Grenzen

Jedes Mal, wenn wir von einem dieser Marathonwochenenden bei meiner Großmutter wiederkommen, spielt mein Körper verrückt.

Ich habe jedes Mal für drei bis vier Tage nach dem Besuch vereiterte Mandeln, Schluckbeschwerden, Husten, Übelkeit.

Da wir in Abständen von 2-4 Wochen dorthin fahren, ist das nicht gerade selten.

Ich weiß, woran es liegt, keine Frage. Der große Mann kann mittags um 12 Uhr Schluss machen, auch diese Zeit muss nachgearbeitet werden. Die Kinder HASSEN das Autofahren. Gerade die Kleinen. Es sind mindestens 3 Stunden. Wir fahren diese 3 Stunden auch nicht entspannt, da wir wissen, was auf uns zukommt. Wir haben versucht, das Ganze als „der Weg ist das Ziel“ zu probieren, aber nach 6 Stunden Autofahrt mit langen kindgerechten Pausen und Bewegung sind wir noch fertiger als nach 3 oder 4 Stunden. Kommen wir an, meistens am späten Nachmittag bis frühen Abend, tragen wir unser Gepäck hoch und versuchen uns zu fünft in dem größten Zimmer, das etwa 14qm hat und zwei große sperrige Einzelbetten beherbergt, einzurichten. Liegt die dritte Matratze auf dem Fußboden, ist das Zimmer voll. Voll im Sinne von: Man bekommt genau viermal einen Fuß auf den Fußboden, der Rest ist bedeckt.

Ich kann gerade noch die Sachen so hinstellen, dass wir wenigstens einigermaßen die Kinder fertig machen können, ohne uns (der große Mann und ich) gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Der Mann trägt das ganze Computerzeugs ins Wohnzimmer, denn der Bürokram muss ja auch noch erledigt werden. Inzwischen sind wir eine Stunde da und sind bereits 7 Mal gefragt worden, wann wir essen wollen, was wir die nächsten Tage essen wollen und ob wir mal dies, mal jenes erledigen könnten. Das machen wir zwischendurch, keine Frage, immer die todmüde Motte, die meistens an Papas Hemdzipfel hängt, dabei, das große Tochterkind, das sich so gar nicht wohl fühlt und mit großen Krokodilstränen in den Augen meistens nach der Fahrt völlige Ruhe bräuchte.

Der Kobold, dieses besondere Kind, bei dem eine falsche Handlung, ein falsches Wort, ein blöder Zufall reicht, ihn explodieren zu lassen. Zu einem Kind werden zu lassen, dass sich in uns festbeißen muss, uns schlagen muss, laut kreischen, dutzende von Minuten lang, ununterbrochen, um den Druck abzubauen. Eine Wohnung, die es uns nicht erlaubt, mit diesem Kind einen dunklen geschützten Ort aufzusuchen, an dem es ruhig ist.

Ich erinnere mich an die Szene, als der große Mann den Kobold auf dem Arm wiegte, ich ein Milchfläschchen machte und versuchte, mich zu beeilen und meine Großmutter mir entweder im Weg stand oder – obwohl der Mann mehrfach sagte, dass sie das nicht dürfe – den Kobold anfasste. Der zuckte nur vor Pein und der Mann wandte sich ab und hob ihn höher. Das interessierte aber nicht. Das zu verarbeiten schafft sie leider nicht mehr – dieses Verständnis kann sie nicht aufbringen. Sie fragte mehrfach ungläubig, ob er denn tatsächlich noch eine Flasche bräuchte. Mit Sauger. Er sei schließlich schon drei Jahre alt. Und ich war unglaublich entnervt.

Wir gehen dieses enorme Risiko ein, den Kobold außer Haus zu bringen, wohl wissend, dass uns das mit ihm um Monate zurückwerfen kann und ich war kurz davor, sie einfach nur undankbar anzufahren, sie solle den Mund halten.

Als sie dann wieder einen Schritt auf den Mann zumachte und versuchte, unser Kind zu berühren, dass gerade die Schulter des Mannes blutig biss, um das Leben zu ertragen, ging er diesen Schritt.

