Abschied.

Es geht los.

Langsam, schnell, manchmal schleichend, manchmal überwältigt es mich mit aller vorhandenen Intensität. Wenn jemand Urlaub macht und ich mich frage, ob ich ihn noch mal sehe. Wenn man mündliche Vorabeinladungen für in zwei Monaten erhält und zusagt, obwohl man nicht weiß, ob man dann überhaupt noch hier wohnt.

In jedem Geschäft dieser kleinen Stadt, in der man mit vier Kindern nun mal einfach gekannt wird und die Kinder Süßigkeiten, Lob, Obst, kleine Geschenke etc. zugesteckt bekommen und man sich leise fragt, wie lange es dauern wird, in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

Am Fluss, schlussendlich, dort fühle ich den Aufbruch am schmerzhaftesten. Die Insel. Unsere Insel.

Es gibt keinen, wirklich keinen einzigen Grund, jemals wieder hierher zurückzukehren. Mein Herz nehme ich mit. Meine Lieben ebenfalls. Die Erinnerungen auch. Es gibt keinen Grund. Niemanden, den ich in mein Herz gelassen habe, weil ich mich gegen diese Art von Sozialität entschieden habe.

Alles, was wichtig ist, kommt mit.

Und trotzdem ist das hier momentan noch Zuhause. Hier ist soviel passiert. So viel Glück, so viel Leid, Trauer, Geburten, Tod, Leben. Sieben Jahre.

Ich bin unglaublich organisiert, aufgeräumt, kühl, effektiv. Ich weiß nicht, ob die Tränen kommen werden, die ich als so natürlich empfinden würde bei einem solchen Abschied. Vielleicht sind sie aber auch nicht nötig, weil es einfach an der Zeit ist, aufzubrechen.

Vielleicht.

Hallo Murphy

…und jetzt mach ich den falschen Klick und nach einer halben Stunde Texteingabe ist der gesamte lange Text weg.

Muss nach dieser Katastrophe wohl auch noch so.

Willkommen.

Sie ist mir die liebste Begleiterin meines Lebens.

Seidig dichte, verführerisch weiche tragende Melancholie, die mich in den Himmel hebt und seufzend in die Hölle hinabschauen lässt.
Geborgenheit für die Seele.
Glückselig trauernd.

Gedanken als leises Glucksen eines schweren Herzens.

vergangen [Anne]

Habe es gestern gelesen, durch Zufall nur.

Ich dachte, ich hätte alles gelöscht.
Jedes Wort, jedes Bild.

Und da war er, der Sicherungsordner, der mir einen Strich durch meinen Schlussstrich machte.
Dort war jedes Bild, jedes Wort, jede Emotion, die wir jemals austauschten.

Und ich begann zu lesen.

Zu sehen.
Zu spüren.
Zu verstehen.
Manchmal ist die Wahrheit so einfach.

Beinahe hätte ich gelacht, wenn ich nicht schon geweint hätte.

Wege

Manchmal ist die Last, die Verantwortung für all diese Leben zu tragen, fast untragbar.

Es ist nicht mal nur das Hier und Jetzt, es ist das Paket, das für die Zukunft geschnürt wird.

Die Erinnerungen, die sie weit über meinen Tod hinaus mit in ihr Leben nehmen werden, die Erfahrungen, die ich ihnen ermöglichen kann, will, darf, auf die sie in etlichen Jahrzehnten zurückblicken werden, die sie mit sich tragen und vielleicht weitergeben werden, die sie vorbereiten, sie bereichern, ihren Weg erleichtern können…

Manchmal möchte ich einfach nur einen Eimer mit Sand für meinen Kopf haben.

Traurigkeit

Wenn ich so lese, was ich lese, scheint es gar nicht so besonders gewesen zu sein, was wir miteinander erleben, fühlen, tun, lieben, sind… wenn andere Eindrücke diesem Wunder Platz machen müssen.

Einbildung meiner Fantasie. Nicht dass man noch die eigene emotionale Durchschnittshöhe verlassen muss.

Einsamkeit auf ganzer Linie. Alltag. Weiter.

Traumwelten

Der Traum von Opa kommt mir nicht vor wie der Beginn einer langen erfüllenden großartigen mystischen Dieseits-Jenseits-Beziehung. Es fühlt sich eher nach einem Abschied an.

