Ich hielt es für eine grandiose Idee, mit den zwei Sommerferienkindern und dem Baby auf den Spielplatz zu fahren um dort zu frühstücken.
Also packte ich unsere Picknicktasche, wir lieferten das Mottenkind im Kindergarten ab und wir fuhren auf den Berg zu unserem Lieblingsspielplatz.
Morgens um halb 8 ist da ja keiner, dachte ich.
Mein Sohn hing also kurze Zeit später leise in vier Metern Höhe kopfüber vom Klettergerüst, meine große Tochter lag im Gras und blickte träumend in den Himmel und das Baby und ich schmusten auf der Wiese und stritten ab und an darüber, wieviele Kleeblüten man nun als 9 MonatsTuk in den Mund nehmen darf.
Plötzlich, wie aus dem Nichts keift plötzlich eine Stimme in ohrenbetäubender Lautstärke: „Michelle-Chantal!!! Du fällst da gleich runter! Du wirst dir wehtun!“, gefolgt von einem dumpfen Aufprall und einem Aufschrei ein paar Meter hinter uns.
Das Tochterkind und ich richten uns gleichzeitig auf und der kleine Tuk vergisst sogar, sich noch eine Löwenzahnblüte zu dem Klee in seinen Mund zu stopfen. Der Fledermauskobold hatte inzwischen die Augen geöffnet und zu viert starrten wir auf das Bild, das sich uns bot.
Die Betreuungsperson von Michelle-Chantal – vermutlich ihre Oma – tupfte am Spielplatzeingang mit einem bespuckten Taschentuch an MichelleChantals blutigem Knie herum und zeterte, was das Zeug hielt.
„Siehst du. Du bist so ungeschickt. Ich hab doch gesagt, du fällst und tust dir weh. Spiel jetzt was anderes.“ MichelleChantal sah in etwa so alt aus wie meine Tochter – 10 Jahre. Sie stand schuldbewusst auf und ging zur Seilbahn. „Nicht auf die Seilbahn! Da fällst du runter! Das schaffst du nicht!“, doch MichelleChantal saß leider schon und klammerte sich ängstlich an das Seil.
Am Ende wird man so ein bisschen hochgeschleudert und genau in dem Moment schrie Oma auf und keifte: „JETZT fällste runter!!“.
Ich setzte zu einer Bemerkung an, da hörte ich den nächsten Aufprall.
Ja, MichelleChantal war tatsächlich runtergeplumpst.
Ich überlegte. Vielleicht hatte das Kind ja eine körperliche Einschränkung.
Der Kobold hatte sich inzwischen zu mir gesellt und starrte.
Ich konnte es ihm nicht verdenken.
Oma hatte nun uns entdeckt und sah, wie der kleine Tuk sich am Kobold hochzog und auf unsicheren Beinchen wankend in die Runde strahlte.
„Du fällst gleich um! Du tust dir gleich weh!“, kommt sie brüllend auf uns zu und der kleine Tuk wechselte im Gesichtsausdruck von Stolz zu Fassungslosigkeit und setzte sich prompt auf den Hosenboden.
„SIEHSTE!“, keift sie uns an, bevor sie sich auf die Bank ein paar Meter von uns entfernt setzt. „Mami, was hat die Frau?“, wispert der Kobold mir zu. „Ich glaub, sie ist einfach sehr ängstlich“, flüstere ich zurück. „Am besten hören wir gar nicht so genau hin, was sie sagt.“
Er nickt und rennt auf das Mädchen zu, um zu fragen, ob sie mit ihm Karussel fahren will.
Sie will.
Beide Kinder steigen auf das Karussel und drehen sich immer schneller und schneller, während Oma noch misstrauisch mein Baby begutachtet, das mit Hingabe Löwenzahn kaut.
„Das ist giftig! Da kannst du dran sterben!“, mosert sie in meine Richtung und das Tochterkind bekommt einen leicht panischen Gesichtsausdruck.
Ich schüttle nur stumm den Kopf und versuche etwas beruhigend zu lächeln, da hat Oma ihre Enkeltochter entdeckt, die sich wie der Kobold mit nur einer Hand und einem Fuß im Karussel befindet und den anderen Arm und das andere Bein nach draußen streckt.
„AAAAAAAAAAAAAHHHHHHHH! Du wirst gleich rausfallen!“, brüllt sie in Richtung MichelleChantal und keine zwei Sekunden später liegt das Mädchen im Dreck.
Ich seufze.
Das kann doch eigentlich gar nicht sein.
Dem Kobold ist das nicht so wirklich geheuer und er geht zu einer der hohen Eisenstangen und klettert etwa 3 Meter daran in die Höhe.
Omi steht auf und geht in seine Richtung.
Ich stehe schnell auf und bewege mich ebenfalls in seine Nähe. Diese Frau wird doch wohl nicht…? Sie wird.
„Du wirst da gleich runterfallen!“, keift Oma meinen Kobold an.
„DU BLEIBST DA OBEN! DU HÄLTST DICH GUT FEST! DU KANNST DAS!“, falle ich ihr ins Wort und sehe dem Kobold in die Augen.
Er nickt.
Ich wende mich der Oma zu. „Sie können mit ihrer Enkelin reden wie Sie wollen, aber meine Kinder lassen sie in Ruhe!“
Entrüstet sieht sie mich an.
„Aber er wird da gleich..“
– „NEIN. Er.kann.das.“
Ich sehe den Widerwillen in ihren Augen.
„Das ist zu hoch. Er wird sich gleich…“
– „NEIN. Er.kann.das.“
Ich sehe die aufgestellten Lauscher des Kobolds sogar hinter meinem Rücken.
Missbilligend mustert sie mich von oben bis unten.
Ich schmunzle.
„Das wird noch in der Notaufnahme enden!“, keift sie, während sie zur Bank zurückkehrt.
Ich seufze, während ich zum kleinen Tuk zurückkehre, der andächtig den Bienen bei der Arbeit zusieht und ab und an eine davon anpöbelt, die ihm zu nahe kommt.
Die Oma entscheidet sich, zum unteren Teil des Spielplatzes umzuziehen, packt ihre Sachen zusammen und geht. Da ich auf dem Boden sitze, kann ich die restlichen eineinhalb Stunden Spielplatz nur aus den Geräuschen rekonstruieren. Die Stille des Morgens wird alle paar Minuten durch gekeifte „Das kannst du nicht!“, „Du wirst da gleich runterfallen!“, „Du wirst dir gleich weh tun“ und infernalisch triumphierende „SIEHSTE!“ unterbrochen.
Meinen Kindern bringt das Spiel mit dem gegängelten Mädchen schnell keinen Spaß mehr und so bleibt sie alleine mit der Oma. Als wir gehen, sitzt die 10jährige im Sand.
Baut mit den Händen kleine Sandhäufchen um sich auf und wischt sie lustlos wieder weg. Als ich gerade etwas ironisch dachte, dass Oma ja nun immerhin etwas gefunden hatte, das ungefährlich genug für sie ist, höre ich im Gehen noch den Ausruf:
„Nicht so tief graben! Da sind die Bakterien! Da wirst du jetzt auch noch richtig krank werden!“