Schon vor einem Jahr dachte ich jeden Tag an die Freundin meiner Tochter. Wie sie nach der Diagnose Gehirntumor von Operation zu Chemotherapie zu Bestrahlung wechselte, immer mit der faszinierenden Ausdauer eines Kindes, das niemals freiwillig über den Tod nachdenken würde. Sie besuchte ihre Klasse von Zeit zu Zeit, es wurden Briefe geschrieben.
Sie ging einige Wochen wieder zur Schule, ein halbes Jahr nach einem Marathon, der jeden Erwachsenen zu einem Bündel Elend hätte werden lassen. Hüftlange prachtvolle schwarze Locken wichen kurzen vereinzelten Haaren auf einem 9jährigen Kinderkopf und meine Tochter sagte auf ihrem Geburtstag nur: das wächst wieder.
Stumm erfuhren wir auf einem Elternabend, dass sie jetzt doch nicht mehr zur Schule gehen würde. Weitere Behandlungen, jeden Tag Klinik, Hausunterricht. Und ich fühle seit eineinhalb Jahren verstärkt diese Nähe, die ich nie wollte, die aber immer da war. Seit 3 Jahren, seit der Einschulung. Als ich dieses Kind das erste Mal sah und etwas fühlte…, das ich nicht einordnen konnte. Sowohl zu ihrer Mutter als auch zu ihr selber.
An ihrem Geburtstag letztes Jahr fasste ich mir ein Herz und nahm Geschenke meiner Tochter und einen großen Strauß Heliumballons und meine Kinder und klingelte.
„Man muss die Familie in Ruhe lassen“, so die Parole der Lehrerin und ich zweifelte. An meinem Gefühl, an meinem Verstand, an meinem Instinkt.
Und trotzdem fasste ich meinen Mut zusammen und fuhr hin. Kinderarme streckten sich nach mir aus, ganz selbstverständlich.
Ich fuhr vorsichtig mit den Fingern über die lange Narbe, die quer über den gesamten Schädel reicht und lächelte. Sie lächelte zurück. „Sieht schlimm aus, oder?“ Ich grinste. „Ich bin eigentlich mehr beeindruckt. Meine längste Narbe ist nicht mal halb so lang.“ Ein mädchenhaftes Lächeln wurde zu einem spitzbübischen Grinsen. Wir waren die einzigen, die an diesem Tag da waren. Wann immer meine Tochter andere Freundinnen besuchte, wurde getuschelt über den Gesundheitszustand dieses Kindes, mit dieser Art scheinheiligen Mitgefühls, das mir die Galle hochsteigen lässt. Und ich presste die Lippen zusammen und schwieg stumm. „Das arme Kind“, „man weiß ja nichts genaues“ In bestimmten Abständen werden Briefe in der Klasse geschrieben, an dieses Mädchen. Gegen das Vergessen. Und doch nur Gewissensberuhigung.
Und kein Tag verging im gesamten letzten Jahr, an dem ich nicht überlegte, was ich tun könnte. Ob es mir überhaupt zusteht, mich das zu fragen. Ob ich nicht noch mehr durcheinander bringen würde zwischen Klinikalltag und Sorgen der Familie, die schon genug um die Ohren hatte.
Und ich schwieg. Hilflos.
Meine Tochter schreibt ihre Briefe immer sehr sorgfältig. In jedem Brief steht, wie sehr sie sie vermisst und sie legt ihr Herzblut hinein.
Letzte Woche klingelte es abends an unserer Tür. Der Vater stand vor unserer Wohnung und bat, unsere Tochter kurz mit hinunter nehmen zu dürfen. Seine Tochter würde sie so gerne kurz sehen, sie säße im Auto. Mein Mann ging mit hinunter, wir übrigen winkten von oben, vom Fenster aus. Sie tauschten Telefonnummern.
Und keine drei Stunden ist es her, da stehe ich vor der Schule meiner Tochter, habe noch 5 Minuten Zeit, bis sie kommt, da durchfährt es mich plötzlich. Ich schnappe mir die Kleinen, beschließe, dass meine Tochter dann eben laufen muss und ich sie später auf dem Heimweg aufsammle, und fahre zu einem Geschäft in der Nähe, in dem wir sonst nie – wirklich niemals – einkaufen. „Wir machen einfach mal was Neues“, höre ich mich sagen und frage mich, warum ich nicht eben noch die 5 Minuten auf meine Tochter gewartet habe. Es erschließt sich mir nicht.
Wir irren etwas ziellos im Laden umher, ich will eigentlich gar nichts kaufen und fahre zusammen, als ich eine helle bekannte Mädchenstimme den Namen meiner Tochter rufen höre und auf mich zurennen sehe. Sie ist es. Wir umarmen uns. Sie ist dünn geworden. Sie klammert sich an mich und ich gewähre mir einen Moment Schutzlosigkeit.
Kurz durchzuckt mich eine Erkenntnis, die ich nicht fassen kann. Ihre Mutter folgt in vorsichtigem Abstand und wir geben uns die Hand. Sie lächelt, doch es ist nicht echt. Ich bleibe ernst. Ich erkläre, dass meine Tochter noch in der Schule ist und ihre Tochter beginnt, mit meinen Kleinen durch den Laden zu streifen. Ich sehe in orangebraune Augen, die meinen eigenen sehr ähnlich sind und will weg. Weit weg. Ich will wegrennen, weg von hier, nichts mit diesen Menschen zu tun haben, aber ich bewege mich keinen Millimeter. Ich kann nicht. Wir tasten uns ab, langsam, vorsichtig. Sie ist sehr gefasst, wir beginnen einen Smalltalk, der die Blicke zwischen uns Lügen strafen will, doch es gelingt nicht. Fast höre ich es nicht, so unvermittelt kommt es nach einem belanglosen Satz leise. „Es gibt keine Chance mehr. Sie weiß es noch nicht.“ Ich will mich in mir verkriechen, mich zurückziehen, wenn ich jetzt eine Floskel schaffe, mein Mitgefühl auszudrücken muss ich mich nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Nur eine Floskel. Nur eine kleine Floskel. Es geht nicht.
„Darf ich dich umarmen?“ Neinneinnein, nicht. Es gibt kein Zurück mehr. Und so stehen wir da, zwei Frauen im gleichen Alter, mitten in diesem Geschäft und die Welt steht still. Menschen gehen an uns vorbei, als ich die Arme um sie lege und spüre, wie ein Schluchzen aus tiefster Seele in ihrer Kehle aufsteigt und sie schüttelt. Weich wird sie für einen Moment, ganz zart.
Ich kann es kaum aushalten, meine Schutzmauern so tief unten zu sehen und ich harre aus. Gebe mich hin.
Als sie mich freigibt, hat sich alles geändert. Die Worte dürfen aussprechen, was die Augen schon vorher wussten.
Und so sprechen wir über Hospizarbeit, Schmerzmittel und Zeitspannen. Wenn alles gut läuft, maximal ein Jahr. Wenn es zu einem Krampfanfall kommt, kann es jeden einzelnen Moment soweit sein. Jede Sekunde. Keine Garantien, keine Sicherheit, keine Zeit. Ein Jahr, wenn es gut läuft…
Meine Gedanken hängen diesem Satz nach. Ist ein Jahr lang? Ist es kurz? Die Worte sterben und Tod fallen kein einziges Mal. Morgen fährt meine Tochter zu Besuch dorthin. Ich spüre, dass diese Verbindung existiert.
Hab ich es mir ausgesucht? Hat es mich ausgesucht? Wozu?