Eigentlich

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen.
Eigentlich wollte ich wesentlich später losfahren.
Eigentlich…
Als wir ankamen, ging sie gerade.
Und es durchzuckte mich abwechselnd heiß und kalt.

Für einen völlig bescheuerten kurzen Moment überlegte ich, ob ich mich wohl verstecken sollte. Lange ist es her.
Ich ging auf sie zu und umarmte sie.

„Wie geht es dir?“

– „Gut“, log sie.

Und ich hätte mich ohrfeigen können für diese absurde Frage. Wie soll es ihr schon gehen? Ich Idiot. Lange Sekunden war ich hin und hergerissen zwischen der Möglichkeit, sie einfach gehen zu lassen und ihr ein herzliches Lebwohl zu wünschen oder die Mauer wieder einzureißen. Einmal mehr. Einmal schmerzhafter.

Der kleine Sohn thronte auf dem Arm und ich fragte mich, wie schmerzhaft es sein muss für sie. Ausgetragen, als ihre Tochter im Sterben lag.

„Ein Sohn“, lächelt sie. Und ich sehe, wie der Mund zuckt.

Ich hatte mich bereits entschieden. Risiko.

„Bald hast du alle ersten Male erlebt“, sage ich leise.

Ein Jahr ist es schon fast her, es ist so unglaublich. Und ich weiß, dass es gestern war für die Frau, die da vor mir steht und um Fassung ringt.
Die Mauer zeigt ihre Risse. Sie fällt, als sie anfängt zu erzählen.
Sie erzählt vom Sterbemoment.
Von dieser einen Sekunde, drei Atemzügen, ihrer Tochter, ihres Mannes und ihr selber.
Dreisam, Einsam, Gemeinsam.
Ein gutes Lebewohl.

Eines, das man keinem wünschen würde.
Und doch.
Es ist hellichter Tag, die Kinder toben um uns herum, es ist laut, sonnig, voller Leben und doch steht die Zeit still.

Wir sind wieder in dieser Blase, die uns jedesmal umgibt, wenn wir uns treffen. Es ist bemerkenswert, wie sehr sie mein Herz berührt.

Dieses Band…

Ich habe mich selber eingeladen. Ich komme mir immer noch vor wie ein Bulldozer.
Ein ruhiges gemeinsames Frühstück. Bei ihr, weil sie nicht rausgehen kann. Ich bringe Brötchen mit, wenn die Kleinen im Kindergarten sind. Ich schreibe einige Tage vorher eine SMS. Wenn sie nicht kann, soll sie es einfach kurz schreiben. Alle Rückzugsmöglichkeiten gegeben, aber eben doch irgendwie ein Bulldozer.

Ich konnte nicht anders.

Vielleicht tue ich das Falsche.
Vielleicht.

Schreibe einen Kommentar