Mama?

Manchmal wünsche ich mir eine Mutter. Eine richtige Mama. Erinnerungen an eine Kindheit voller Wärme und Liebe und Nähe.

Ich versuche, meinen Kindern eine gute Mutter zu sein. Ich weiß aber nur aus Büchern, was eine solche Mutter überhaupt ausmacht. Ich habe Filme gesehen, Geschichten gelesen, andere Kinder gesehen, die von ihren Müttern ohne jegliche sexuelle Ambitionen in den Arm genommen wurden. Getröstet wurden, ohne dafür bezahlen zu müssen.

Ich habe immer dieses brennende Gefühl des Neides gespürt, wenn ich eine solch augenscheinlich intakte Mutter-Kind-Beziehung gesehen habe.

Früh war ich der Meinung, dass ich gar keine richtige Mutter bräuchte. Es war schon okay so – wie hätte ich es auch ändern sollen. Ich traf meine Vorsichtsmaßnahmen. War immer angekleidet. Keine nackte Haut zeigen, keine Sehnsucht nach Nähe. Unnahbar sein und gerne in Kauf zu nehmen, das tägliche „Ich finde dich so zum Kotzen“ zu hören. Weil das bedeutete, dass niemand meine Haut berührte. Niemand würde mich gegen meinen Willen küssen. Niemand würde mich an Stellen berühren, die zu intim waren um sie überhaupt auszusprechen.

Die Kunst, in einem Haushalt zu existieren und den größtmöglichen Abstand zu einem Familienmitglied zu halten, das seinerseits versuchte, den ganzen Tag mit „zufälligen“ Berührungen zu füllen. Meine Brüste habe ich lange abgebunden, damit ich keine Berührung empfinden kann. Durch mehrere Lagen Binde merkt man auf der Haut kaum noch etwas. Sehr pragmatisch. Und mein Alltag.

Als ich älter wurde, merkte ich, dass ich mich nicht nur „anstellte“, wie es mir sooft vorgehalten wurde. Dass andere Kinder nicht nackt für ihre Mütter posieren mussten. Dass andere Kinder dann nicht auch noch angefasst wurden. Aber wenn man nur falsch kennt, empfindet man das automatisch als normal und nicht zu ändern. Das kommt erst später.

Zurück zu meinen Kindern. Bei meiner Tochter tat ich mich sehr schwer mit der Pflege im Säuglingsalter. Ich traute mich kaum, sie zu berühren. Sie sauber zu machen. Ihre Windel zu wechseln. Sah ich doch diese normalen Tätigkeiten in Erinnerung an meine Kindheit schon als Grenzüberschreitung. Es hat lange gedauert, bis ich sie ohne Seelenqual waschen konnte. Auch das Stillen war sehr davon belastet, ihr „das“ nicht zumuten zu wollen. Ich wollte sie nicht zwingen, etwas in den Mund zu nehmen, was in meiner Erinnerung einfach nur eklig war. Für normale Menschen ein kaum nachvollziehbarer Gedanke. Und so war auch das neben vielen anderen ein Grund, es schnell wieder sein zu lassen.

Als ich schwanger war, brauchte ich nach langer Zeit mal wieder eine Mutter. Ich träumte von einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung. Dass ich ihre Hand ganz unschuldig auf meinen Bauch legen könnte, damit sie ihr Enkelkind spüren könnte. Im Vorbereitungskurs war eine Frau mit ihrer Mutter, die sie auch mit zur Geburt nehmen wollte. Ich war neidisch. Glühend eifersüchtig. Ich hatte keinen Mann zum Anlehnen und meine Mutter… naja. Sie hat nicht einmal meinen Bauch berührt. In keiner Schwangerschaft hätte ich das zugelassen, solange ich noch einen Atemzug tun kann. Aber gewünscht hab ich mir das. Eine richtige Mutter. Eine Mama zum Anlehnen. Zum Teilen.

Eine, die Erfahrung weitergeben kann. Auch jetzt ist der Wunsch nach einer mütterlichen Bezugsperson sehr stark. Ich möchte jemanden haben, der seine Erfahrung mit mir teilt.

Auch jemand, dem ich meine Kinder anvertrauen könnte. Ich war so gerne bei Oma und Opa früher – meinen Kindern fehlt diese Erfahrung völlig.

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