Herzensdinge

Tränenreiche Morgende zur Zeit.

Ich sehe hinter die aufgemalte Maske aus Make Up und vernichte sie.
Tag für Tag.
Ich kann nicht aus meiner Haut und will es auch gar nicht.
Ich sehe, wie sie ihren Schutzschild vor sich herträgt.

Aus schnell zunehmender Körpermasse, ablehnender Haltung und einem festgemeißelten Grinsen, mit dem sie jedem signalisiert, dass alles in Ordnung ist, alles prima, das Leben geht weiter, nach vorne blicken, nicht in der Vergangenheit leben….

Bis all die vorbeinickenden Mitmenschen verschwunden sind und ich in ihre Augen sehe. Ich verliere mich fast in diesem Goldton und sobald die ersten Tränen kommen, noch bevor ich ein Wort sage, überzieht Gänsehaut meinen Körper.

Ich kann es fühlen.
Ich kann sie fühlen.
Und sie mich auch.
Wie zwei Sterne kreiseln wir umeinander, immer wieder wie magisch voneinander angezogen, immer wieder aufeinander zu, voneinander weg… bis wir uns das erste Mal in die Augen sehen.

Fassaden, die brechen. Meine. Und ihre.
Jeden Morgen, jeden neuen Tag.

„Sie ist nicht weg.“, sage ich heute Morgen. „Ich nehme sie mit in mein weiteres Leben. Meine Tochter wird sie weitertragen. Jeder aus ihrer Klasse.“
Mein Sohn, der sich daran erinnert, wie wir ihr an ihrem Sterbebett standen. Begegnungen verändern uns. Und wir nehmen ein Stück jedes Menschen, dem wir wirklich und wahrhaftig begegnet sind, mit uns und tragen es weiter. Wir haben wieder Einladungskarten geschrieben.

Die zweite Feier, auf der sie nicht sein kann. Ich denke an das Jahr davor zurück, wie sie mit frischer Kopfnarbe und ohne Haare, aufgedunsen von den Medikamenten, hier mit uns feierte. Und es war so normal. Die Kinder kannten sie alle, kannten die Diagnosen, wussten, was ein Hirntumor ist. Und wir spielten, wie man mit Kindern nur spielen kann.

Der Tod spielte mit und es war uns egal.

6 Monate später bereitete sie sich aufs Sterben vor.
Es ist so ein Geschenk, dass wir sie begleiten durften.

Über all die Jahre.

Achtsamkeit

Ich bin selber dafür verantwortlich, wie es mir geht.
Ich entscheide, wie oft und wie lange ich Pausen brauche.
Wie lange und wie oft ich schlafe, esse, arbeite.

Also bestell deinen Garten
und schmücke selbst dir die Seele mit Blumen,
statt darauf zu warten, dass andere dir Kränze flechten

Ich kann das ganze Gedicht auswendig hersagen, es begleitet mich nun schon so lange.

Es jährt sich der 10. Geburtstag meiner Tochter.
Der 10. Jahrestag meines eigenen Todes.
In so vielerlei Hinsicht.
Reanimiert ist ein so hässliches Wort.
Ich bin damals bei der Operation in mehr als nur einer Hinsicht gestorben und wieder ins Leben zurückgeholt worden.
Meine Definition einer Mutterrolle zwang mich dazu, mich dem Leben zu stellen.

Nach draußen zu gehen.
Einzustehen.
Für mich, meine Kinder, meine Überzeugungen, für Recht und Moral.
Für jemanden, der fast ein Jahr lang unter einem Tisch gelebt hat, war das ein großer Sprung.

Mich selbst habe ich in diesen 10 Jahren verloren.

Ich kann nicht mal sagen vor dieser Wiedergeburt, sondern muss noch weiter zurückgehen in die Zeit, bevor alles zerstört wurde.
Es war ein langsames Sterben auf diesen Tod unter ihrer Geburt hin. Siechend. Seit Monaten, seit sicher ist, dass ich kein Kind mehr austragen werde, wächst dieser Gedanke.

Dieses Streben nach mir. Mich wiederfinden zu wollen in dem, was ich mir für die nächsten Jahre als meine Arbeit ausgesucht habe.

Trotzdem. Deswegen.

In meinem Kopf herrscht heilloses Durcheinander, alte und altbekannte Verhaltensmuster schreien gellend gegen jeden neuen und doch so vertrauten Gedankengang.

