Zärtlicher Missbrauch

Missbrauch von Vertrauenspersonen ist immer Hochverrat.
Missbrauch von fremden Menschen nicht schlimmer, nicht besser, nur anders. Ich habe beides erlebt und nicht die Schläge, nicht die Gewalt, nicht die Drohungen und Demütigungen sind es, die mich in die Nacht verfolgen… nein.

Es ist die Zärtlichkeit.

Meine Mutter war nie körperlich brutal.
Sie war immer zärtlich. Vorsichtig. Hat mir versichert, dass das sein muss.
Im Tonfall, wie eine Mutter eben ihrer Tochter erklärt, dass etwas getan werden muss.
Ich weiß noch, wie sie liebevoll lächelte, wenn sie mich zwischen den Beinen streichelte. Ihre Bemerkungen machte.

Und das ist Verrat in zweierlei Hinsicht. Es ist nicht die Gewalt, die triggert. Auch, zwar, aber so ganz anders und gut unter Kontrolle. Inzwischen. Nein, es ist die Zärtlichkeit.

Werde ich grob angefasst, dann fahren meine Schutzprogramme hoch und gut ist. Auch, wenn der Mann aus Versehen eine Bemerkung macht, von der er nicht ahnen kann, dass sie Erinnerungen hochholt.

Etwas anderes ist es, wenn er mich zärtlich berührt.
Lächelt.
Sanft und liebevoll ist.
In den allermeisten Fällen kommt sofort der Ekel hoch.
Zarte Berührungen sind etwas, das ich immer noch nicht ertragen kann.

Die Kinder sind auch so.

Und ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht schreiend wegzulaufen oder schlimmer, sie dafür zu maßregeln. Kopfarbeit. Disziplin. Jede Sekunde. Immer alles unter Kontrolle halten.

Mein ganzer Instinkt sagt LAUF und Herz, Bauch und Kopf sind sich einig, dass Zärtlichkeit eigentlich etwas Gutes ist.

Das ist das perfide an zärtlichem Missbrauch.

Es sendet so grundverkehrte Signale an ein Kind, dass ein Einordnen und Aufarbeiten so gut wie unmöglich ist.

Und auch im Alltag, in den Nachrichten ist immer klar: Missbrauch ist etwas böses. Und das Böse ist immer brutal, hart, gemein, voller Gewalt und meistens laut und drohend.

Wir wollen nichts von zärtlichen Vergewaltigern hören.
Das passt für uns nicht, das wollen wir nicht.
Und so muss ich mich zusammenreißen, wenn mein Mann mit den Kindern herumalbert, sie streichelt und mit ihnen kuschelt.
Wie man das mit Kindern eben so macht.
Ich kenne das nur aus dem Fernsehen. Und jetzt vom Mann.
Und jedesmal, je ruhiger und zärtlicher die Situation ist, desto panischer werde ich.

Ich spüre den Angstschweiß, ich merke, wie der Hass und der Ekel hochkochen und es mir den Atem nimmt, wie ich jedes Bisschen Disziplin, das ich besitze, darauf verwenden muss, nicht in eine völlig harmlose Situation zu platzen und Mann und Kinder zu verstören.

Meine Herausforderung.

Die Kinder wissen, dass ich es nicht mag, vorsichtig gestreichelt zu werden. Schon am Arm holt das dermaßen viel hoch, dass ich früh dazu übergegangen bin, zu erklären, dass ich extrem kitzelig bin. Damit können sie leben und ich auch. Das muss reichen.

Jede andere Form von körperlichem Kontakt geht, nur diese Zartheit…

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