„Mir geht es im Moment nicht ganz so gut.“
Aus dem Satz fast jeden Menschen ist das eine Aussage, die ich erst mal einfach so hinnehme und gegebenenfalls noch einmal mitfühlend nachfrage, wenn es mich interessiert.
Aus dem Mund meiner 82-jährigen Großmutter, die ein Leben lang alles klaglos hingenommen hat und selbst jetzt nach dem Tod ihres Mannes eine Haltung bewahrt hat, die sich mir nicht immer erschlossen hat, setzt mich das in höchste Alarmbereitschaft.
In unserer Familie hatten Gefühle nie Platz. Wenn Besuch kam, hat meine Mutter vorne rum schön getan und sich hintenrum das Maul zerrissen. Wann immer meine Großeltern zu Besuch waren, haben meine Eltern beide vom ersten Tag des Besuchs an starke Beruhigungsmittel genommen, um nicht auszurasten. Das kam erst hinterher, wenn ich wieder mit ihnen alleine war.
Kurzum: Familie, Besuch – das war nichts. Man freut sich nicht, wenn jemand zu Besuch kommt. Und ich habe das lange sehr unreflektiert übernommen.
Seit ich alleine wohne, haben meine Großeltern mich nie besucht. Sie waren damals immer noch bei meinen Eltern, mehr schafften sie nicht mehr. Meine Großmutter war nie in einer meiner Wohnungen. Alles zu anstrengend und vor allem zu viele Treppen.
Und jetzt spreche ich mit dieser Frau, die tief verwundet und seelisch verletzt ganz beiläufig fragt, ohne das aufgeregte Zittern in ihrer Stimme verbergen zu können: „Vielleicht könnte ich ja mal bei euch zu Besuch…? So für 4 Wochen, dass ich mal rauskomme…? Ich soll ja in Kur gehen, aber ich brauche eigentlich nur eines: Familie…“
Als mein Herz anfing, laut ja zu schreien, habe ich das einfach zugelassen und sie herzlich willkommen geheißen.
In letzter Zeit häufen sich die Ereignisse, die mir zeigen, dass im Moment das Leben selber die Führung übernehmen möchte.
Und die Verantwortung so weit abgeben zu können, dass es mir gelingt, einfach anzunehmen, einfach JA zu sagen, mich auch mal führen zu lassen, entlastet enorm.
Die vielen Fragen, die auf mich einstürmen, prallen an mir ab.
Das wird schon.
Ein Gefühl, das mir noch so fremd ist. So eigenartig fremd.
Zuversicht.