Wahrheit

Wahrhaftigkeit, Authentizität.
Ich könnte es einfach sagen.

Frei von der Leber weg, ein lockeres Hallo und nun hör mal kurz zu.
Allein ich kann nicht.

Es gab so viele Momente von Geborgenheit seitdem, von Vertrauen und Intimität und Nähe doch ich konnte nicht.

Und was anfangs so bittersüß an meinem Herzen rührte, wie ein behütetes Geheimnis gar, brüllt nun laut und unerbitterlich.

Lügner.

Kann etwas, das nie gesagt wird, eine Lüge sein?

Gesehen werden

Du hast vor einigen Wochen meinen Namen genannt. Vermutlich weißt du es nicht einmal mehr, doch ich zuckte wie erstarrt zusammen. Nach all den Jahren…

Ich weiß nicht, ob du mich noch haben willst. Ob du dir zurückwünscht, was war. Ob du das Hier und Jetzt bevorzugst. Oder ob es einfach ist, wie es ist.

Ich kämpfe mich durch Erinnerungslücken, wie ich das immer getan habe. Und letzte Nacht habe ich geträumt. Ich habe davon geträumt, dass du mich gesehen hast. Dass du meinen Namen genannt hast. Wie erstarrt fühle ich mich seitdem. So bittersüß die Erinnerung an etwas, das gar nicht stattgefunden hat.

Ich weiß nicht, wann es passiert ist.

Ich weiß ja nicht einmal, ob das wirklich wahr ist oder nur eine weitere Form des Übergangs. Ich stelle Fragen, doch ich erhalte keine Antworten. Nicht einmal ein Echo ist dort, wo ich jene vermute, die die Antworten kennt.

Manchmal denke ich… da ist eine Spiegelung… ein Pulsieren… ein Zusammenziehen…

Doch alles bleibt stumm.

Migräne

Diese wunderbar zuverlässige auf den Tag genau hochkommende Migräne, die mich seit der Geburt des kleinen Sohnes immer am ersten und am 14. Zyklustag heimsucht, ist etwas, auf das ich gut und gerne verzichten könnte.

Ich hab hier noch andere Dinge zu tun, als jeweils zwei Tage pro Monat quasi ausgeschaltet im Bett zu liegen.

Echt jetzt.

Bitte. Danke.

Von Mördern und Jägern

Im Grunde war es gleich offensichtlich. Natürlich kam er aus dem Krieg und natürlich hat er dort Dinge erlebt, die ihn hart werden ließen. Wobei ich manchmal, wenn er mich vergewaltigte, auch dachte, dass dieser Krieg vielleicht nur seine wahre Natur hervorgeholt hat. Natürlich war er grobschlächtig und natürlich hat er Witze über die Menschen gemacht, die er getötet hat. Vielleicht hat mich das damals auf eine ganz furchtbare Art und Weise sogar erregt. Vielleicht. Wer das Monster zähmt, hat den stärksten Beschützer…

Und doch lief es mir jedesmal eiskalt den Rücken herunter, wenn er seine Waffe zog.
Es war nicht Wut, nicht Hass, nicht lodernd, nicht warm, es war kalt.
Eiskalt.
Kalte Berechung.
Er nahm diese Waffe nur in die Hand um zu töten.
Nicht, um am Leben zu bleiben, nicht um sich zu verteidigen, einzig um zu töten.

Ich habe ihn oft schießen sehen.
Es ging nicht um sauberen Tod.
Es ging um Leid.
Und ich sah die Pappmenschen, die wahllos von Schüssen zerfetzt wurden.
Nicht, weil er nicht zielen konnte. Sondern weil ihm das Andere zu viel Spaß brachte.

Und ich schwor, seine Waffe niemals aus den Augen zu lassen.
Wenn er mich schlug, misshandelte, niedermachte, ich wusste immer, wo seine Waffe war.

Bis auf diese eine Nacht.

Er war fertig mit mir und ich dachte, ich hätte Ruhe für diesen Tag, für diese Nacht. Es war nicht das erste Mal, dass ich in die Mündung einer Pistole sah. Doch ich war zu weit weg.

„Nah.“, hörte ich meinen Vater flüstern.

Wenn du mit einer Waffe bedroht wirst, ist deine einzige Chance die Nähe zur Pistole.

Ich stand zu weit weg.

Und so sah ich in seine blauen Augen, die mich kalt anblickten. Ich hatte ihn angegriffen. Ich hatte ihn verletzt. Tief. Doch da war kein Schmerz. Da war nur Kälte.

„Schieß.“ Arrogant tropften die Worte von meinem süffisanten Lächeln herunter.

Es gab nichts mehr zu verlieren.
Wir starrten uns lange an. Nachts, im Halbdunkel.
Da gab es nichts mehr zwischen uns.
Kein Tabu, das im Laufe der Zeit nicht gebrochen worden war.
Und endlose Augenblicke später ließ er die Waffe sinken.

