„Awwww…. da ist ja der kleine runde Kugelbauch mit der Mami!“
Ich habe kaum die Tür zur Hebammenpraxis hinter mir geschlossen, da stürmt eine Mittvierzigerin in Wallekleidern und halber Brille auf mich meinen Bauch zu und fängt an, daran herumzupatschen. Ich reiße die Augen auf und trete einen Schritt zurück. „Guten … Morgen?“, frage ich entgeistert und sehe auf die kleine Frau, die da vor mir steht. Rotgefärbte Haare, Dauerwelle, alternativ.
„Awwwww…. Ich bin die Lieselotte und ich bin heute deine Hebamme.“
Ja das wüsste ich aber.
Ich frage, wo die drei Hebammen sind, die hier eigentlich arbeiten und schon lausche ich schönsten Geburtsberichten (zwei gleich heute Nacht und AWWWW… haben die lange gedauert…) und der Erklärung, dass Hebamme Nr. 3 im Urlaub sei. Also sei sie – die Lieselotte – als befreundete Hebamme eingesprungen.
Ich frage mich, wie ich möglichst unauffällig die Praxis wieder verlassen kann. Man sollte immer auf sein Bauchgefühl hören… „Wie geht es uns denn heute Morgen?“, trällert sie munter drauflos, während sie in ihren Unterlagen nachsieht, wie weit ich bin. „Awwwww… 39. Woche … da haben wir es ja fast geschafft!“ Ähm. Nee. Wir ganz bestimmt nicht.
„Und heute Akupuntur? Awww… das hilft ja auch immer so. Ich bin ja SO ein FREUND von Akupunktur. Und von Homöopathie. Alles pflanzlich! Das ist ja SO natürlich!“
Blutdruck und Puls nähern sich bei mir ungesunden Grenzen während ich überlege, ob ich nun meine Akupunktursitzung mitnehme – bei Lieselotte – und CTG muss auch geschrieben werden, bevor ich zum Arzt hochgehe, oder ob ich mich einfach umdrehe und gehe.
Ich entscheide mich fürs Bleiben.
Ich werde es bitter bereuen.
Kaum dass ich auf der Liege liege und es mir einigermaßen bequem gemacht habe, kommt Lieselotte mit Nadeln, Ölen und Bauchgurten angeweht.
„Awww… sonst ist heute Morgen auch keiner hier, ich kann die ganze Zeit bei dir bleiben, da können wir mal offen über alles reden, was du so auf dem Herzen hast!“ Mir bleibt auch nichts erspart.
Ich beäuge misstrauisch die kleinen Ölfläschchen und hoffe, sie will jetzt keine Aromatherapie anfangen, da zurrt sie schon die Gurte fest. Ich höre Sohnemanns Herztöne und sie greift zu den Akupunkturnadeln. „Lass uns zusammen atmen.“ Ich blinzle. „Wofür?“ (gleich will sie, dass ich meinen Namen tanze, wenn das so weitergeht… reicht man solchen Leuten den kleinen Finger…)
„Na, um den Schmerz wegzuschieben. Du atmest ein und dann kräftig wieder aus. Dann steche ich die Nadel und du merkst kaum etwas. Wir atmen zusammen. Ein…“ Sie zieht geräuschvoll die Luft durch die Nase, während ich mich frage, aus welchem Irrenhaus sie heute Morgen wohl geflüchtet ist. „Ähm…“, merke ich vorsichtig an, „…das geht auch prima ohne Atmen. Es tut ja nicht weh.“
„Awwwwww… tapfere kleine Mami! Aber beim kleinen Zeh – das ist doch schmerzhaft… da hustest du einfach. Dann steche ich.“ Sie spickt meine Beine mit Nadeln und ich sinke ermattet in die Kissen. Ich hätte heute Morgen mehr Koffein zu mir nehmen sollen… Und auf nüchternen Magen ist so eine Begegnung auch nichts… „Jetzt huste mal.“
Ich ziehe eine Augenbraue hoch und winke ab. „Einfach nur reinstechen. Ist schon okay.“
Ich habe nach viel Brimborium und Atmen und Husten und Nadeln genug und möchte einfach nur 20 Minuten entspannen. Herztöne meines Sohnes im Ohr und die Augen zu.