Freiheit.

Und ich sehne mich zurück in meinen alten Körper und meinen alten Geist, die jeden Tag in der Überzeugung begonnen, dass es nur dies eine ist, was ihnen bleibt.

Nur dieser eine Morgen, nur dieser eine Tag.

Echte Jungs

„Mamimausi…?“ piepst es leise von meiner Seite.

Hmm? mache ich und sehe schon die Sorgenfalten auf der Stirn des Kobolds.
Zwei Tage Schule liegen hinter ihm, zweimal Hausaufgaben, zweimal Stillsitzen, zweimal neue Welt und dann kam das Wochenende.

Und heute ist ein Montag.

„Mami, ich glaube… ich finde das mit der Schule doch nicht so schön…“

Ich nicke verständnisvoll und bleibe bei einem sanften aber bestimmten: „Das ist jetzt deine Arbeit. Hier wirst du jeden Tag hingehen. Du bist jetzt ein Schulkind.“

Er schweigt und trippelt noch so ein bisschen an meiner Seite herum.
Noch 5 Minuten bis zum Klingeln. Ich sehe aus den Augenwinkeln, dass die Frau neben uns ebenfalls große Probleme hat, ihren Erstklässler durchs Tor zu schieben. Die Eltern dürfen nicht mit auf den Schulhof, die Kinder müssen alleine durchs Tor.
Und während ich noch warte, schiebt sie bereits mit sanfter Gewalt ihren Sohn Richtung Pausenhof.

„Mami, schau mal, der Junge will auch nicht in die Schule, die Schule ist total dooo…. das ist ja Tyler!“

Der geschobene Junge spitzt die Ohren und sieht zu uns rüber.
Seine Mutter blickt mich an und ich lächle. Tyler ruft den Namen des Kobolds und stellt sich neben uns.
Die Jungs stecken die Köpfe zusammen und flüstern.
Nach kurzer Zeit sage ich: „Kobold, deine Klassenlehrerin kommt. Ihr müsst euch jetzt auch aufstellen!“
Beide Jungs sehen unsicher zu mir.
Mein Sohn tastet sachte nach Tylers Hand und dieser greift sofort zu und man kann nicht wirklich sagen, wer sich da an wem festhält.

„Machen echte Jungs das denn? Also sich an der Hand nehmen?“, flüstert Tyler.

Der Kobold sieht nachdenklich seinen Freund an.

„Also am Ende müssen wir uns eh an die Hand nehmen wenn wir reingehen. Und dann können wir ja schon mal anfangen. Und wir sind ja Jungs. Und total echte. Und wir haben ja auch keine Angst oder so. Das wär ja wieder was anderes. Ne?“

Tyler nickt bekräftigend. „Ja. Und wir gehen ja jetzt alleine da rein. Nicht wie Babys oder so.“

Der Kobold nickt ebenfalls.

„Komm, wir küssen unsere Mamas nochmal, damit die endlich gehen. Die sind ja immer so…“

Tyler nickt verständnisvoll. „Meine auch, ich küss sie auch nochmal.“

Ich verbeiße mir jedes Lachen, als ich fest gedrückt und geknutscht werde und sehe den beiden hinterher, wie sie da Hand in Hand in die große Schulwelt stolpern.

„Sind die süß oder sind die süß?“, flüstert Tylers Mutter mir zu, als wir wie Deppen nebeneinander stehen und stoisch winken, bis alle Kinder in der Schule verschwunden sind. Ich grinse und finde, dass mein Sohn es mit seinem Sitznachbarn ganz gut getroffen hat.

Ausgebrannt

Schweigen ob des Makels, der nie einer hätte werden dürfen.
Vorwürfe, ungenannt. Nur gedacht vergiften sie langsam meinen Geist.
Jeden Morgen, jeden Tag. Sie machen Nähe unmöglich und der Wunsch nach Flucht ist stark. Falsche Wert- und Moralvorstellungen verbunden mit Wünschen, die nie in Erfüllung gehen werden. Falsche Entscheidungen, die ein Leben lang nachwirken werden, weil sie verpflichtet haben, lebenslang.

Falsch, falsch, falsch.
Es geht nicht vor noch zurück.
Bleibt das Hamsterrad, in dem ich jappsend und hechelnd nach einer Pause brülle, doch niemand hört mich.

