Mut

Ich traue mich einfach nicht, sie anzusprechen.

So lange ich mir nicht sicher bin, ob es Neugierde oder Interesse ist oder ob es vielleicht gar keinen Unterschied macht, weswegen ich auf sie zugehen würde. Sie lebt ein Lebensmodell, das ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen kann.

Und ich würde so gerne etwas über sie und ihre Beweggründe erfahren.
Ich sehe sie morgens bei ihrer Runde durch die Abfallbehälter.
Auf der Hinfahrt und auf der unteren Uferstraße dann auch auf der Rückfahrt. Seit 6 Jahre „kenne“ ich sie, damals noch mit ihrem heißgeliebten und unfassbar gut erzogenen Pudel unterwegs, seit einigen Jahren allein.

Ich vermute, dass er wohl gestorben ist.
Heute habe ich sie wohl nach dem Aufstehen erwischt, wir waren aber auch deutlich früher unterwegs als sonst.
Sie zog sich gerade hinter dem einen Busch um und wusch sich mit ihren Händen, die sie an den regennassen Sträuchern nass machte.

Mein Impuls war (mal wieder) anzuhalten und versuchen, sie kennenzulernen. Aber ich verwarf diesen Gedanken diesmal sofort wieder, sie war gerade in einer sehr intimen Situation und ich wäre auch nicht sehr begeistert, wenn jemand morgens in mein Badezimmer stürmte um mich kennenzulernen.

Auf der Rückfahrt eine Stunde später sah ich sie wieder. Sie hatte schon einige Taschen voller Pfand gesammelt und marschierte von Abfalleimer zu Abfalleimer. Manchmal sehe ich sie in dem Moment, wie sie noch Essenreste findet und dann frühstückt, sie legt dann einige Tücher auf die Bank neben dem Abfalleimer und sortiert sorgsam die Essensreste darauf bevor sie sich setzt und isst.

Ich überlege seit Jahren, wie ich sie ansprechen kann.
Ob das angemessen wäre.
Oder respektlos.
Heute hat sie wieder so traurig ausgesehen.
Vielleicht denke ich das aber auch nur.

Schreibe einen Kommentar