Letzter Tag im Mai

593 Einladungskarten mit rosa Puschel zur Prinzessinnenparty des Grauens verteilt – check.

Baby auf Medikamente gesetzt und wieder ins Bett gesteckt – check.

Mittagessen für die Kindergartenkinder auf dem Autodach vergessen und den einzelnen Bestandteilen am Straßenrand auf der Rückfahrt noch mal zugewunken – check.

Keinen Sex gehabt, weil vier Kinder ab fünf Uhr morgens in unserem Bett herumturnen und kreischen – check.

Neue Kleidung bestellt, weil die einzige Hose und das einzige Oberteil, das ich besitze vom täglichen Waschen inzwischen auseinanderfallen – check.

To do: Kontostand ansehen und in Ohnmacht fallen.

Katzenerziehung

Letzte Woche hat der Flerken tatsächlich das erste Mal durchgegriffen.

Da, wo wir bereits durchtrennte Hautschichten vorweisen können, wenn wir uns in Frieden und langsam und vorsichtig nähern, um die Katze zu streicheln, ihr Futter, Wasser oder Opfergaben darzubieten, kann der kleine Tuk ja durchaus laut brüllend auf das Tier zukrabbeln, es am Schwanz ziehen, draufpatschen, ähnliches.

Welpenschutz greift eben auch im Tierreich. Ähnliches habe ich auch bei unserem Hund beobachtet, wenngleich der uns gegenüber nicht zum Berserker wurde, um beim Baby dann das Lamm zu geben, wie es die Katze nun tut. Aber das Baby wird größer und schneller. Und wie aus dem Bilderbuch trug sich die Begegnung letzte Woche zu.

Baby krabbelt auf Katze zu, Katze bleibt sitzen und wartet. Dann streckt der kleine Tuk seine Finger Richtung Fell aus und bekommt nach einem kurzen Moment derart eins auf die Finger gehauen, dass man jeden Aufprall Katzenpfote-Kinderhand deutlich hörte.

Ohne Krallen.
Nur mit dem Pfotenballen.
Ich war schwer begeistert.
Der kleine Mann dagegen kuckte etwas ent-geistert, versuchte es erneut.

Wieder drei Schläge auf die Hand. Ein drittes Mal ebenfalls, wobei die Katze bei diesem Mal wegging und im Gehen noch mit der anderen Pfote zur Bekräftigung ein viertes Mal zuschlug.

Alles ohne Krallen – wir bluten bei solchen Versuchen bereits aus mehreren großen Wunden…
Baby schaute sehr verdutzt, setzte sich erstmal auf den Hosenboden und man sah förmlich, wie es im Gehirn zu arbeiten begann.

Ich liebe dieses Tier.

Remis

„Du bist frei, flieg davon!“, wispert die kleine Elfe mir zu und öffnet unsere Käfigtüren, während sie schon aufgeregt mit ihren zarten glitzernden schwarzen Flügeln in Freiheit hin und her flattert.

Nur ich sitze da wie ein bockiger dicker Vogel und finde, dass so ein Käfig mit offener Tür eigentlich keiner mehr ist.

Außerdem kann ich gerade nicht losfliegen – ich bin in der Mauser.

kleine Schritte

Heute ist einer der Tage, an denen ich mich frage, warum ich nicht den anderen Weg gegangen bin. Keine Familie, keine sozialen Kontakte, Betreuungsverhältnis, Arbeitsunfähigkeit, Rente.

Schon wenn ich es schreibe, spüre ich, dass das niemals mein Weg hätte sein können, weil ich trotz aller Dämonen und aller Nächte wie diese wieder eine war ihnen niemals zugestehen würde, mich auch nur ansatzweise offiziell beherrschen zu dürfen.

Ich KANN ein normales Leben führen, ich bezahle für Kinder und Mann und den Zwang, nach draußen gehen zu müssen einen enorm hohen Preis, doch für mich gibt es schlicht keine Alternative. Niemals. Jeder Tag ein neues Trauma, doch jeder weitere Tag, den ich aufstehe, mich berühren lasse, körperlich, geistig… ohne schreiend davon zu rennen gleichzeitig ein Triumph über die Panik, die Angst- und Beklemmungszustände, den Schmerz, die Trauer.

Gute Entscheidungen?

Ich sehe jeden Tag, wie schwer sie sich damit tun, in einer normalerweise gleichberechtigten Beziehung die Führung zu übernehmen. Ich sehe die Unsicherheit beim großen Tochterkind, die Angst, es nicht perfekt zu machen. Die Angst vor der eigenen Courage beim Kobold, wenn er seiner großen Schwester ihre Aufgabe zuteilt. Und die enorme Erleichterung, sich getraut zu haben.

Die Übersichtsschwierigkeiten bei der Motte, die ihrem geringen Alter geschuldet sind und dann wiederum die Nachsicht der Großen, die ihr das Gefühl geben, das Kommando zu haben und ihr trotzdem kleine Hilfestellungen geben.

Es ist wohl eine der schwersten Aufgaben, andere Menschen so zu führen und anzuleiten, dass sie es gerne annehmen.

Unsere tägliche Achtsamkeitsübung im kleinen Kreis der Familie ist schon eine enorme Herausforderung für die drei. Sie müssen gemeinsam eine von mir klar vorgegebene und unkomplizierte Mahlzeit vorbereiten (momentan meistens das Abendbrot) und jeden Tag hat ein anderer das Kommando.

Und was ich da aus der Küche höre, lässt mich frohlocken, wenn der Kobold seine große Schwester rügt: „Ich finde, dass du heute nur rumkommandierst und überhaupt nicht sagst, dass wir das gut machen. Ich fühle mich überhaupt nicht gesehen von dir.“

Es arbeitet. In ihnen allen.

Wehmut

Was habe ich denn nur erwartet?
Offene Arme?
Die Beteuerung, mich zu lieben und ohne mich nicht leben zu können?
Meinen Schmerz zu verstehen, wenn ich ihn äußere und ihn nicht wieder wegzuerklären?

Ich Narziss.

Gefangene meiner eigenen Eitelkeit, gefesselt an die erfundenen Bilder meines in mich selbst verliebten Gehirns.

Mein größtes Laster ist wohl die Kopflosigkeit des Herzens, jene, die mir mehr Schwierigkeiten bereitet denn Vorteile bringt, weil die anderen einfach absteigen, wenn das Pferd tot ist, während ich noch obenaufsitze und den Gaul anschreie, gefälligst wieder aufzustehen – zu verliebt in die Idee, auf eben genau diesem Tier in den Sonnenuntergang zu reiten, Zeit und Wegstrecke verlierend, weil ich nur mich sehe.

Aber auch das prachtvollste Tier wird hässlich, wenn es in zu großer Hitze schlussendlich verrottet.

[Und während ich mich meinen rosafarbenen Kleinmädchenträumen hingebe, versetzen zwei kleine Worte dem Herzen den finalen Todesstoß. Idiot. Ich.]

Humpel ich eben allein in diesen beschissenen Sonnenuntergang.