Un [lust] [mut] [geduld]

Da waren sie gestern, diese Worte. Selbstbestimmt. Verantwortungsbewusst. Klar.

Und ich habe Angst, natürlich.
Öffne ich die Arme, lade ich damit wieder zum Hineinsinken ein?
Begünstige ich Schwäche, wenn ich mich zuwende?

Ich will diese Fragen nicht stellen müssen.
Ich will nicht mal darüber nachdenken.
Ich will einfach ich sein können.

Und doch fürchte ich nichts mehr als das.
Ich muss ans Meer mit denen, die ich liebe.
Ich zähle die Tage.

Sehnsucht

Natürlich fehlst du mir.

Aber wenn du so nahe bei mir stehst, kann ich nicht dich sehen.

Nur mich, wie ich mich in deinen Augen spiegle.

Und du – du kannst nur mich sehen. Als wäre ich dein ganzes Universum. Aber das bin ich nicht. Und ich will es auch nicht sein.

Du musst einen Schritt zurücktreten. Ach, was rede ich. Zwei, drei, vier, hundert Schritte zurück.

Und wenn du mich dann ansiehst, als Teil einer Welt, dann wirst du sehen, wie groß ich bin. Wie stark. Wie schwach. Du wirst mich sehen können, wie ich bin und wie ich sein will.

Ich will kein Stern sein. Keine Sonne, um die du kreist.

Ich will ich sein.

Das ist für unsere Sicherheit

Die Polizei kontrolliert wieder im Schulviertel, ob alle Kinder in den Autos angeschnallt sind.

Wunderbar, wie ich finde.
Auch gerne öfter.
Autos müssen rechts ran fahren, vier Polizisten kontrollieren per Blick in den Innneraum, ob die Kinder angeschnallt sind, die Autos dürfen weiterfahren. Ich werde rausgewunken, weil wir hinten komplett blickdichte Scheiben haben.

Ich lasse das Fenster runter. Ich lächle und wünsche einen guten Morgen und bin erfreut zu sehen, dass wir einen aus Kindergarten und Schule bekannten Polizisten erwischt haben, den die Kinder schon kennen.

„Darf ich hinten einmal aufmachen?“, fragt er und ich nicke.

Völlig verdrängend, dass der närrische kleine Tuk gerade fremdelt was das Zeug hält und die Tür genau auf seiner Seite aufgemacht wird.
Es kommt, wie es kommen muss, er brüllt los.

Laut.

Sehr laut.

Ich hechte aus dem Auto und der Polizist murmelt erschrocken, dass er dann mal auf die andere Seite geht. Ich nicke und versuche, den kleinen fusseligen Tuk zu beruhigen. Der Polizist öffnet die Schiebetür auf der anderen Seite und begrüßt die Kinder.

Der Kobold sitzt in der zweiten Sitzreihe schulfertig und kuckt misstrauisch auf den Mann.

„Bist du ein richtiger Polizist?“

Die gelbe Warnweste irritiert anscheinend.

„Ja.“, versichert dieser und wendet sich der Motte zu.

Die sitzt in vollem Prinzessinnenornat hinten auf der dritten Sitzbank.

Krone, Ohrringe, Ring, Täschchen, Zauberstab.

„Oh!“, macht der Polizist erfreut. „Du siehst ja schick aus. Eine echte Prinzessin heute Morgen! So eine schöne Krone!“

Die Motte zieht die Augenbrauen zusammen und erklärt ihm leicht mürrisch: „Die Krone ist nicht geklaut! Echt nicht!“

Ich kucke entgeistert nach hinten. Der Tuk schluchzt nur noch und ich will gerade etwas sagen, als der Kobold wichtig hinzufügt:

„Das Auto ist auch nicht geklaut!“

Ich verschlucke mich fast, als er nachsetzt: „Und wir sind auch nicht auf der Flucht! Wirklich nicht!“

Ich ahne, dass die vielen Diebes- und Polizistengeschichten mir gerade aufs Butterende schlagen.

„Mama ist auch nicht zu schnell gefahren!“ Er blickt mich fragend an. „Du bist noch nicht zu schnell gefahren, oder, Mamimausi? So wie letzte Woche, als wir zu Toys’r’us gefahren sind und du 140 gefahren bist, obwohl nur 130 erlaubt waren?“

Ich schwöre mir kurz innerlich, mit den Kindern nie wieder irgendwohin zu fahren, als er sich beschwichtigend an den Polizisten wendet: „Mami fährt wirklich nicht oft zu schnell. Nur manchmal, wenn wir jemanden verfolgen!“

Zufrieden, mir bei der Polizeikontrolle geholfen zu haben, lässt er sich wieder in seinen Sitz sinken.