Er drehte den Kobold weg und sah sie an und fuhr sie an: „Nicht. Jetzt. Oma.“

Und ich war so dankbar. Ich hab das in meinem Kopf nicht hinbekommen, die frische Witwe in ihre Schranken zu weisen, in ihrer Wohnung, kurz nach dem Tod meines Opas. Obwohl ich ganz klar die Prioritäten auf meinem Kind hätte liegen haben müssen.

Ich habs nicht geschafft.

Kobold

Ja, unser Sohn kann mit Messer und Gabel essen. Ja, er kann ganze Sätze bilden. Er kann sich alleine anziehen. Und ausziehen. Und waschen. Und auf Toilette gehen. Und ein Brot schmieren. Und kleinschneiden. Und er kann Kuchen backen.

Er ist dreieinhalb.

Und ja – er bekommt noch ein Milchfläschchen. Mit Sauger. Manchmal muss er dabei ganz still an meiner Brust liegen und sein Gesicht verstecken, um keinen Anfall zu bekommen.
Und ja, manchmal muss er sich bis aufs Blut in unseren Armen festbeißen, um weder sich noch anderen wehzutun.

Manchmal reicht eine winzige Berührung aus, um einen zweistündigen Schreianfall auszulösen und manchmal muss einer von uns mit den anderen Kindern weggehen, während der andere im selben Zimmer bleibt und so sorgsam wie mit einem wilden Tier aufpasst, dass er sich dabei nicht verletzt, ohne ihn in die Ecke zu drängen.

Ja. Das ist unser Sohn.
Und wir sagen Ja zu ihm, von ganzem Herzen.
Das ist nicht immer leicht zu tragen, aber wir gehen mit ihm.
An seiner Seite.

Reif

Oft in meinem Leben hatte ich Wunschträume und Vorstellungen und natürlich gute Vorsätze.

Im Laufe von langen Jahren, in denen ich oft und gerne und immer wieder gegen dieselbe Wand gerannt bin, habe ich erkannt, dass es sinnlos ist, einen Vorsatz fassen zu wollen.

Jeder Vorsatz ist zum Scheitern verurteilt, wird er bedacht.

Irgendwann kommt die Minute, der Moment, der Augenblick, in dem die tiefgreifende Erkenntnis ins Gehirn gespült wird, die nur wenige Buchstaben hat:

Jetzt.

Die Dinge müssen reif sein, sonst sind sie ungenießbar.

Von Schutz und Mut

„Mama, kann ich auch Geld ham?“, fragte der Kobold in der Bremer Fußgängerzone, nachdem das Tochterkind dem russischen Seemannschor etwas in den Kasten gepackt hatte.

Ich nicke  und gebe ihm auch eine Münze in die Hand.

Er geht drei Schritte vorwärts und just in diesem Moment bringen die fünf Männer mit Wucht und Lautstärke ein herzzerreißendes Lied zu seinem Höhepunkt.

Der Kobold springt entsetzt quiekend einen halben Meter zurück und flüstert:

„Ich trau mich das nich so alleine! Die Männers sind so laut!“

Ich schmunzle ein bisschen, will etwas sagen, aber das Tochterkind nimmt ihn schon in den Arm und sagt:

„Komm, wir gehen zusammen. Ich pass auf dich auf!“

„Auch mit die Männers?“

„Ja, auch bei den Männern.“

Utopie

Ganz früher, als ich noch keine Kinder hatte und mir welche gewünscht habe, da hatte ich sehr genaue Vorstellungen von meinem zukünftigen Leben. Immer nur Ausschnitte, aber die auch sehr detailliert.

Ich würde mit den Kindern tanzen und singen. Viel singen. Laut. Ganz oft. Wir würden im Auto sitzen und singen. Uns Geschichten erzählen. Musik hören.

Wir würden malen und herumschmieren, einfach weil es Spaß bringt. Und Plätzchen backen. Und ich würde in bemehlte Kindergesichter sehen, mit roten Bäckchen und zufrieden strahlend.

Wir würden Kuchenteig rühren und naschen, bis uns die Bäuche weh tun. So wie ich das früher mit meiner Oma gemacht habe.

Und wir würden rausgehen und Kastanien sammeln. Und bunte Blätter. Und Kaulquappen.

Und ein Picknick im Regen machen und dabei lachen, weil das Leben so schön ist.