Seit ich gestern nachmittag erwachte und völlig gelähmt in mich hineinlauschte, ob er da irgendwo ist, ob etwas in mir klingt, wo ich so lange gesucht, gehofft, gelauscht, geschrieen, beschimpft, gewütet, verzweifelt habe… ist das Gefühl beinahe übermächtig, dass es das nun war.

Mein erster Impuls war, seine Nummernschilder von der Wand zu nehmen. Ich brauche sie jetzt nicht mehr als Erinnerung, war das Gefühl. Heute starre ich ständig das Schloss an, das an der Garage hing, seit ich denken kann. Ich weiß gar nicht, wo es liegt, aber ich sehe es heute ständig.

Das wars?, möchte ich ihn anfahren und ich weiß irgendwie, es wird keine Antwort mehr kommen. Ich habe doch jetzt über drei Jahre gewartet und jeden Tag… und dann soll jetzt alles vorbei sein?

Soll ich nun aufgeben?

Aber, es fühlt sich gar nicht wie aufgeben an. Es fühlt sich … abgeschlossen an, seit gestern. Gut. Rund.

Aber … das war es nun?

Entwicklungsschritte

Der Junge, der zwei Tage vor ihm geboren wurde, sitzt teilnahmslos in seiner Autoschale, während der kleine Tuk neugierig hinkrabbelt und versucht, sich am Rand hochzuziehen.

„Ach weißt du, ich lass ihn so lang es geht da drin. Ich hab keine Lust, jetzt schon ständig hinter ihm herzulaufen. Ich bin froh, wenn er sich noch nicht bewegt. Ich hab schließlich noch zwei andere Kinder.“

Ich mustere beide Babys.

Der kleine Tuk hat inzwischen den Frühstücksraum des Kindergartens geentert und um ihn herum bildet sich eine Traube von zwei- und dreijährigen Mädchen mit Butterbroten in der Hand, die alle mal streicheln wollen. Mein Sohn ist in seinem Element. Er strahlt, er patscht, er krabbelt, er versucht, Essen an sich zu reißen. Kleine Mädchen kreischen und johlen verzückt, wenn er nach ihren Glitzerschuhen, Broten, Haaren greift. Sieben Monate.

Ich sehe erneut auf das Baby in der Babyschale. Wach ist es. Und es starrt nach oben. Reagiert nicht auf Ansprache, nicht auf Lächeln, nichts. Wie die letzten sieben Monate auch schon nicht. Und wir sehen es mehrmals die Woche.

Manchmal sitzt er auch in so einer Bauchtrage vor dem Bauch seiner Mutter. Beine hängen schlaff nach unten und der schmale Steg zwischen seinen Beinen hält sein ganzes Gewicht.

„Ist es nicht furchtbar, wenn sie so mobil sind?“

Ich starre sie an. Ich warte seit der Geburt ungeduldig auf jede neue Fähigkeit, die aus diesem hilflosen Würmchen endlich ein sich selbst helfen könnendes, selbstbestimmtes Wesen macht und freue mich jeden Tag darüber, was der kleine Mann für Anstrengungen unternimmt, die Welt zu erobern. Strahlend, lachend, triumphierend.

Ich sehe wieder in die Babyschale, aus der das Baby stumpf herausschaut. Und mir fehlen irgendwie die Worte.

„Ich mag es eigentlich ganz gerne, wenn sie anfangen, sich zu bewegen.“, antworte ich vorsichtig und sehe den Flur entlang, in den mein Baby gerade gekrabbelt ist, gefolgt von einer Horde Kleinkinder, die lachend und applaudierend jeden seiner Krabbelschritte würdigen.

„Uah, nein. Das ist sowieso alles schon so ein Stress.“, sprach sie.

Griff beherzt nach dem Griff der Babyschale und ihr Baby zeigte tatsächlich eine Reaktion. Es zuckte zusammen und fing an zu jammern.

„Du bist schon wieder müde.“, murmelt sie im Weggehen. „Du gehst gleich wieder ins Bett.“

Und ich bekomme das Bild nicht aus dem Kopf, dass da ein Gefängnis gegen ein anderes getauscht wird.