doch, dass sie dich nicht lieben, hämmert der Kopf. Lass mir die Hoffnung, flüstert das Herz. Ohne Maske sind sie so, sagt der Bauch.

Ich bringe keine Wut auf. Ich versuche, meine immerwährende Kraftquelle anzuzapfen, doch es gelingt nicht. Ich bin nicht wütend.

Das Kind und alle Hoffnungen, die ihm noch innewohnten, wurden diesmal endgültig vernichtet. Ich fühle mich so taub. So beschmutzt. Angeekelt. Traurig. Vor allem traurig.

Der Schmerz zeigt mir deutlich, wie wenig verarbeitet ist. Wieviel Sehnsucht nach Elternliebe noch da war. Nur einmal… das Gefühl erleben dürfen… Wissen dürfen, dass man geliebt wurde. Ganz allumfassend und absolut wie es nur Eltern möglich ist…

Sehnsucht.

Tiefpunkt.

Trauer.

Niedertracht

Ich habe mit ihr am Telefon gesprochen. Habe ihre Stimme gehört. Kalt. Dreieinhalb Jahre Pause und das Kind ruft an. Was sagt man da als Mutter? Ich weiß, was sie sagte.

Stolz darauf, das letzte Bisschen Würde behalten zu haben und auf ihre kalten Anschuldigungen und Beleidungen nicht eingegangen zu sein. Ruhig weitergesprochen zu haben.

„Es ist okay, wenn ich Angst habe.“, sagte ich laut zu mir selber, bevor ich ihre Nummer wählte.

Den Rest habe ich mit ihrer Anwältin geklärt, nachdem sie mich noch einmal als Lügnerin beschimpft hatte und dann auflegte.

Wir haben keine Unterlagen darüber, dass das Geschenk ein Geschenk war. War es nicht, sagt sie nun, sieben Jahre später.

Und die Rechtslage ist reichlich kompliziert. Aus Gründen. Nicht gedacht, dass ich meinen Exmann noch einmal vor einer Klage retten würde. Wahrheit, habe ich mir irgendwann einmal geschworen. Vertrauen fand ich auch mal gut. Wohin das führt, sehe ich ja jetzt.

Und so nehmen wir eben einen mittleren fünfstelligen Betrag auf, um dieses Geld auf das Konto meiner Eltern zu überweisen, die von kaum etwas so viel besitzen wie von Geld.

Naja, reich an Boshaftigkeit und Niedertracht sind sie auch noch.

Kraft für eine gerichtliche Auseinandersetzung mit Zeugen und Beweisen und Behauptungen, die Aussage gegen Aussage stehen, habe ich nicht. Ich hab sie einfach nicht mehr.

Ich möchte jetzt bitte nie wieder mit einem anderen Menschen in soziale Interaktion treten.

Mäh. [Gewalt erzeugt Gegengewalt]

Ich rede mit Engelszungen auf den Kobold ein, dass er sich doch bitte danke wehren soll, wenn er geschlagen wird und ein Nein nichts nützt.

Zurückschlagen. Zurücktreten, weggehen.
Einen Lehrer informieren.
Soweit, so verkehrt.
Klappt nämlich nicht.

Und so schläft das Kind schon seit Wochen wieder im Schlafzimmer, ist geplagt von Alpträumen und Angstzuständen und Panikattacken gepaart mit einer ganz grundlegenden Weigerung, die Schule zu besuchen.

Also standen der Mann, der Kobold und ich bei der Klassenlehrerin.
Die … wenig … gesprächsbereit war.
Ja, da muss er dann halt mal nein sagen. (Ach)
Oder mal zu ihr kommen.
SIE hätte ja noch nie was gesehen. (hmhmmm)

Ich weiß, dass der beste Freund des Kobold auch sehr drangsaliert wird.
Aber auch davon hätte sie ja noch nie… und so.
Und überhaupt.

Da könne sie ja nichts für. (hat niemand behauptet. zu keinem Zeitpunkt)
Ja.
Das ist nun schon wieder ein bisschen her.
Und es wurde nicht besser.

Er wird von mehreren Jungs in eine Ecke am Hintereingang gezogen, die auch nicht einsehbar ist und dort bedroht, gewürgt, geschlagen, getreten, erpresst.

Ich rede und rede und rede und unterm Strich tut er nichts, um sich effizient zu verteidigen. Ich stelle in sehr schwachen Momenten sogar die Wahl der gewaltfreien Erziehung in Frage, denn ICH stand in dem Alter wenn überhaupt auf der anderen Seite und mich hätte tatsächlich niemand anzurühren gewagt, weil ich immer sehr hart zugeschlagen habe.