Nie wieder sagt sich so leicht im Leben.
Meistens kommt es anders.

Und so kam es, dass der Mann, der sich selbst als harmlos und langweilig bezeichnen würde, schießen kann wie ein junger Gott.
Waffe, Gewehr, Bogen – in seinen Händen werden diese Waffen zu Verlängerungen seiner Selbst.

Und jedes Mal, wenn ich sehe, wie dieser große muskulöse Körper sich streckt, jeden Muskel und jede Sehne anspannt und eine Achtsamkeit in sein Gesicht tritt, die ihresgleichen sucht, dann denke ich an jene Nacht.

Größer könnte der Unterschied nicht sein.

Auto, vorbelastet

Als wir das letzte Mal ein größeres Auto gekauft haben, habe ich exakt eine Woche später zur selben Uhrzeit unser Kind verloren.

Das Kind, weswegen wir überhaupt nur ein größeres Auto haben kaufen müssen…

Wir behielten das Auto und es folgten noch Fehlgeburten, aber auch zwei weitere lebende Kinder.

Nun war ich letztes Jahr mit dem vierten Kind schwanger und jedesmal, wenn der Mann auch nur ansatzweise andeutete, dass das Auto hinten ja nur drei Sitze hätte, bekam ich Panik, Herzrasen, Angstzustände, das volle Programm.

Irgendwann sprach er nicht mehr von dem Auto sondern davon, dass wir dann eben erst mal nicht mehr alle zusammen wegfahren könnten und ich beruhigte mich. Seit 9 Monaten fahren wir nun nicht mehr alle zusammen Auto. Und was unter der Woche okay ist, ist an Wochenenden und in den Ferien reichlich blöd.

Also habe ich mir vor einiger Zeit ein Herz gefasst und bin mit dem Mann zur Schul- und Kindergartenzeit heimlich zum Autohändler gefahren, wo ich mich sehr sehr in ein neues Auto verliebt habe, in dem wir zusammen mit allen Kindern fahren können und sogar noch Freunde von ihnen mitnehmen können.

Wir habens bestellt und er holt es nun gerade ab.

Und weil ich mich kenne, werde ich mich bis nächsten Dienstag fragen, wer von uns wohl diesmal sterben wird.

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit

Ich hielt es für eine grandiose Idee, mit den zwei Sommerferienkindern und dem Baby auf den Spielplatz zu fahren um dort zu frühstücken.

Also packte ich unsere Picknicktasche, wir lieferten das Mottenkind im Kindergarten ab und wir fuhren auf den Berg zu unserem Lieblingsspielplatz.

Morgens um halb 8 ist da ja keiner, dachte ich.

Mein Sohn hing also kurze Zeit später leise in vier Metern Höhe kopfüber vom Klettergerüst, meine große Tochter lag im Gras und blickte träumend in den Himmel und das Baby und ich schmusten auf der Wiese und stritten ab und an darüber, wieviele Kleeblüten man nun als 9 MonatsTuk in den Mund nehmen darf.

Plötzlich, wie aus dem Nichts keift plötzlich eine Stimme in ohrenbetäubender Lautstärke: „Michelle-Chantal!!! Du fällst da gleich runter! Du wirst dir wehtun!“, gefolgt von einem dumpfen Aufprall und einem Aufschrei ein paar Meter hinter uns.

Das Tochterkind und ich richten uns gleichzeitig auf und der kleine Tuk vergisst sogar, sich noch eine Löwenzahnblüte zu dem Klee in seinen Mund zu stopfen. Der Fledermauskobold hatte inzwischen die Augen geöffnet und zu viert starrten wir auf das Bild, das sich uns bot.

Die Betreuungsperson von Michelle-Chantal – vermutlich ihre Oma – tupfte am Spielplatzeingang mit einem bespuckten Taschentuch an MichelleChantals blutigem Knie herum und zeterte, was das Zeug hielt.

„Siehst du. Du bist so ungeschickt. Ich hab doch gesagt, du fällst und tust dir weh. Spiel jetzt was anderes.“ MichelleChantal sah in etwa so alt aus wie meine Tochter – 10 Jahre. Sie stand schuldbewusst auf und ging zur Seilbahn. „Nicht auf die Seilbahn! Da fällst du runter! Das schaffst du nicht!“, doch MichelleChantal saß leider schon und klammerte sich ängstlich an das Seil.

Am Ende wird man so ein bisschen hochgeschleudert und genau in dem Moment schrie Oma auf und keifte: „JETZT fällste runter!!“.

Ich setzte zu einer Bemerkung an, da hörte ich den nächsten Aufprall.
Ja, MichelleChantal war tatsächlich runtergeplumpst.
Ich überlegte. Vielleicht hatte das Kind ja eine körperliche Einschränkung.