Morgens würden wir durchs Bett toben und noch schmusen und kuscheln und warme und weiche Kinder würden sich vertrauensvoll in meinen Arm schmiegen und ich würde das Glück dieser Welt erfahren.

Abends würde ich die Bettdecke zurechtziehen und noch einmal ganz nah bei ihnen sein – ihrem Atem lauschen und mein Herz verschenken.

Wir würden durch Pfützen springen und bei Wind und Wetter draußen sein. Durch Wälder streifen. Auf Berge klettern. Steine sammeln und Schnecken bestaunen.

Wir würden einkaufen gehen. Alle gemeinsam. Jeder holt seinen Teil, alle harmonieren perfekt miteinander.

Wenn wir zuhause wären, würden die Kinder im Haushalt helfen und kleine Geschenke und Überraschungen basteln und mir überreichen. Ich würde mich freuen und an ganz vielen Stellen in der Wohnung selbstgemalte Kinderbilder aufhängen.

Käme ein weiteres Geschwisterkind dazu, würden alle sehnsüchtig der Geburt entgegenfiebern und sich um das Kleine kümmern und es verhätscheln und lieben. Niemand wäre eifersüchtig, alle wären voller Liebe und Zuneigung.

Natürlich wäre da auch mal Streit. Und nach jedem Streit würden sich die Kinder oder wir uns alle in den Arm nehmen und es wäre wieder gut.

Die Kinder würden gegenseitig auf sich acht geben. Hätte eines eine Verletzung, würden die anderen kommen und helfen. Der eine holt ein Pflaster, der andere pustet und tröstet schon mal.

Sie würden manchmal alle nebeneinander sitzen, miteinander kuscheln und wenn ich um die Ecke komme, mir  zublinzeln und im Chor rufen: „Wir haben dich SOOOO lieb, Mami!“

Wann immer ich jemandem einen kleinen Einblick gab, wie ich mir das Leben mit Kindern so vorstellen würde, erntete ich ein leicht amüsiertes bis spöttisches: Na, da sprechen wir uns in ein paar Jahren noch mal.

Und ich verstand nicht.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen und ich würde die Menschen gerne noch mal treffen, die meine Träume und Vorstellungen damals ins Reich der Utopie schoben.

Und sagen:

Seht her.

Oma

Ich habe mit meiner Großmutter telefoniert. Sie isst wieder nicht. Schläft viel. Fällt hin.

Und ich habe es nicht geschafft, sie einzuladen. Ich habe so lange gegrübelt, warum. Vielleicht wäre das das letzte Eingeständnis, dass er tatsächlich tot ist.

Einfach nur tot.

Die Schießbude

Wir waren noch nicht sehr lange zusammen, da bummelten der große hübsche Mann und ich über eine Festwiese.

Fahrgeschäfte, Imbissstände, Spielbuden wohin man sah.

Und ich betete und hoffte inständig, dass der Status unserer Beziehung, der noch zu einem großen Teil aus Werben und Beeindrucken bestand, trotzdem nicht dazu führen würde, auch in dieser Beziehung den Supergau erleben zu müssen:

Die Schießbude.

Wir schlenderten also so umher und kamen an einigen Schießbuden vorbei und nach jeder konnte ich etwas weiter aufatmen. Gottseidank…

Mit Grausen erinnerte ich mich an die Male, die ich im strömenden Regen neben irgendeinem wütenden Mann stand, der verzweifelt versuchte, ein Schaf, einen Stern oder sonstwas abzuschießen.

Das eine Mal, das ich noch Geld leihen musste, um weitere Schüsse zu finanzieren, damit ich auch das bekomme, was ich mir ausgesucht hatte.Es hat nie geklappt.

„Die ist total verzogen.“ „Die schießt nicht richtig“ „Was ist denn das für ein billiges Ding“ – ich kenne alle Ausreden, denn ich habe sie alle schon gehört. Dabei bin ich nie sonderlich scharf drauf gewesen, an so einem Stand zu stehen. Aber es scheint ein Männergen zu geben, dass Männer beim Anblick von Waffen, Plüschtieren und weiblicher Begleitung dazu animiert, auf kleine Plaketten schießen zu wollen.

„Such dir was aus, ich schieß es dir!“ ist definitiv mein meistgehasster Satz in einer Beziehung.

