Wandel

Umzug ist ja immer großartig, um auszumisten.

Und ich merke, wie die Dinge, von denen ich geschworen hätte – bei allem, das mir heilig ist – sie niemals, unter keinen wie auch immer gearteten Umständen wegzugeben, plötzlich unwichtig geworden sind.

Ob das Erinnerungsgegenstände sind oder Bücher oder Dekoration im weitesten Sinne – ich merke, an wie wenigen Dingen mein Herz nur noch hängt.

Da sind die Mutterpässe. Die Dinge, die der Mann und ich am Anfang unserer Beziehung tauschten. Die Libelle, die eine. Der kleine Salzteigschutzengel. Meine Fotos. Der Anhänger. Ein Stein.

Ja. Viel ist es nicht mehr.

Ein sehr befreiendes Gefühl.

Schweiß, kalt.

Es ist immer nur dieser eine Moment in Endlosschleife, in dem man erkennt, dass sie gar nicht vorhaben, dich zu töten.

Wenn dir – hilflos angebunden, bewegungsunfähig, blutend, verzweifelt, schon lange nicht mehr weinend, mit aller Konsequenz bewusst wird, dass sie dich nicht erlösen werden, sondern dich am Leben lassen werden um dir diese Dinge antun zu können so lange sie wollen … wenn der Geist diesen einen klaren Gedanken in eiskaltem Entsetzen als den Letzten zulässt, bevor er die Seele in zwei Hälften spaltet, um am Leben zu bleiben.

Immer und immer wieder…
Wenn die Seele aufhört zu schreien.

Ära, neu

„Mama, sag mal, warum sind Fische so glitschig?“, fragt die große Tochter auf der Autofahrt an einer roten Ampel und ich setze zu einer ernsthaften wohldurchdachten kindgerecht fomulierten Antwort an.

„Nein, Mama. Damit sie nicht quietschen, wenn sie um die Ecke schwimmen.“

Ich starre sie entgeistert an. Es ist totenstill im Auto.

Dann, plötzlich, ein Prusten. Sich stetig steigerndes Gegacker. Und schließlich brüllendes Gelächter von drei Kindern.

Ich starre immer noch. Fassungslos.

„Mama…du hattest mir doch dieses Witzebuch geschenkt…“

Ich erinnere mich dunkel.
Verlust kindlicher Unschuld zugunsten einer platten Pointe.

Ich geh dann mal weinen.

[Was kann eine Familie nicht unter Wasser machen? – rund um eine brennende Kerze sitzen…]

Ausharren

Ich habe früher ständig (>6 pro Jahr) Mittelohrentzündungen gepaart mit vereiterten Mandeln gehabt und musste das allein und ohne Schmerzmittel aussitzen.

Mehrere Tage und besonders Nächte lang bis mein Körper den Kampf gewonnen hatte. Mein Jammern, Weinen oder Schreien wollte niemand hören und das wurde auch so kommuniziert.

Ich stand oft als Kind nachts um zwei, drei, vier Uhr in der Küche – jedes Schlucken tat mir weh, jede Bewegung schoss direkt ins Innenohr – und habe mir eine warme Milch auf dem Herd gemacht. Oder einen Kakao. Allein, leise, immer darauf bedacht, meine Mutter oder meinen Vater nicht zu wecken.

Diese starken Mittelohrentzündungen gehören zu den schlimmsten Schmerzerinnerungen meiner Kindheit, auch heute sind Ohrenschmerzen noch ganz oben auf meiner „fiese-Schmerzen“-Skala.

Und so leide ich doppelt mit, wenn eines der Kinder nun gerade Ohrenschmerzen hat. Aktuell das Baby, das heute Morgen aushalten musste, bis das Schmerzmittel komplett wirkte. Mich zerreißt es dabei fast.

Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben, Schmerz einfach auszuhalten. Auch und vielleicht gerade bei Anderen.

Einem Kind Halt und Trost zu sein, ohne den Schmerz einfach von ihm nehmen zu können. Ausharren, ohne ungeduldig zu werden. Einfach Ja sagen zur Situation, zum Weinen, zum Schreien, zum Schmerz und mit ihm an der Hand da durch zu gehen, bis es besser wird.

Es wurde, Gott sei Dank.

[beim Schreiben kommen noch die Erinnerungen dazu, wie meine Mutter bei besonders viel Gejammer meinerseits lapidar sagte: na, wenn das SO schlimm ist, dann bringen wir dich zum Arzt und der sticht dir dann mit einer langen Nadel die Trommelfelle durch, dann kannst du eben nicht mehr hören – was ohne weitere Erklärung in meinem Gehirn mehrere Horrorszenarien auslöste, die dazu führten, dass ich unter enormen Schmerzen Besserung simulierte]

[Und selbst mit Kindern inzwischen auch recht objektiv sagen kann, was meine Mutter für ein sadistisches Arschloch ist/war.]

