Seelenqual

Der Mann und ich, wir kommen aus zwei unterschiedlichen Richtungen. So klar, wie mir immer war, dass unsere Wege sich kreuzen würden und wir danach in Begleitung des Anderen in die andere Welt eintauchen würden, so seltsam fühlt es sich mitunter an.

Gewalt, Brutalität, Folter, Missbrauch, Mord, Skrupellosigkeit, das alles wandert mit jedem Schritt, den ich gehe, weiter in die Ferne. Sehen werde ich es immer können. Aber das ist in Ordnung so. Der Mann bewegt sich aus der anderen Richtung in meine Welt.

Wenn er auch nur einen Bruchteil dessen empfindet, das ich beim Anblick und beim Gefühl von Liebe und Vertrauen und Optimismus empfinde, dann ist er erschlagen von diesen Eindrücken.
Und nun geht er einem Weg, auf dem er innerhalb seiner Ausbildung auch das Töten lernen muss. Um sich – sofern er will – dagegen zu entscheiden.

Nur etwas, das man kennt, kann man verhindern.

Mein Training war da etwas kompromissloser. Ich habe Lebewesen gequält, getötet, verletzt. Lange Jahre. Es war normal, mein Vater verlangte es zunächst von mir gegen meinen Willen, später habe ich es getan, weil es in meiner Natur lag. Niemand interessierte sich für Moral. Es war wie es war. Im Grunde habe ich nur wiederholt, was mit mir gemacht wurde. Es war so vertraut. Und damit richtig.

Und so wirklich, so richtig mit allen Konsequenzen im Herzen, habe ich erst begriffen, als ich selbst Mutter wurde.
Meine Wandlung setzte vorher schon ein, aber nur im Kopf.
Im Herzen löste sich eine der schwarzen Fesseln, als ich mit einem neugeborenen Mädchen auf dem Arm vor meinen Eltern stand und diese mich fragten, bei welchen Gelegenheiten sie meine Tochter auf welche Art und Weise schlagen sollten.

Etwas in mir starb in diesem Moment.
Etwas anderes in mir, das ich längst begraben wähnte, regte sich leise und vorsichtig.

Hoffnung. Mein Herz setzte aus, lange.
Als es wieder anfing zu klopfen, drückte ich meine Tochter fest an mich und hob das Kinn.

„Dieses Kind wird nicht geschlagen werden.“

Ich erinnere mich an die Verblüffung in ihren Gesichtern.
An die Fassungslosigkeit.
Und an meinen ersten Zugang zu dem Kind in mir. Wie es aufhorchte. Sich traute, die Augen zu öffnen, ein Stück nur.
Wie weitreichend dieser Moment sein würde, war mir damals noch nicht klar.

Aber ich begriff.
Etwas, das ich nicht in Worte fassen konnte, das aber da war.

Liebe.

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