Aufgewühlt, schockiert, entsetzt

Ich zittere immer noch vor Wut ob solcher Gleichgültigkeit.

Aber eine Stunde zurück.

Ich hole mit meinem Sohn das Töchterchen vom Kindergarten ab.

Auf dem Rückweg fahren die Autos vor mir plötzlich auf die Gegenfahrbahn, es hupt ganz wild, alle bremsen und scheren aus.

Ich sehe beim Bremsen, dass da ein Hindernis mitten auf der Fahrbahn liegt.

Und realisiere dann, dass es sich um einen Menschen handelt. Eine Frau.

Also, innerhalb eines winzigen Augenblickes entschieden, das Auto vor dieser Frau zu parken und auf Gott zu vertrauen, dass die beiden Kinder hinten im Wagen sicherer sind als die Frau auf der Straße, wenn ich das Auto erst weiter hinten abstelle und zwar meine Kinder in Sicherheit habe, aber die Frau weiter ungeschützt auf der Straße liegt.

Warnblinkanlage an, aus dem Auto gesprungen und fassungslos beim Laufen zu der Frau die weiterfahrenden und hupenden Autos irgendwo ganz hinten im Gehirn registriert.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber als ich den Rollator von der Frau wuchte (mein Gott, wie schwer sind diese Dinger…) um sie mir anzusehen, schlägt sie die Augen auf.

Augen voll mit Tränen.

Plötzlich ist es ganz still, ich höre nichts mehr vom Straßenlärm und es gibt nur noch ihre Augen, die in Meine schauen.

„Es sind so viele vorbeigefahren“, flüstert sie. „Können Sie mir bitte aufhelfen?“

Mir wird klar, dass ich hier mitten auf der Hauptverkehrsstraße kniee, meine Kinder allein im Auto sind und diese Frau unbedingt aufstehen muss. Also hoch mit ihr.

Es gibt leider keinen Straßenrand oder Bordstein auf dieser Seite und auf die andere Seite komme ich nicht, weil die Autos immer noch schnell an uns vorbeifahren und ich keine Chance sehe, heil mit ihr da drüben anzukommen.

Während ich sie halb zu meinem Auto trage, halb stütze und gleichzeitig versuche, herauszufinden, was ihr alles fehlt, murmelt sie unzusammenhängende Sätze vor sich hin.

Sie hätte die Hitze unterschätzt, es war so kalt, sie hätte nicht die Jacke anziehen dürfen, ihre Augen, war da nicht mal ein Bordstein, ein Laster hat nur ganz knapp ihren Kopf verfehlt…

Ich versuchte unterdessen, sie in mein Auto zu setzen während sie versuchte, mich davon zu überzeugen, dass ich sie nur einfach wieder an ihren Rollator stellen und ihr sagen solle, wo der Bürgersteig sei, sie würde kaum noch sehen können, aber wenn ich es ihr sagte, würde sie den Weg nach Hause schon finden.

Einige Minuten später war das Schlimmste überstanden. Das Auto mitsamt allen Insassen stand am Straßenrand im Schatten, das Kindergartenwasser der Großen musste zur ersten Hilfe herhalten (und ich wette, die gute Frau hat das erste Mal aus einer Sigg-Flasche getrunken) und es kam Leben in die alte Dame.

Ich erfuhr, dass sie sich zu dick angezogen hatte, weil es so kalt war. Kurz nachdem ich mich innerlich gewundert hatte, wie sie um 14 Uhr mittags bei 25°C im Schatten darauf kommt, fragte ich sie, wann in aller Welt sie denn losgegangen sei.

Um 8 Uhr heute Morgen – seitdem hat sie nichts gegessen, nichts getrunken und ist nur Schritt für Schritt mit ihrem Rollator Richtung Supermarkt geschlichen, um Lebensmittel zu kaufen.

Sie wird 86 Jahre alt, kann nicht bis auf den Boden kucken, dazu reicht ihre Sehkraft nicht mehr. Sie kann nicht mehr richtig laufen, hat aber kein Geld für den Bus, das sie von den Lebensmitteln abknapsen könne. Sie hat keine Familie und die Nachbarn haben zwar angeboten, ihr zu helfen, aber sie möchte sie nur ungern stören, weil die Frau mit den zwei Kindern genug zu tun hätte.

Als wir bei ihr zuhause ankamen (ich habe auf meinen Kilometerstand gesehen – es waren noch gut 2 km – bergauf) und ich ihre Einkäufe in ihre Wohnung trug und den Rollator auslud, öffnete sie ihr Portemonaie und hielt mir einen 5-Euro-Schein hin.

Den ich abgelehnt habe.

Viermal.

Dann fing sie bitterlich an zu weinen und auf meine Nachfrage sagte sie ganz leise – dass ich mich vorbeugen musste, sie zu verstehen:

„Bitte – nehmen Sie das Geld, es ist die einzige Art und Weise, wie ich Ihnen danken kann. Bitte.“

Ich habe das Geld genommen. Mit einem sehr ambivalenten Gefühl.

Dann umarmt sie mich noch ganz kurz ganz fest und schiebt mich zur Tür hinaus.

„Sie müssen jetzt mit den Kindern nach Hause fahren. Ich würde sagen, Sie sind ein Engel, aber Sie sind nicht blond und tragen viel zu viel Schwarz dafür.“

Nachdenklich kneift sie die Augen zusammen und schielt noch kurz in meine Richtung, bevor sie die Tür schließt.

„Sie müssen bei den Pfadfindern gewesen sein.“

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