Einmal sind wir als vier Pärchen auf einen Rummel gegangen und mein Freund war der Einzige, der exakt nichts getroffen hatte. Er bekam dann eine dieser zerfledderten Plastikrosen, die er mir auch noch überreichen wollte.

Ich zog eine Augenbraue hoch und er ließ sie in den nächsten Mülleimer fallen. Die Beziehung dauerte nicht mehr allzulange.

Im Grunde hätte es vielleicht ein Omen sein können, dass der Soldat an meiner Seite, der mit markigen Sprüchen gegenüber Schießbudenbesitzer und mir, dass er schon ganz andere Dinge erschossen hätte, keine einzige Plakette traf. 400 nachgekaufte Schüsse später war mir kalt, meine Laune im Keller und ich nahm das erste Mal in meinem Leben mit einem gequälten Lächeln 27 Plastikrosen, die ich zuhause entsorgte und sagte: „Das war ziemlich beeindruckend, Hase.“

Ich hätt den Mann vielleicht nicht auch noch heiraten sollen.
Übrigens war die Waffe schuld. Natürlich.

Der Mann davor war ein sehr bekannter Kickboxer, der so ziemlich alles und jeden traf und bei dem ich mir relativ sicher war, dass er auch den rosa Plüschelefanten bekommen würde, den ich mir aussuchen sollte.
Er hatte mehrere Tage danach Erektionsprobleme und auch als ich irgendwann mit ihm Schluss machte, steckten die Plastikrosen vom Desaster noch hinter dem einen Bild, wo er sie nach meiner Ablehnung untergebracht hatte. Ich war 18 und es war eine völlig neue Erfahrung, einen Mann wegen einer Plastikrose weinen zu sehen.

Ohne dass ich es wollte, hatten sich Schießbuden für mich zu einer Art Beziehungsindikator entwickelt.

Ablehnen führte meistens zu einem handfesten Streit, weil die Männer da irgendwie borniert sind oder zu dem noch fordernderem Drängen, mir doch bitte irgendein großes Plüschtier auszusuchen.

Also akzeptierte ich diesen seltsamen Teil meines Lebens, ohne ihn zu befürworten. Kurzum: ich hatte ein Trauma.

Beim großen hübschen Mann war es mir wichtig, dass es gar nicht so weit kommen würde. Und so hatten wir das Ende des Rummels auch schon erreicht und ich dankte Gott, dem Himmel, allem, was ich so hatte, dass dieser Kelch an mir – uns – vorüberging. Überlegte, ob ich noch einen kandierten Apfel mit auf den Heimweg nehme und wartete auf den allerletzten Stand, der meines Wissens nach ein Süßwarenstand war.

War er nicht.

Es war eine Schießbude.

„Süße?“

Ich überlegte, eine Ohnmacht, einen Wadenkrampf oder etwas anderes Lebensbedrohliches vorzutäuschen, antwortete mit einem vorsichtigen: „Hm?“

Er beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte:

„Such dir mal was aus, ich schieß es dir.“

Ich rang mit mir selbst und der Teufel gewann.

Alles oder nichts.

Ich verdrehte also innerlich die Augen und warf einen Blick auf die Hauptgewinne. Der größte war ein riesiges unglaublich hässliches Opossum-Plüschtier aus IceAge2. Das Vieh war über einen Meter lang und das Grässlichste, das ich jemals gesehen hatte.

„Den da bitte.“, fügte ich mich in mein Schicksal lehnte mich an einen Pfosten.

„Wieviel Schuss möchten Sie haben?“, fragte der Verkäufer den Mann und ich warf ein sehr spöttisches ‚Na, ein Schuss wird ja wohl reichen…‘ zwischen die Männer.

Der Mann zog die Augenbraue hoch und sagte: „Ein Schuss wird reichen, meint die Lady.“

Ich überlegte derweil, wie man möglichst echt einen Schwächeanfall simuliert, um ihm die Blamage zu ersparen. Man musste ja auch nur so ein hüpfendes kreiselndes Dingsda treffen, das ab und an auch noch verschwand.

