Er schreit. Er hat Schmerzen. Er schreit. Länger. Er schreit nicht nur, er kreischt. Laut. Ich höre es, die Nachbarn hören es, der ganze Hausblock wird es hören. Er kreischt um sein Leben.
Ich habe ein Jahr Schreibaby hinter mir, ich überlebe alles. Auch ihn. Er ist nicht so schlimm wie sein Bruder. Er schreit jetzt seit einer Stunde. Mit Unterbrechungen zum Luftholen. Er brüllt. Sich die Seele und mir die Selbstbeherrschung aus dem Leib.
Natürlich schreit er nicht jetzt. Jetzt schläft er, endlich. Aber ich sitze während ich dies verfasse auch nicht hier, ich liege dort, neben ihm. Ich mache beruhigende Geräusche. Ich streichle ihn. Ich nehme ihn auf den Arm, gehe herum. Wiege ihn. Binde ihn ins Tuch. Rede. Singe. Und er brüllt. So laut. Ich kann es kaum ertragen. Er wehrt sich gegen meine Nähe, er kratzt, er beißt, er stößt mich weg. Setze ich ihn neben mich, kreischt er, weil er wieder auf den Arm will. Zerkratzt mir das Gesicht.
In meinem Kopf hämmert das immer wiederkehrende Mantra.
Ein viertes Mal, ein viertes Kind.
Ich werde dich nicht schlagen ich werde dich nicht schlagen ich werde dich nicht schlagen. Im Affekt tut man, was man kennt. Ich werde dich nicht schlagen, ich gehe nicht dorthin.
Ich kann es nicht dissoziieren. Ich kann mich nicht von ihm abgrenzen, jeder Schrei, jedes Kneifen, jedes Brüllen, jedes Kratzen ein Angriff.
Ich schaff das ich schaff das ich schaff das ich schaff das ich schaff das.
Ich weiß doch, wo es herkommt. Ich gehe dort nicht hin.
Und wenn es das Letzte ist, ich gehe dort nicht hin.
Ich werde keinem meiner Kinder Gewalt antun.
Ich schlag dich nicht ich schlag dich nicht ich schlag dich nicht.
Ich denke mich hierher, an meinen Schreibtisch, ich schreibe in Gedanken diesen Text, es bleibt nichts mehr.
Das Schreien wird leiser, je lauter die Gedanken brüllen. Ich spüre die Tränen, die meine Wangen hinunterlaufen. Tränen sind gut. Tränen sind zugelassene Hilflosigkeit. Wer weint, hat Gefühle. Ich habe Gefühle.
Ich schlag dich nicht ich schlag dich nicht ich schaff das schon ich schaff das schon.
Schmerzmittel wirkt gleich. Bestimmt. Bestimmt. Nur noch ein bisschen. Ich schaff das.
Ich kann bei ihm bleiben, ohne mich zu vergessen.
Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist.
Blutrot, tiefschwarz, zäh wie Pech tropfen meine Gedanken in den Tiegel des Hasses, den mein Herz nur noch bilden kann.
Ich weiß nicht, für wen ich das tue. Für ihn? Für mich? Aus Liebe oder aus Angst?
Liebe zu meinem Kind oder Angst so zu werden wie sie es waren?
Liebe oder Angst?
Liebe oder Angst?
Liebe oder Angst?
LIEBE oder ANGST???
Ich höre, wie das laute graue Rauschen in meinem Gehirn schwächer wird.
Sehe, wie seine Augen zufallen.
Gewonnen.
Verloren.
Immer allein.
Ich stehe auf, wische die Tränen von meinem Gesicht und mache weiter. Bis zum nächsten Mal.