Vertrauenssache

Irgendwann ist der Punkt gekommen, an dem man das Sicherheitsnetz verlässt.

Und so ist diese Erfahrung wohl für uns beide eine Lektion.

Ich vertraue ihm nicht. So wenig.

Und gleichzeitig ist er der Mensch, dem ich am meisten auf dieser Welt vertraue…

Da liegt noch etwas Wegstrecke vor mir.

Der Tod des Spielmachers

Hin und wieder wünschte ich mir den begrenzten Blick des Spielers.

Im Vertrauen auf Gott oder worauf auch immer der normale Mensch so vertraut einen großen Teil der Verantwortlichkeiten einfach mal auf andere Schultern laden.

Das große Ganze im Blick zu behalten und sich um das Wohlergehen und die Weiterentwicklung anderer Menschen zu kümmern, ist eine Herausforderung. Eine, die müde macht. An der ich oft zweifle. Und verzweifle.

Wie gerne würde ich mich einmal in das Netz fallen lassen, für ein paar Jahre, einfach mit ganzem Herzen darauf vertrauend, dass da jemand ist, der schon das Beste für mich heraussucht. Mich einfach hingeben, machen, was man mir sagt und dabei frei die Nase in den Himmel recken, den Fahrtwind genießen, ohne steuern zu müssen.

Einfach meine Aufgaben erledigen und warten, was ein anderer sich für mich ausgedacht hat.

Ohne ans Tanken zu denken.
Oder die Steuern.
Oder die Straßenführung.
Oder die Menschen, die zusteigen.
Und wieder aussteigen.
Um Proviant.
Oder Baustellen.
Das Ziel.
Oder die Straßenverhältnisse bei Nacht, Regen, Nebel, Glatteis…
Reparaturen…

Müde.

Gedanken daran, einfach alle aus meinem Fahrzeug zu werfen, freundlich zu winken und dann das Gaspedal bis zum Anschlag runterzutreten.

Sollen sie doch laufen.

Stark, ganz stark.

Er schreit. Er hat Schmerzen. Er schreit. Länger. Er schreit nicht nur, er kreischt. Laut. Ich höre es, die Nachbarn hören es, der ganze Hausblock wird es hören. Er kreischt um sein Leben.

Ich habe ein Jahr Schreibaby hinter mir, ich überlebe alles. Auch ihn. Er ist nicht so schlimm wie sein Bruder. Er schreit jetzt seit einer Stunde. Mit Unterbrechungen zum Luftholen. Er brüllt. Sich die Seele und mir die Selbstbeherrschung aus dem Leib.

Natürlich schreit er nicht jetzt. Jetzt schläft er, endlich. Aber ich sitze während ich dies verfasse auch nicht hier, ich liege dort, neben ihm. Ich mache beruhigende Geräusche. Ich streichle ihn. Ich nehme ihn auf den Arm, gehe herum. Wiege ihn. Binde ihn ins Tuch. Rede. Singe. Und er brüllt. So laut. Ich kann es kaum ertragen. Er wehrt sich gegen meine Nähe, er kratzt, er beißt, er stößt mich weg. Setze ich ihn neben mich, kreischt er, weil er wieder auf den Arm will. Zerkratzt mir das Gesicht.

In meinem Kopf hämmert das immer wiederkehrende Mantra.

Ein viertes Mal, ein viertes Kind.

Ich werde dich nicht schlagen ich werde dich nicht schlagen ich werde dich nicht schlagen. Im Affekt tut man, was man kennt. Ich werde dich nicht schlagen, ich gehe nicht dorthin.

Ich kann es nicht dissoziieren. Ich kann mich nicht von ihm abgrenzen, jeder Schrei, jedes Kneifen, jedes Brüllen, jedes Kratzen ein Angriff.

Ich schaff das ich schaff das ich schaff das ich schaff das ich schaff das.

Ich weiß doch, wo es herkommt. Ich gehe dort nicht hin.

Und wenn es das Letzte ist, ich gehe dort nicht hin.

Ich werde keinem meiner Kinder Gewalt antun.

Ich schlag dich nicht ich schlag dich nicht ich schlag dich nicht.