Am wenigsten ich mich selber.
Zu tief sitzt die Überzeugung, dass eine Schwäche jetzt das Ende wäre.
Ich bin noch nicht bereit, den Preis für mein ganzheitliches Versagen zu zahlen.

Noch stehe ich.

Mut

Ich traue mich einfach nicht, sie anzusprechen.

So lange ich mir nicht sicher bin, ob es Neugierde oder Interesse ist oder ob es vielleicht gar keinen Unterschied macht, weswegen ich auf sie zugehen würde. Sie lebt ein Lebensmodell, das ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen kann.

Und ich würde so gerne etwas über sie und ihre Beweggründe erfahren.
Ich sehe sie morgens bei ihrer Runde durch die Abfallbehälter.
Auf der Hinfahrt und auf der unteren Uferstraße dann auch auf der Rückfahrt. Seit 6 Jahre „kenne“ ich sie, damals noch mit ihrem heißgeliebten und unfassbar gut erzogenen Pudel unterwegs, seit einigen Jahren allein.

Ich vermute, dass er wohl gestorben ist.
Heute habe ich sie wohl nach dem Aufstehen erwischt, wir waren aber auch deutlich früher unterwegs als sonst.
Sie zog sich gerade hinter dem einen Busch um und wusch sich mit ihren Händen, die sie an den regennassen Sträuchern nass machte.

Mein Impuls war (mal wieder) anzuhalten und versuchen, sie kennenzulernen. Aber ich verwarf diesen Gedanken diesmal sofort wieder, sie war gerade in einer sehr intimen Situation und ich wäre auch nicht sehr begeistert, wenn jemand morgens in mein Badezimmer stürmte um mich kennenzulernen.

Auf der Rückfahrt eine Stunde später sah ich sie wieder. Sie hatte schon einige Taschen voller Pfand gesammelt und marschierte von Abfalleimer zu Abfalleimer. Manchmal sehe ich sie in dem Moment, wie sie noch Essenreste findet und dann frühstückt, sie legt dann einige Tücher auf die Bank neben dem Abfalleimer und sortiert sorgsam die Essensreste darauf bevor sie sich setzt und isst.

Ich überlege seit Jahren, wie ich sie ansprechen kann.
Ob das angemessen wäre.
Oder respektlos.
Heute hat sie wieder so traurig ausgesehen.
Vielleicht denke ich das aber auch nur.

Pack

Da werden Kinder geschubst, Wege versperrt, Schüler weggedrängt und geschoben, da wird gedrängelt, gemeckert und ständig geflüstert; wer asoziales menschliches Verhalten in seiner reinsten Form erleben will, der macht einfach einmal eine Einschulung mit.

Keine Lust mehr auf dieses Leben auf diesem Planeten. Arschlöcher.

Lernkurve (antiproportional zu Nervenstärke)

Er ist 6 Jahre alt, er hat jetzt fünf Stunden lang Essen, Trinken, Fernsehen und Beschwichtigungsversuche verweigert, steigerte sich von „kannichnicht“ über „allestotaldoof“ bis hin zu „aaaarrrrghhhhhsaaaaaaaaaahhhhhhh“ und tränenreichen Wutanfällen mit fliegenden Spielzeugen und ist jetzt vor Erschöpfung eingeschlafen.

Mit vorbildlichen Schleifen an selbstgebundenen Schnürschuhen.

Kreuz die Arme
schlüpf unten vor
zieh ganz fest
und leg ein Ohr
den Ring drumrum zum Fenster raus
zieh die Ohren lang und jetzt ist’s aus.

Liebe… ja was eigentlich…?

Ich weiß gar nicht, was ich dir schreiben soll. Oder ob ich dir schreiben soll. Oder ob es einfach gut ist. Manchmal, da denke ich, ich müsste mich erklären, einen Standpunkt schaffen, eine Aussage, an der wir uns dann entlanghangeln können. Ich wusste nie so recht, was ich von dir halten soll.

Da war so wenig Substanz, so wenig Persönlichkeit, mehr Kopien und Nachahmung und Ideen von dem, was eigentlich ein eigenes Leben sein sollte. Und vielleicht hat es deswegen nie geklappt. Heute, heute ist vieles anders.

Ich sehe lächelnd in deine Richtung und freue mich, dass dein Leben um so viel angereichert wurde. Dass es inzwischen Überzeugungen gibt, die aus dem Herzen gewachsen sind, Moralvorstellungen, die du in dir selbst gefunden hast und schlussendlich Entscheidungen, die du alleine treffen musstest und die dich mehr reifen ließen als ich das für möglich erachtet habe.