Andere Geschichte, aber irgendwie doch die gleiche Baustelle.
Habe ich ihn nun verhätschelt, dass er nicht mal gezielt zurücktreten kann?

Durch Zufall habe ich ihn heute am Hintereingang der Schule abgesetzt und er ging fröhlich auf den Schulhof, wo er sofort von einem Jungen abgefangen, an die Wand gedrückt, in die Genitalien getreten und ins Gesicht geschlagen wurde.

Ich schoss aus dem Auto und schaffte dank einem Sekundenbruchteil Vernunft gerade noch, der Motte zu befehlen, auf den Kleinen aufzupassen und ihn zu unterhalten, ich wäre gleich wieder da und ging drohend und extrem wütend Richtung Schulhof.

Egal, dass Erwachsene ihn nicht betreten dürfen, egal, dass da gerade ein kleines Kind Ziel meiner Wut war, nichts davon erreichte mich und damit meine Schutzmechanismen.
Der Junge sah mich und rannte zum Glück erst mal weg.
Ich sah die großen Augen des Kobolds, der total erschrocken zu mir aufsah und ich sah diese Träne kullern, als er schluckte und mit piepsiger Stimme sagte: „Geht schon, Mami.“

Das war der berühmte Tropfen…
Ich richtete mich auf, straffte die Schultern und sagte leise: „Nichts geht so, Kobold. Nichts.“
Ich spürte nur noch diesen Hass in mir.
So viel Vergangenheit, so viel Wut, so viel Hilflosigkeit.

Mehrere Kinder umringten uns und wichen langsam von mir weg.
Ich kenne die Alarmzeichen, wenn meine Disziplin schwindet.
Ich brachte nur ein mühsam beherrschtes „WO?“ raus und mehrere Arme zeigten auf den Spielplatzturm, auf dem ein lachender Junge sehen wollte, was nun passieren würde.

Das Lachen wurde dünner, je näher ich kam.

Als ich direkt vor dem Turm stand und zwei Meter nach oben sah, war es verschwunden.

Meine Stimme war inzwischen vor Wut etwa zwei Oktaven tiefer als in Normalform. „Du wirst da jetzt runterkommen. SOFORT!“
Er kam runter und ich sah das Zittern. Es war mir egal.
„WIE heißt du?“ Er sagte seinen Namen. Es war DER Name. Der, den der Kobold immer wieder nennt, wenn er beim Kuscheln vorsichtig erzählt, dass er wieder geschlagen wurde.

Es wurde rot vor meinen Augen.
„Du.wirst.meinen.Sohn.NIE.wieder.anfassen.HAST du das verstanden?“
Tränen schossen in seine Augen und er nickte.
Ich war so wütend, so unfassbar wütend, dass mich das kaum erreichte.
Alles in mir schrie nach Gewalt und alles in mir kämpfte um Beherrschung.

„Du wirst jetzt mitkommen. Wir werden jetzt deine Klassenlehrerin über dein Verhalten informieren. Den Schuldirektor. Und deine Eltern.“, herrschte ich ihn an.

Das Zittern wurde stärker. Der Kobold und sein bester Freund, der sich inzwischen zu uns gesellt hatte, hielten sich an den Händen, als ich mit meinem kleinen Gefolge den Schulhof überquerte, um eine Aufsicht zu suchen.

Ich fand eine.

„Eltern dürfen um diese Zeit nicht…“

– „Doch.“

Sie verstummte. Ich schilderte mein Anliegen und strafte bei der Gelegenheit auch gleich den Kobold ab. Wer den Mund nicht aufmacht und sich keine Hilfe sucht, der ändert auch nichts.
Durch meinen zugegeben recht wortgewaltigen und lauten Auftritt scharte sich eine Menge Kinder um uns.
Ich hielt eine flammende Rede über Gewalt und Unrecht und da meldete sich ein kleines Mädchen plötzlich zu Wort.

Und erzählte von Schlägen und Drohungen gegen sie und ihre Freundin.
Die Augen der Aufsicht wurden größer und ihre Haltung langsam kleiner.
Der schüchterne beste Freund vom Kobold erklärte, dass auch er gewürgt worden wäre. Von diesem Jungen.

Die nächsten Wortmeldungen kamen.

Ich hatte meine Selbstbeherrschung fast wieder. „Ich schlage vor, Sie holen jetzt die Klassenlehrerin oder den Direktor.“

Sie nickte.

Aus den folgenden Gesprächen der Lehrer mit den Kindern auf Augenhöhe zog ich mich nach einigen Minuten zurück und habe nun Anlass zu der Hoffnung, dass sich tatsächlich etwas ändern wird.

