Von Mördern und Jägern

Im Grunde war es gleich offensichtlich. Natürlich kam er aus dem Krieg und natürlich hat er dort Dinge erlebt, die ihn hart werden ließen. Wobei ich manchmal, wenn er mich vergewaltigte, auch dachte, dass dieser Krieg vielleicht nur seine wahre Natur hervorgeholt hat. Natürlich war er grobschlächtig und natürlich hat er Witze über die Menschen gemacht, die er getötet hat. Vielleicht hat mich das damals auf eine ganz furchtbare Art und Weise sogar erregt. Vielleicht. Wer das Monster zähmt, hat den stärksten Beschützer…

Und doch lief es mir jedesmal eiskalt den Rücken herunter, wenn er seine Waffe zog.
Es war nicht Wut, nicht Hass, nicht lodernd, nicht warm, es war kalt.
Eiskalt.
Kalte Berechung.
Er nahm diese Waffe nur in die Hand um zu töten.
Nicht, um am Leben zu bleiben, nicht um sich zu verteidigen, einzig um zu töten.

Ich habe ihn oft schießen sehen.
Es ging nicht um sauberen Tod.
Es ging um Leid.
Und ich sah die Pappmenschen, die wahllos von Schüssen zerfetzt wurden.
Nicht, weil er nicht zielen konnte. Sondern weil ihm das Andere zu viel Spaß brachte.

Und ich schwor, seine Waffe niemals aus den Augen zu lassen.
Wenn er mich schlug, misshandelte, niedermachte, ich wusste immer, wo seine Waffe war.

Bis auf diese eine Nacht.

Er war fertig mit mir und ich dachte, ich hätte Ruhe für diesen Tag, für diese Nacht. Es war nicht das erste Mal, dass ich in die Mündung einer Pistole sah. Doch ich war zu weit weg.

„Nah.“, hörte ich meinen Vater flüstern.

Wenn du mit einer Waffe bedroht wirst, ist deine einzige Chance die Nähe zur Pistole.

Ich stand zu weit weg.

Und so sah ich in seine blauen Augen, die mich kalt anblickten. Ich hatte ihn angegriffen. Ich hatte ihn verletzt. Tief. Doch da war kein Schmerz. Da war nur Kälte.

„Schieß.“ Arrogant tropften die Worte von meinem süffisanten Lächeln herunter.

Es gab nichts mehr zu verlieren.
Wir starrten uns lange an. Nachts, im Halbdunkel.
Da gab es nichts mehr zwischen uns.
Kein Tabu, das im Laufe der Zeit nicht gebrochen worden war.
Und endlose Augenblicke später ließ er die Waffe sinken.

Nie wieder sagt sich so leicht im Leben.
Meistens kommt es anders.

Und so kam es, dass der Mann, der sich selbst als harmlos und langweilig bezeichnen würde, schießen kann wie ein junger Gott.
Waffe, Gewehr, Bogen – in seinen Händen werden diese Waffen zu Verlängerungen seiner Selbst.

Und jedes Mal, wenn ich sehe, wie dieser große muskulöse Körper sich streckt, jeden Muskel und jede Sehne anspannt und eine Achtsamkeit in sein Gesicht tritt, die ihresgleichen sucht, dann denke ich an jene Nacht.

Größer könnte der Unterschied nicht sein.

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