Lieselotte hat aber noch viel mit mir vor. „Du bist so eine ganz schulmedizinische, oder?“
Es hört sich ein bisschen an, als hätte sie mich gerade als Schlampe beschimpft, so wie sie Schulmedizin ausspricht. Ich verneine. Ich hab ja nichts gegen Pflanzen. Opiate sind super.
„Awww… ja, weißt du, die Pflanzen.. die Pflanzen können alles. Das ist alles ganz natürlich. Nicht so technisch. Die können alles regulieren. Alles. Und als ganzheitlich arbeitende Hebamme habe ich immer auch die Pflanzen im Blick. Wir machen nur Dinge, die in der Natur auch bei Geburten gemacht werden. Wie damals, in der Steinzeit. Da haben die Frauen auch gewusst, wie sie mit Pflanzen umgehen. Und was sie kauen müssen. Und das ist SO natürlich. Und darum werde ich dir jetzt etwas Nelkenöl an den Uterus schmieren.“
Ich reiße die Augen auf. Weit.
Ich versuche, mir eine wie auch immer geartete natürliche Situation vorzustellen, wie Nelkenöl in der Steinzeit an meinen Uterus gekommen wäre und schüttle den Kopf.
„Nein. Das werden wir jetzt nicht machen.“
„Aber… das löst Wehen aus.“
Ich frage mich, ob sie wohl eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt und ob ich einfach nur die Praxis verlassen oder die Polizei benachrichtigen soll. In meiner Fantasie sehe ich sie mit Ölfläschchen durch die Fußgängerzone hüpfen und schwangere Frauen belästigen.
„Ich möchte keine Wehen auslösen. Ich möchte auch kein Nelkenöl am Uterus haben. Das Baby hat noch eine Woche bis zum Entbindungstermin und wählt seinen Zeitpunkt schon. Alles gut.“
Sie seufzt. Mehrfach. Laut. Sie atmet. Ich spüre, dass die Begegnung mit mir ihr anscheinend ebenso zusetzt wie mir. Das wird hier nichts mehr. Mit Entspannung schon gar nicht.
„Gibt es denn einen Papi zu dem Baby, mit dem du zusammen bist?“
Ich nicke misstrauisch und frage mich, worauf sie nun hinauswill.
„Dann wär es gut, wenn ihr jetzt ganz viel Schnicksischnacksi machen würdet. Weißt schon, was ich meine…?“ Sie zwinkert mir zu. Ich frage mich, was der Mann wohl sagen wird, wenn ich ihm heute Abend vorschlage, ein wenig Schnicksischnacksi zu machen. Mit Nelkenöl womöglich noch. Ich nicke brav und versuche ein Lächeln. Nur noch ein paar Minuten, dann bin ich hier raus.
„Weißt du, alle Weihnachtsgewürze lösen Wehen aus. Nelken, Zimt, Kardammon… Das ist alles total natürlich. Viele Frauen bekommen vor Weihnachten vorzeitige Wehen, wenn sie Lebkuchen und diese Dinge essen. Und das Öl… das ist ja noch mal viel konzentrierter. Und wenn das dann am Uterus…“
Sie legt die Nadeln zur Seite und ich schaffe es das erste Mal in dieser Schwangerschaft in Rekordgeschwindigkeit, Socken und Schuhe anzuziehen. Nur weg hier.
Ich schnappe mir meinen Mutterpass, versuche ein wenig Resthöflichkeit bei der Verabschiedung zu bewahren und flüchte Richtung Ausgang.
„Denk an die Weihnachtsgewürze!“, flötet sie mir ein letztes Mal hinterher.
Ich grinse gequält, rufe noch zurück, dass ich mir gleich eine Packung Spekulatius im Supermarkt kaufe und trete auf den Flur.
Raus. Nur raus hier.
Ich schließe die Tür, lehne mich dagegen und atme erst einmal tief durch. Freiheit.
Ich brauche Urlaub nach dieser Schwangerschaft. Ganz ganz weit weg.