Ob nun aus Vernunft und Verantwortung der Aufsichts- und Lehrpersonen oder aus Angst davor, dass ich mit weiteren Eltern wiederkommen werde, ist mir fast egal.

Das Gute gewinnt nie.

Aber es kann beim Kämpfen immerhin den Kopf oben halten.

Spirale

Die Nächte werden dunkler. Und länger. Ich habe mir noch nie so sehr viel Geld gewünscht. Gedanken, sich freizukaufen. Ein drohender Prozess, der das Familiengefüge, das ich hinter mir gelassen habe, wieder so nahe bringt. Gedanken, wie ich meine Familie da raushalten kann. Mir ist klar, dass ich zu jedem Gerichtstermin alleine gehen werde, damit sie keinen Kontakt haben. Überlegungen, wieviel sie ausspioniert haben. Undichte Stellen von Seiten des TochterKindsvaters. So viele destruktive Gedanken zu meinen Eltern. Der Wunsch, sie einfach anzurufen und zu fragen, warum sie das tun. Ich weiß, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen, als eine negativ/hilflose/wütende Reaktion. Dann hätten sie ihr Ziel erreicht.

Warum schreibe ich immer im Plural, wenn ich doch eigentlich nur meine Mutter meine? Weiß mein Vater von der Anklage? Sie hat in seinem Namen mit Vollmacht unterschrieben. Ist es ihm egal? Weiß er davon? Unterstützt er es? Hat das noch Relevanz? Warum wird eine fast 8 Jahre alte Sache aufgewärmt und jetzt noch mal Falschaussagen aufgestellt, wenn wir doch schon seit 3 Jahren keinen Kontakt haben? Warum machen sie nicht ihren Frieden?

Warum können sie nicht einfach glücklich sein ohne andere Menschen zerstören zu wollen?

Müde.

Ungleichgewicht

Wenn man so lange für jemanden Entscheidungen trifft, weil der sich dazu nicht in der Lage sieht und man sich dann selber in einer von reiner Hilflosigkeit geprägter Situation wiederfindet, dann kann man auch nicht verlangen, dass aus dem Kind plötzlich ein souveräner Erwachsener wird, der das Gleiche für einen selbst tun kann.

Zärtlicher Missbrauch

Missbrauch von Vertrauenspersonen ist immer Hochverrat.
Missbrauch von fremden Menschen nicht schlimmer, nicht besser, nur anders. Ich habe beides erlebt und nicht die Schläge, nicht die Gewalt, nicht die Drohungen und Demütigungen sind es, die mich in die Nacht verfolgen… nein.

Es ist die Zärtlichkeit.

Meine Mutter war nie körperlich brutal.
Sie war immer zärtlich. Vorsichtig. Hat mir versichert, dass das sein muss.
Im Tonfall, wie eine Mutter eben ihrer Tochter erklärt, dass etwas getan werden muss.
Ich weiß noch, wie sie liebevoll lächelte, wenn sie mich zwischen den Beinen streichelte. Ihre Bemerkungen machte.

Und das ist Verrat in zweierlei Hinsicht. Es ist nicht die Gewalt, die triggert. Auch, zwar, aber so ganz anders und gut unter Kontrolle. Inzwischen. Nein, es ist die Zärtlichkeit.

Werde ich grob angefasst, dann fahren meine Schutzprogramme hoch und gut ist. Auch, wenn der Mann aus Versehen eine Bemerkung macht, von der er nicht ahnen kann, dass sie Erinnerungen hochholt.

Etwas anderes ist es, wenn er mich zärtlich berührt.
Lächelt.
Sanft und liebevoll ist.
In den allermeisten Fällen kommt sofort der Ekel hoch.
Zarte Berührungen sind etwas, das ich immer noch nicht ertragen kann.

Die Kinder sind auch so.

Und ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht schreiend wegzulaufen oder schlimmer, sie dafür zu maßregeln. Kopfarbeit. Disziplin. Jede Sekunde. Immer alles unter Kontrolle halten.

Mein ganzer Instinkt sagt LAUF und Herz, Bauch und Kopf sind sich einig, dass Zärtlichkeit eigentlich etwas Gutes ist.

Das ist das perfide an zärtlichem Missbrauch.

Es sendet so grundverkehrte Signale an ein Kind, dass ein Einordnen und Aufarbeiten so gut wie unmöglich ist.

Und auch im Alltag, in den Nachrichten ist immer klar: Missbrauch ist etwas böses. Und das Böse ist immer brutal, hart, gemein, voller Gewalt und meistens laut und drohend.

