Ich war 15, als ich mir Klavierstunden wünschte. Es sollte ein weiteres Instrument zu meinen bereits vohandenen werden und ich entschied mich für das Klavier.
Meine Eltern waren in materieller Hinsicht selten knauserig. Ich bekam, was ich wollte, und Geld haben sie im Gegensatz zu Liebe immer großzügig verteilt. Nun war es aber so, dass das Klavier tatsächlich recht teuer war.
Ich erstellte einen Sparplan, tat Möglichkeiten auf, arbeiten zu gehen und mir einen Teil des Geldes selber zusammenzusparen.
Warum das nicht gut war, weiß ich nicht.
Eines Tages kam meine Mutter freudestrahlend zu mir und verkündete, sie wisse, wie ich schnell zu meinem Klavier kommen könne. Mein Großvater, zu dem ich jeden Kontakt abgebrochen hatte und mit dem nur noch meine Mutter ab und an telefonierte, wäre sicherlich bereit, sein Geld dafür zu geben, weil er doch ein schlechtes Gewissen hätte. Wegen der Sache von damals, als ich seinen Penis… und so…
Blut rauschte in meinen Ohren, während meine Mutter Feuer und Flamme für ihre wunderbare großartige Idee war und sich vor Eifer beinahe überschlug. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte. Ich weiß es einfach nicht mehr. Ich weiß noch, dass wenig später mein Klavier gekauft wurde.
Mit seinem Geld.
Seine Tausender.
Ich wurde ausgezahlt.
Die kleine Fünfjährige, die ihrem Großvater morgens zu Diensten war, wurde 10 Jahre später endlich für ihre Hurendienste bezahlt.
Und alle waren glücklich. Mein Vater, dass er kein Geld ausgeben musste, meine Mutter, weil sie auf diese großartige Idee gekommen war, mein Großvater, weil er endlich kein schlechtes Gewissen mehr haben musste und ich, weil ich ja ein Klavier bekommen hatte.
Ich wollte doch schließlich ein Klavier haben, oder?
Ich lernte Klavier spielen. Privatunterricht, jeden Tag stundenlanges Üben.
Heute… fast 20 Jahre später habe ich es rausgeräumt.
Ich spiele schon so lange mit diesem Gedanken und es ist eins der letzten Dinge, die mich an meine Vergangenheit erinnern.
Alles andere…
Ich habe es rausgeräumt.
Es steht draußen und wartet.
Ich kann keine Entscheidung treffen, aber ich glaube, das habe ich irgendwie schon.
Ich fühle mich besser.
Ich rede mir ein, dass es kein Gewicht mehr haben dürfte, aber ich fühle mich besser.
Und ich will, dass es draußen bleibt.
Ich weiß nicht, wie ich es dem Mann erklären soll, den Kindern… ein Klavier wirft man nicht einfach weg…
Ich sperre mich dagegen, nicht mehr spielen zu können, es wird mir fehlen.
Aber das Gefühl…
Albern, sagt der Kopf.
Endlich, sagt das Herz.