Der Mann richtete sich zu seiner vollen Körpergröße von fast 2 Metern auf und spannte sich. Ich war beeindruckt ob dieses Anblickes, auch wenn ich noch drüber nachdachte, ihn anzurempeln, um die Schuld auf mich zu ziehen. Aber ich fügte mich in mein Schicksal und schloss die Augen.

Es klickte und ich hielt die Augen krampfhaft geschlossen.
Nicht diese Beziehung auch noch.

Als ich mich entschieden hatte, die Plastikrose einfach anzunehmen und lieb zu lächeln, öffnete ich die Augen und blickte in eine riesige und unglaublich hässliche Opossumschnauze.

Steingraue Augen blitzten mich an und das attraktive Männergesicht vor mir lächelte süffisant.

„Das ist ein ziemlich hässliches Ding, das du dir da ausgesucht hast…“, grinste er, drückte es mir in den Arm und nahm meine Hand, um weiterzugehen.

Kobold in glänzender Rüstung

Letzte Woche im Krankenhaus ist etwas sehr Bemerkenswertes vorgefallen.

Sonst sehr scheu und leicht völlig aus der Fassung zu bringen, wenn man ihn aus seiner eigenen Welt holt, rettete der Kobold seine kleine Schwester.

Eine Krankenschwester flirtete über den Flur mit der Motte und sagte mit einem Mal: „Na komm mal her, du Süße!“

Dem Kobold entglitten sofort sämtliche Gesichtszüge und er fasste die Motte ziemlich unsanft am Kragen, zog sie nach hinten und fuhr die Krankenschwester an: „Das DARF die KenzoMausMotte nich! Wir kennen uns ja ga nich!“

Man sah, wie Angst und Beschützerinstinkt hart miteinander kämpften.

Umso stolzer bin ich, dass er dermaßen über sich hinausgewachsen ist.

Kinder, Kinder

Als das Mottenkind mir beim Toben im Bett gestern irgendetwas fieses Hartes an die Schläfe knallte und danach triumphierend kreischend den Rückzug antrat, sank ich in die Kissen und jaulte so ein bisschen herum.

Der Kobold sieht mich nachdenklich an, fragt, was er kennt:

„Mama, hassu Bauchweh?“

und informiert den großen hübschen Mann fachmännisch über mein Leiden.

„Mama tut der Bauch weh, Papa!“

„Der Kopf!“, seufze ich theatralisch.

„Mama hat Bauchweh, Papa!“, lässt der Kobold sich nicht irritieren.
[Ärzte wissen ja immer alles besser]

„Am KOPF tut es weh!“ brülle ich entrüstet.

Der Kobold nickt ein wenig so, als wäre ich geistesgestört, sieht zu seinem Vater hoch und setzt nach:

„Papa, Mama hat Bauchweh am Kopf!“

Friedhofsgeschichten

„Tochter, Kobold, Motte? Wir besuchen jetzt Uropa.“

K: „Abba Opa is doch bei den Steaanen!“

„Na, wir besuchen seine Urne.“

K: „Seine Uane?“

M: „Gah?“

„Ja, die ist doch hier begraben!“

K: „Begaaaben?“

„Begraben. In der Erde.“

M: „Gah?“

K: „In der Eade? Abba Opa is doch bei den Steaanen!!“

„Jetzt kaufen wir hier erst mal Blumen. Ich nehm eine Nelke!“

K: „Oh, ich will abba auch eine Welke!“

M: „Gah!“

Während wir den Weg über den Friedhof gingen, wurde mein Herz so schwer. Die Kinder führten mich mit ihrer Natürlichkeit und Ungezwungenheit, die kein Weglaufen möglich machten.

Meine Tochter trug das Rosengesteck und ihre eigene Blume, der Kobold hüpfte herum und fuchtelte dermaßen oft mit seiner rosa Nelke herum, dass zum Schluss nur noch der Stengel blieb und die Erdbeermotte biss in unregelmäßigen Abständen herzhaft ein Stück aus ihrer Blume heraus.

Ich dachte, der Weg wäre wichtig. Noch einmal zurückkommen, mit Abstand. Sich trauen. Was ich fand, war das Nichts. Es hätte dort leerer nicht sein können. Kein Opa, keine großartige Erkenntnis, kein Gefühlskino.

Nichts.

Er liegt dort nicht.

Er ist nicht da unten, er ist nicht tot.