Wir wollen nichts von zärtlichen Vergewaltigern hören.
Das passt für uns nicht, das wollen wir nicht.
Und so muss ich mich zusammenreißen, wenn mein Mann mit den Kindern herumalbert, sie streichelt und mit ihnen kuschelt.
Wie man das mit Kindern eben so macht.
Ich kenne das nur aus dem Fernsehen. Und jetzt vom Mann.
Und jedesmal, je ruhiger und zärtlicher die Situation ist, desto panischer werde ich.

Ich spüre den Angstschweiß, ich merke, wie der Hass und der Ekel hochkochen und es mir den Atem nimmt, wie ich jedes Bisschen Disziplin, das ich besitze, darauf verwenden muss, nicht in eine völlig harmlose Situation zu platzen und Mann und Kinder zu verstören.

Meine Herausforderung.

Die Kinder wissen, dass ich es nicht mag, vorsichtig gestreichelt zu werden. Schon am Arm holt das dermaßen viel hoch, dass ich früh dazu übergegangen bin, zu erklären, dass ich extrem kitzelig bin. Damit können sie leben und ich auch. Das muss reichen.

Jede andere Form von körperlichem Kontakt geht, nur diese Zartheit…

Hausaufgaben

Wo das große Kind einen Gehirn wie ein Fotoapparat zu haben scheint und die Denkleistung jedes Maximallevel sprengt, führen der Kobold und ich erbitterte Grubenkämpfe bei den Hausaufgaben.

Ich kenne das nicht und war dementsprechend unvorbereitet.

Ich will nicht wissen, was heute die Nachbarn dachten, als ich haareraufend meinen armen Sohn in der Küche anbrüllte:

„DREI TAFELN SCHOKOLADE HAST DU SCHON!! DU WILLST ABER 5 TAFELN SCHOKOLADE HABEN! WIEVIELE TAFELN BRAUCHST DU NOCH???“

„Äh, sieben!“

„WAAAAAAAAAAHHHH; DU HAST 3 TAFELN!! DREI!! SCHAU!! DREI!!!!“

Ich fuchtelte inzwischen mit drei Fingern vor seiner Nase rum und hüpfte wie ein Rumpelstilzchen vor ihm auf und ab:

„DREI!! SCHAU! UND DU WILLST FÜNF HABEN! FÜNF!!!! SCHAU!!!“

Und zerrte mit der freien Hand zwei weitere Finger der ersten Hand nach oben. Und klappte sie wieder runter. Und wieder hoch. „KOBOLD!!!!“

„Ah, jetzt hab ichs verstanden Mami. Ich brauche noch 9 Tafeln!“

„AAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHH. FÜNF!!! DU WILLST 5 HABEN!! FÜNF!!! FÜNF!!!!“

„Können wir was anderes nehmen? Ich kann doch sonst nur an Schokolade denken!“

„KOBOLD!!!“

„Mami, das ist echt kein Spaß mit den Hausaufgaben.“

[Grmbflfmargh]

Traurig

Dieses Seufzen in mir, voller Traurigkeit… voller ungesagter Worte, die niemals ihren Weg finden werden…

Sie haben das Leben nicht verstanden. Immer noch der gleiche Hass. Die gleiche Boshaftigkeit.

Angeekelt trifft meine Gefühle vielleicht momentan am Besten.

Ich versuche, die Mauer hochzuziehen, die die letzten Jahre so tief gesunken ist.

Ich habe Angst vor heute Nacht.

Tragödie in mehreren Akten

Wenn ich an meine Eltern denke, bin ich so gut wie im Reinen mit mir, mit ihnen, mit den Dingen, die damals passiert sind.

Meistens.

Also sehr oft zumindest.

Was sich aber in den letzten Jahren tatsächlich grundlegend verändert hat, gerade innerhalb der Jahre, die wir nun keinen Kontakt mehr haben, ist meine Art, über sie zu denken. Sie sind aus Deutschland weggezogen, haben in ihrem Traumland ein Häuschen gekauft, sind Mitte 60 und wenn ich heute an sie denke, dann denke ich an ruhige graue Menschen, die ihren Seelenfrieden gefunden haben.

Die vielleicht ruhiger geworden sind, nicht mehr so grausam und gewaltätig… Die viel in der Natur sind, ihr Leben genießen und einfach ihren Frieden mit den Dingen gemacht haben. Und ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass sie glücklich sind.

Das ist neben dem Gefühl, sie nie wiedersehen zu wollen, das vorherrschende Thema, wenn ich an meine Eltern denke.

Bis heute.

Bis ich Post von ihren Anwälten bekam.

Und meine Seifenblase von den glücklichen älteren Menschen, die sich verändert haben, zerplatzt.

Sie sind boshafter als jemals zuvor.