Ich denke mich hierher, an meinen Schreibtisch, ich schreibe in Gedanken diesen Text, es bleibt nichts mehr.

Das Schreien wird leiser, je lauter die Gedanken brüllen. Ich spüre die Tränen, die meine Wangen hinunterlaufen. Tränen sind gut. Tränen sind zugelassene Hilflosigkeit. Wer weint, hat Gefühle. Ich habe Gefühle.

Ich schlag dich nicht ich schlag dich nicht ich schaff das schon ich schaff das schon.

Schmerzmittel wirkt gleich. Bestimmt. Bestimmt. Nur noch ein bisschen. Ich schaff das.

Ich kann bei ihm bleiben, ohne mich zu vergessen.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist.

Blutrot, tiefschwarz, zäh wie Pech tropfen meine Gedanken in den Tiegel des Hasses, den mein Herz nur noch bilden kann.

Ich weiß nicht, für wen ich das tue. Für ihn? Für mich? Aus Liebe oder aus Angst?

Liebe zu meinem Kind oder Angst so zu werden wie sie es waren?

Liebe oder Angst?

Liebe oder Angst?

Liebe oder Angst?

LIEBE oder ANGST???

Ich höre, wie das laute graue Rauschen in meinem Gehirn schwächer wird.

Sehe, wie seine Augen zufallen.

Gewonnen.

Verloren.

Immer allein.

Ich stehe auf, wische die Tränen von meinem Gesicht und mache weiter. Bis zum nächsten Mal.

Durchbrochenes Schweigen

Wie immer starre ich die leere Eingabemaske an.

Wie immer habe ich tausend Dinge auf der Seele liegen, die ich gerne bloggen würde. Und wie immer schließe ich das Fenster nach einigen Minuten. Um es wieder zu öffnen. Und wieder zu schließen. Früher, da war es leichter. Ich bloggte über mich, hatte nur ein Kind und alles war relativ leicht.

Die wirklich relevanten Erziehungs-, Moral- und Gewissensfragen erörtert man nicht beim ersten Kind und schon gar nicht, wenn es erst zwei ist. Es triggert mehr als früher. Vieles. Sie ist nicht mehr zwei, sie steht an der Schwelle zur Pubertät.

Es ist nicht mehr ein Kind, es sind vier. Es ist nicht mehr nur frische Verliebtheit, es sind dazu noch 7 Jahre Beziehungsarbeit mit unfassbar schwarzen Tiefen, durch die wir gewatet, geschwommen und manchmal auch nach Luft jappsend nur gepaddelt sind.

Ich muss mich mit anderen Dingen auseinandersetzen, die sehr viel gefährlicher für mein Seelenheil sind. Sie nähert sich langsam diesem Alter, meinem. In dem ich angefangen habe, diese Dinge zu tun. In dem ich angefangen habe, wie eine Ertrinkende das Leben zu atmen bis es mich fast zerrissen hat.

Ich weiß, sie ist nicht ich.
Ich bin nicht sie.
Und doch tanzen wir umeinander.
Bewege immer wieder, jeden Tag die Gedanken dazu, was sie über mich wissen darf.
Es gibt keine Zeitzeugen mehr.
Ich bin die Letzte.

Wenn ich schweige, stirbt dieses Wissen mit mir.
Wann werde ich sterben?
Wieviel Zeit bleibt mir noch, eine Antwort auf diese Fragen zu finden?
Was kann ich ihr zumuten?
Was will ich ihr zumuten?
Was will ich mir zumuten, dieses Wissen in anderen Händen zu wissen?
Schreibe nichts.
Denke alles.

Was, wenn ich nicht mehr bin?
Was will ich hinterlassen?

Zweifel, ganz grundlegend, auf jeder Ebene.
Mein Leben ist momentan untrennbar mit meiner Erziehungsarbeit verbunden.
Sie macht einen großen Teil meines Alltags aus.
Ich bin kein Freund davon, Kinder laufen zu lassen.

Erziehung ist Ausbildung.
Ausbildung ist harte Arbeit.

Da ist noch der Teil, der versucht, einem Gefährten zu ermöglichen, was ich selbst schon alles hinter mir habe. Im Rahmen dessen, wie es momentan möglich ist.