Ich starre fassungslos zu dem Polizisten, der krampfhaft versucht, ein Grinsen zu unterdrücken, als die Motte ihrem Bruder zu Hilfe kommen möchte. „Oder wenn WIR verfolgt werden.“

Ich denke über Hausarrest nach.

„Und angeschnallt sind wir auch immer. Außer einmal, als Mami uns alle in den Kofferraum gesperrt hat und mit uns losgefahren ist!“

Ich erinnere mich dunkel, als ich beim Autosaugen tatsächlich noch 20 cm zurücksetzte und dafür die Sitze nicht mehr alle einbauen wollte, weil das Auto schon leer war. Meine Gesichtsfarbe hatte inzwischen wohl ein tiefes dunkelrot erreicht.

„Mami sperrt uns aber nicht oft ein!“ , fügt der Kobold wieder hilfreich hinzu.

Ich denke über Prügelstrafen nach.

„Muss Mami jetzt ins Gefängnis?“

Ich sehe die aufkommende Panik in seinem Gesicht.

Mein Babykobold.

Wie süß, er macht sich Sorgen um mich. Ich gebe ein beruhigendes „Natürlich muss ich nicht ins Gefängnis, Kobold.“ von mir, als er sich wieder dem Polizisten zuwendet.

„Sonst müssten sie eben Papa anrufen, damit er kommt und uns abholt. Die Kleinen dürfen ja noch nicht alleine nach Hause gehen und ich muss jetzt echt in die Schule.“

Sendepause.

Ich war vor einigen Tagen im Fernsehen zu sehen und habe recht lange zu einem Thema gesprochen, das hier in der Stadt ein bekanntes Problem darstellt.

Und nachdem ich mit dem Aufnahmeleiter sprach, wann gesendet wird und nach Hause kam und begeistert davon erzählen wollte, mich aber mit dem Öffnen der Tür alle mit ihren Problemen und Gedanken förmlich erschlugen und mir wie so häufig den Atem nahmen und keine Luft mehr ließen, da verstummte ich. Einmal mehr. Ich bin weder Mensch noch Ehefrau, ich bin nur noch Mutter im Dienst.

Wurde heute trotzdem von zwei sehr netten Bekannten darauf angesprochen und habe mich an unerwarteter Stelle noch einmal darüber austauschen können.

Vielleicht ist das aber auch alles nicht mehr wichtig. Vielleicht werden sie auch alle irgendwann die Augen öffnen und sehen, dass ich nicht nur die bin, als die man mich gebraucht hatte.

Schund/Literatur

Der Kobold hat heute Morgen wie immer sein neu erworbenes Lustiges Taschenbuch dabei. Seit die Schule Teil seines Lebens ist, verbeißt er sich geradezu in jeden neuen Buchstaben, der sein Sichtfeld kreuzt.

Ausnahme: Textwände.

Die Tochter war da ganz anders. Ein kleines Bild pro Seite reichte völlig an Ansporn, sich durch seitenweise Textwände zu fressen, der Kobold macht da zu. Langweilig, blöd, er kann das alles nicht, zu schwer…

Also kaufte ich vorletzte Woche ein Lustiges Taschenbuch. (und erinnerte mich ein wenig nostaligisch an früher, als nur jede zweite Seite bunt war…). Dies ist seitdem sein ständiger Begleiter und ich höre im Alltag ständig ein „Ttttt….. tttt…. wie Tisch… Ooooooo….Ooooo….“

Man sollte ja meinen, es ist jedes Mittel recht, ein Kind fürs Lesen zu begeistern. Die nette Mutter neben mir war da anderer Meinung. „Und deiner darf sowas lesen?“

Ich kuckte kurz entgeistert in Richtung meines Sohnes, der dem Tonfall nach zu urteilen mindestens einen Playboy in der Hand halten müsste und zog die Augenbrauen hoch.

„Ja.“

„Also ich finde ja, die Kinder sollten erst mal mit ordentlichen Büchern lesen üben. Nicht mit Comics.“

„Hm.“, mache ich und sehe das Thema als beendet an.