Wenn wir uns so vor Jahren kennengelernt hätten, dann hätte ich gesagt: nein, danke. Haben wir aber nicht.

Und so sehe ich momentan voller Sympathie und Liebe auf diese deine Entwicklung, die dich immer weiter von mir wegträgt, weil deine Gedanken für mich nicht nachvollziehbar sind, deine Überzeugungen in meinen Augen unvertretbar und deine Entscheidungen in meinem Wertesystem einfach falsch.

Das mag sich jetzt sehr seltsam anhören, aber ich mag dich so lassen, wie du bist, weil ich dich so lieben und schätzen gelernt habe. Was für mich falsch ist, scheint für dich genau richtig zu sein. Und ich freue mich so dermaßen, dass du ein Leben eingeschlagen hast, das dich glücklich macht, statt suchend in der Welt herumzuschauen, was die anderen machen.

Allein – ich will mich damit nicht mehr auseinandersetzen. Es gibt einfach Dinge, die sich für mich ausschließen. Unsere unterschiedlichen Wertvorstellungen und eine tiefe und innige Freundschaft gehören dazu.

Es war ganz wunderbar, deine Begleitung zu spüren.

Ein Klavier, ein Klavier…

Ich war 15, als ich mir Klavierstunden wünschte. Es sollte ein weiteres Instrument zu meinen bereits vohandenen werden und ich entschied mich für das Klavier.

Meine Eltern waren in materieller Hinsicht selten knauserig. Ich bekam, was ich wollte, und Geld haben sie im Gegensatz zu Liebe immer großzügig verteilt. Nun war es aber so, dass das Klavier tatsächlich recht teuer war.

Ich erstellte einen Sparplan, tat Möglichkeiten auf, arbeiten zu gehen und mir einen Teil des Geldes selber zusammenzusparen.

Warum das nicht gut war, weiß ich nicht.

Eines Tages kam meine Mutter freudestrahlend zu mir und verkündete, sie wisse, wie ich schnell zu meinem Klavier kommen könne. Mein Großvater, zu dem ich jeden Kontakt abgebrochen hatte und mit dem nur noch meine Mutter ab und an telefonierte, wäre sicherlich bereit, sein Geld dafür zu geben, weil er doch ein schlechtes Gewissen hätte. Wegen der Sache von damals, als ich seinen Penis… und so…

Blut rauschte in meinen Ohren, während meine Mutter Feuer und Flamme für ihre wunderbare großartige Idee war und sich vor Eifer beinahe überschlug. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte. Ich weiß es einfach nicht mehr. Ich weiß noch, dass wenig später mein Klavier gekauft wurde.

Mit seinem Geld.
Seine Tausender.
Ich wurde ausgezahlt.

Die kleine Fünfjährige, die ihrem Großvater morgens zu Diensten war, wurde 10 Jahre später endlich für ihre Hurendienste bezahlt.

Und alle waren glücklich. Mein Vater, dass er kein Geld ausgeben musste, meine Mutter, weil sie auf diese großartige Idee gekommen war, mein Großvater, weil er endlich kein schlechtes Gewissen mehr haben musste und ich, weil ich ja ein Klavier bekommen hatte.

Ich wollte doch schließlich ein Klavier haben, oder?
Ich lernte Klavier spielen. Privatunterricht, jeden Tag stundenlanges Üben.
Heute… fast 20 Jahre später habe ich es rausgeräumt.
Ich spiele schon so lange mit diesem Gedanken und es ist eins der letzten Dinge, die mich an meine Vergangenheit erinnern.

Alles andere…
Ich habe es rausgeräumt.
Es steht draußen und wartet.

Ich kann keine Entscheidung treffen, aber ich glaube, das habe ich irgendwie schon.
Ich fühle mich besser.
Ich rede mir ein, dass es kein Gewicht mehr haben dürfte, aber ich fühle mich besser.
Und ich will, dass es draußen bleibt.
Ich weiß nicht, wie ich es dem Mann erklären soll, den Kindern… ein Klavier wirft man nicht einfach weg…

Ich sperre mich dagegen, nicht mehr spielen zu können, es wird mir fehlen.
Aber das Gefühl…

Albern, sagt der Kopf.
Endlich, sagt das Herz.