Und schlussendlich ich.
Ich bin müde.
Ich bin hochmotiviert.
Ich liebe mein Leben.
Ich kämpfe tagtäglich um Licht und die Möglichkeit, es lieben zu können.

Lebe mein Leben mit Kindern mit der Selbstverständlichkeit, sie erziehen zu dürfen. Marschgepäck packen für ihr späteres Leben. Immer ein Teil mehr, je stärker sie werden. Und doch wankt diese Sicherheit.

Auch davon kann ich nicht schreiben, weil das so eng mit dem Gefährten und seinen ureigenen Bedürfnissen zu tun hat, dass ich mir wie ein Verräter vorkäme, selbst nur meine eigenen Gedanken darüber zu formulieren.

Bleibt das Schweigen.

Alltag

Baby schläft. Ich werkel in der Küche vor mich hin.

„Mama?“, ruft es laut aus dem Kinderzimmer und ich schaue um die Ecke.

Hm?

„Wenn du langweilich bist, kannst du dich ruhig zu uns setzen!“, bietet die Motte mir großzügig an und wedelt lässig mit dem Arm Richtung Chaos, in deren Mitte der Kobold und sie sich gerade befinden.

Ich lehne dankend ab und antworte, dass ich gerade zu tun habe und aufräume.

„Das ist gut“, sagt der Kobold. „Dann müssen wir nachher nicht wieder so viel machen.“

Ich lieb sie so.

Chill out

„Mami, wir sind ja so angestrengt und schwitzich – wir müssen gleich erstmal in der Badewanne eine Ruhe haben.“, empfangen mich beide Mittelkinder beim Abholen vom Kindergarten.

Und dort sitzen sie nun, lassen sich abwechselnd mal ein Glas kaltes Wasser und Wassereis reichen und von Zeit zu Zeit einen Waschlappen, wenn „da ein Tröpfchen im Auge“ ist.

Ich habe in der Zwischenzeit das Baby bespaßt, ein bisschen geräumt, neben ihnen in aller Ruhe was gelesen, den Spielplatzbesuch verschoben und fühle mich nun etwas deplaziert.

Kobold und Motte chillen im inzwischen recht kalten Wasser und führen hochwichtige Gespräche über die Beziehungen zwischen Jan-Sven-Ole und Lena-Marie im Kindergarten.

„Ich hab heute gesehen, wie er sie mit Sand beworfen hat! Von hinten! Das ist so UNhöflich!“, regt der Kobold sich auf. „Bestimmt sind die faliept!“, überlegt das Mottenkind. „Quatsch, Blümchen. Wenn man faliept ist, knutscht man doch die ganze Zeit. Aufn Mund! So wie Mama und Papa.“

Ich ignoriere sein angeekeltes Gesicht.

„Enrico knutscht mich auch immer. Und Hendrik. Abba die sind ja auch total in mich verknallt. Später heiraten wir alle. Ich geh dann arbeiten und die passen auf meine Kinder auf!“

Der Kobold würgt so ein bisschen vor sich hin. „Wenn du aber mit denen verheiratet bist, musst du die immer küssen! Jeden Tag!“

Ich seufze so ein bisschen vor mich hin und überlege, ob ich gleich zur Entspannung ein Kinderzimmer aufräume.

Werte im Wandel

Vor 15 Jahren zählte ich die Hunderter, die ich am Tag verdient hatte und blickte mitleidig auf alle anderen hinab, die ein anderes Leben führten. Arme Wichte. Wie könnte man glücklicher sein als ich es gerade war?

Heute liege ich im Bett neben einem glucksenden Baby, das mir seine Babyfüßchen entgegenstreckt, damit ich spielerisch hineinbeiße, damit es laut lachend erst von mir weg und dann wieder zu mir hinkrabbeln kann. Wie könnte man glücklicher sein als ich es gerade bin?

Und ich sehe die anderen, die ein anderes Leben führen und denke, dass wohl alles seine Berechtigung und auch alles seine Zeit hat.

Hochzeit

Darauf hinzuarbeiten, den Hochzeitstag als schönsten Tag im Leben feiern zu können bedeutet vor allem ein folgenschweres Eingeständnis:

Danach kann es nur noch bergab gehen.