„Cheyenne hat nur Bücher für Erstleser zuhause und soll auch nur damit lesen üben.“

„Ah.“, mache ich und lege den Kopf schief. „Liest sie sie denn auch gerne?“

„Äh. Nein. Ich zwinge sie aber jeden Tag, eine halbe Stunde die Buchstaben zu sagen, die sie schon kennt.“

[Ja Mensch, das muss ja Spaß bringen.]

Arrangement

Vielleicht haben sie ja Recht, all die Helden, die unter den zwanghaft übergeworfenen Rüstungen und goldenen Mäntelchen verzweifelt danach schreien, endlich mehr als verletzlicher Taugenichts denn als strahlender Ritter wahrgenommen zu werden.

Und die feinen Damen müssen entscheiden, ob sie weniger als Heldentum in ihren Betten dulden können…

Vielleicht zählt ab einem gewissen Grad an Dunkelheit ohnehin nur noch die Schwanzgröße.

Und ab einer bestimmten Anzahl an Promille nicht einmal mehr die. Heitere Aussichten.

Ex

Ich ärgere mich auch zwei Tage später noch unglaublich über diesen erwachsenen Mann Anfang 40, der am Geburtstag seiner einzigen Tochter 4 Stunden bei mir in der Küche sitzt, sie ignoriert, das Büffet dezimiert und mir beschriftete Kekse für Gäste wegfrisst, wenn ich gerade nicht hinkucke. Das nächste Mal behänge ich seine Tochter mit Wurstringen, vielleicht entwickelt er dann ja Interesse an ihr.

Trauergeschwindigkeiten

Vielleicht reicht es, wenn es für einen einzigen Menschen einen Unterschied gemacht hat, ob man gelebt hat…

Als ich heute Morgen mit ihr dort stand, auf dem Parkplatz und bei ihrer Erzählung der letzten Minuten ihrer Tochter erst mir und dann wieder ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen und alles um uns herum versank, weil nur wir beide dort waren, da waren mir die Leute egal, die Flüstereien, die Blicke, die Fragen in den Augen der anderen Mütter…

Erst als ihr kleiner Sohn mehrfach entnervt fragte, ob sie jetzt mit heulen wieder fertig sei, und ihre Tochter ja schließlich tot sei und fertig, wurde ich unsanft in die Realität zurückgeholt. Meine beiden Kleinen hatten nur stumm zu uns geblickt und instinktiv bemerkt, dass jedes Wort unerwünscht gewesen wäre, doch ihrer hat da wohl eine andere Geschichte zu erzählen.

Sie lächelte nachsichtig und mir wurde klar, dass sie dieses Verhalten kennt. Wie mag das für ein Kind sein, wenn die Eltern um die große Schwester trauern? Welche Trauerintensität und welche Trauergeschwindigkeit hat ein kleines Kind, das noch so egozentrisch liebt und lebt, dass der Verlust des wesentlich älteren Geschwisterkindes keinen übermenschlich großen Einschnitt ins eigene Leben bedeutet?

Und schlussendlich – wie viel kann man seinem Kind nachsehen?
Wird man irgendwann wütend?
Voller Hass, weil das Andenken an ein Familienmitglied nicht so gewürdigt wird, wie man es selber brauchen würde?
Wie geht man damit um, wenn man aus den Reihen der eigenen Kinder Gleichgültigkeit für diesen Tod erfährt?
Wenn da kein Platz mehr ist für die eigene Trauer?
Und irgendwann, in einiger Zukunft auch kein Platz mehr für die Erinnerung?

schultern

An den meisten Tagen gewinnt inzwischen die Liebe.
Knapp oft nur, aber wer zählt schon.
An manchen Tagen steht es bei Einbruch der Dunkelheit unentschieden.
Und ich schließe die Augen in dem Wissen, dass mit dem neuen Tag ein neuer Kampf beginnt. Und ja, da ist so etwas wie Zuversicht.

Und an Tagen wie heute gewinnt der Hass.
Blutrot, lodernd, flammend, tiefschwarz, schwärend, allumfassend, immerdar. Und ich sehe in das Zwielicht meiner eigenen Seele und fühle mich zuhause.

Ich.

Allein.

Ohne Liebe, ohne Verletzungen, ohne Hoffnung.

Nur ich.

Schwarzer brennender Phoenix.

Es sind diese Tage, die frohlocken, mit seidiger rauchiger Stimme verführen, flüstern, liebkosen… doch alles hinter sich zu lassen und zu sein, wofür man geboren wurde. Schwarz.

Diese Tage, an denen die Stimmen lauter rufen.
Und man ihnen folgen möchte.