Der Nachname

Ich habe gestern alle meine Konten gekündigt.
Alle Depots, kleine und große Konten, alles.

Ohne Netz und doppelten Boden, quasi. In diesem Zug habe ich auch erst mal alle bekannten Institutionen angeschrieben und endlich meinen Nachnamen geändert. Kein Zurück mehr.

Ich mache mir nun keine Gedanken mehr über „die Zweite“ oder nicht.

ICH bin Frau R..
Ich habe mich entschieden, diesen Namen anzunehmen und dieses Nicht-Durchziehen der ganzen Sache ist auch sehr respektlos dem Mann gegenüber.

Umpf.

2008

Zu meinen Neujahrsvorsätzen gehört auch, wieder regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Also tue ich das nun auch.

Was mich momentan sehr mitnimmt, ist die Ich-Bezogenheit der meisten Menschen. Egal, mit welcher der anderen Mütter aus dem Kindergarten unterhalte, ich weiß innerhalb kürzester Zeit alles über private Probleme, Gewichtsprobleme, Ehesorgen, Haushaltssituation, finanziellen Gedanken und Kinderwünsche. Es ist einfach keine Herausforderung. Im Grunde reden alle Menschen am liebsten über sich selber und das ist wohl auch der wunde Punkt, weswegen sie nicht miteinander kommunizieren können. Sie können sich nicht aus ihrem kleinen Universum herausbewegen sondern können nur Themen bedienen, die sich unmittelbar auf ihr eigenes Leben beziehen. Womit eine Kommunikation unmöglich wird.

Wenn ich dabei stehe und nur freundlich kucke, werde ich Zeuge von einer Unmöglichkeit, in der sich zwei Frauen ihr eigenes Leben um die Ohren hauen. Ich habe dasunddas gemacht – und die andere erzählt dasselbe aus ihrem Leben. Höher, schneller weiter – oder im Hausfrauenjargon – billiger, dicker, sorgenreicher – es geht nur um das Selbst. Sie hören sich gerne reden und wenn dann jemand wie ich kommt, der nichts aus dem eigenen Leben preis gibt sondern tatsächlich mal nachfragt (was zuhause und bei „Freundinnen“ de facto nicht vorkommt), dann blühen diese Menschen auf. Und so werde ich unfreiwillig mit allen Facetten dieser Leben konfrontiert. Warum der Mann kein drittes Kind haben möchte, wie viel Unterhalt die Exfrau bekommt, warum die Schwiegereltern an den Eheproblemen Schuld sind oder wie genau sich der Dammriss bei der zweiten Geburt auf den Geschlechtsverkehr auswirkt. Es ist für jeden etwas dabei…

Ich wünsche mir oft, dass ich irgendwo irgendjemanden treffe, der eine Frage stellt.

Aber das ist mir nicht vergönnt. Und so manipuliere ich die Leute weiter, indem ich ihnen das gebe, was sie verlangen, nämlich Aufmerksamkeit für ihr kleines unbedeutendes Leben und die Sorgen darin.