Der Kobold hatte sich inzwischen zu mir gesellt und starrte.
Ich konnte es ihm nicht verdenken.
Oma hatte nun uns entdeckt und sah, wie der kleine Tuk sich am Kobold hochzog und auf unsicheren Beinchen wankend in die Runde strahlte.

„Du fällst gleich um! Du tust dir gleich weh!“, kommt sie brüllend auf uns zu und der kleine Tuk wechselte im Gesichtsausdruck von Stolz zu Fassungslosigkeit und setzte sich prompt auf den Hosenboden.

„SIEHSTE!“, keift sie uns an, bevor sie sich auf die Bank ein paar Meter von uns entfernt setzt. „Mami, was hat die Frau?“, wispert der Kobold mir zu. „Ich glaub, sie ist einfach sehr ängstlich“, flüstere ich zurück. „Am besten hören wir gar nicht so genau hin, was sie sagt.“
Er nickt und rennt auf das Mädchen zu, um zu fragen, ob sie mit ihm Karussel fahren will.
Sie will.
Beide Kinder steigen auf das Karussel und drehen sich immer schneller und schneller, während Oma noch misstrauisch mein Baby begutachtet, das mit Hingabe Löwenzahn kaut.

„Das ist giftig! Da kannst du dran sterben!“, mosert sie in meine Richtung und das Tochterkind bekommt einen leicht panischen Gesichtsausdruck.
Ich schüttle nur stumm den Kopf und versuche etwas beruhigend zu lächeln, da hat Oma ihre Enkeltochter entdeckt, die sich wie der Kobold mit nur einer Hand und einem Fuß im Karussel befindet und den anderen Arm und das andere Bein nach draußen streckt.

„AAAAAAAAAAAAAHHHHHHHH! Du wirst gleich rausfallen!“, brüllt sie in Richtung MichelleChantal und keine zwei Sekunden später liegt das Mädchen im Dreck.

Ich seufze.
Das kann doch eigentlich gar nicht sein.

Dem Kobold ist das nicht so wirklich geheuer und er geht zu einer der hohen Eisenstangen und klettert etwa 3 Meter daran in die Höhe.
Omi steht auf und geht in seine Richtung.
Ich stehe schnell auf  und bewege mich ebenfalls in seine Nähe. Diese Frau wird doch wohl nicht…? Sie wird.

„Du wirst da gleich runterfallen!“, keift Oma meinen Kobold an.

„DU BLEIBST DA OBEN! DU HÄLTST DICH GUT FEST! DU KANNST DAS!“, falle ich ihr ins Wort und sehe dem Kobold in die Augen.

Er nickt.

Ich wende mich der Oma zu. „Sie können mit ihrer Enkelin reden wie Sie wollen, aber meine Kinder lassen sie in Ruhe!“

Entrüstet sieht sie mich an.

„Aber er wird da gleich..“

– „NEIN. Er.kann.das.“

Ich sehe den Widerwillen in ihren Augen.

„Das ist zu hoch. Er wird sich gleich…“

– „NEIN. Er.kann.das.“

Ich sehe die aufgestellten Lauscher des Kobolds sogar hinter meinem Rücken.

Missbilligend mustert sie mich von oben bis unten.

Ich schmunzle.

„Das wird noch in der Notaufnahme enden!“, keift sie, während sie zur Bank zurückkehrt.

Ich seufze, während ich zum kleinen Tuk zurückkehre, der andächtig den Bienen bei der Arbeit zusieht und ab und an eine davon anpöbelt, die ihm zu nahe kommt.

Die Oma entscheidet sich, zum unteren Teil des Spielplatzes umzuziehen, packt ihre Sachen zusammen und geht. Da ich auf dem Boden sitze, kann ich die restlichen eineinhalb Stunden Spielplatz nur aus den Geräuschen rekonstruieren. Die Stille des Morgens wird alle paar Minuten durch gekeifte „Das kannst du nicht!“, „Du wirst da gleich runterfallen!“, „Du wirst dir gleich weh tun“ und   infernalisch triumphierende „SIEHSTE!“ unterbrochen.

Meinen Kindern bringt das Spiel mit dem gegängelten Mädchen schnell keinen Spaß mehr und so bleibt sie alleine mit der Oma. Als wir gehen, sitzt die 10jährige im Sand.

Baut mit den Händen kleine Sandhäufchen um sich auf und wischt sie lustlos wieder weg. Als ich gerade etwas ironisch dachte, dass Oma ja nun immerhin etwas gefunden hatte, das ungefährlich genug für sie ist, höre ich im Gehen noch den Ausruf:

„Nicht so tief graben! Da sind die Bakterien! Da wirst du jetzt auch noch richtig krank werden!“