Stille

Egal wie tief ich in mich hineinlausche, ganz still, leise, bedacht, achtsam, es antwortet mir einzig Stille.

Lüge? Bleibt nur das Warum und das war ja ohnehin nie von Relevanz.

Müde

Vor Panikanfällen nicht schlafen können, um vier Uhr morgens aufstehen, vier Kinder und sich selber fertigmachen, alles für den Mann zusammensuchen und rechtzeitig losfahren, damit er um 7 Uhr operiert werden kann und dann bis 9 Uhr warten müssen, während ich versuche, 4 kleine Kinder bei eisigem Wetter irgendwie zu beschäftigen.

Alles gut.

Jetzt weitergehen. Langsam.

Wir wollen EIS!

„Eisdiele!“, brüllen die zwei Mittelkinder, als ich sie vom Kindergarten abhole und nach besonderen Wünschen frage.

Es schneit. Es sind gefühlt Minus 5 Grad. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und frage, ob es nicht zu kalt dafür sei.

Nein, sei es nicht.

EIS! Es sei Frühling! Frühling! Bald sei Sommer! SOMMER! Und da es ja somit schließlich quasi Sommer sei, könne man jetzt auch ein Eis essen gehen! Unbedingt!

Also stehe ich mit 4 Kindern wenig später in der Eisdiele und gehe dann mit ihnen auf den naheliegenden Platz zum Toben und Spielen.

Kaum angekommen stehen 3 bibbernde schlotternde Kinder vor mir, die mich anflehen, doch bitte wieder nach Hause zu dürfen, das war eine doofe Idee mit dem Eis und überhaupt ist zwar Frühling aber eigentlich ist es ja noch Winter und es sei bitterkalt und sie würden frieren und das Eis mache alles noch viel unerträglicher und ob sie zuhause in die warme Badewanne könnten, sie würden auch Haare waschen, ohne Geschrei und alles oder zumindest den Rest des Tages mit Bettdecken direkt an der Heizung verbringen dürften und überhaupt seien diese Temperaturen auch bestimmt nicht gut für das Baby, das auch schon ganz erfroren aussehen würde und da würde man ja auch Rücksicht nehmen wollen.

Ich habe nicht gegrinst.

Und das hat mir alles abverlangt.

Chaoswoche

5/6 Familie krank, Schulbeginn nach den Ferien. Kindergarten. Erste Zähne. Magen Darm. Grippe. Bronchitis. Herzschmerz. Anästhesiegespräch. Operation. Erholung. Organisation. Fahrradtrainig. Verkehrstraining. Polizei. Freundebesuch. Babysitter. Angst. Geburtstagsplanung. Kuchen. Hoffnung. Zuversicht. Panik. Schnupfen. Warten auf Post.

Die nächsten 7 Tage beginnen.

Jetzt.

Durchatmen.

10

10 Jahre wird es dieses Jahr her sein, dass mir das erste Kind aus dem Körper geschnitten wurde. Es ist für mich persönlich die unnatürlichste Art von Gebären gewesen und ich weiß, wie viele falsche Entscheidungen innerhalb dieser drei Tage damals in Folge getroffen wurden.

Heute – heute weiß ich es.

Und ich lebe seit 10 Jahren mit einer tauben Bauchdecke, Schmerzen und den Erinnerungen daran.

Je öfter ich über das nachdenke, was momentan passiert, desto deutlicher habe ich das Gefühl, dass es Zeit ist, loszulassen.

In dieser Narbe sitzt noch so viel Groll, so viel Leid, Schmerz, Wut, Reue…

Es ist Zeit.

Rassismus

„Ich spiele lieber mit Kindern, die meine eigene Hautfarbe haben.“, rotzt sie mir entgegen und ich kann kaum anders, als sie entgeistert anzustarren.

Ich bin heute mit meinen drei sehr hellhäutigen Kindern und einem dunkelhäutigen Kind auf dem Spielplatz. Ich starre immer noch. Ich überlege, ob ich es ignorieren soll. Ich kann nicht.

„Warum?“, frage ich.

Sie denkt kurz nach. „Weil sie so sind wie ich. Ich bin lieber mit jemandem zusammen, der so aussieht wie ich.“

Ich bin ratlos. Ich kann sie so gut verstehen. Da ist kein Rassismus in ihrem Blick, keine Diskriminierung, nichts Politisches. Sie ist ein Kind. Natürlich sucht sie jemand Gleichen. Und doch… Gedanken toben in meinem Kopf. Wie würde ich reagieren, wenn eines meiner Kinder diese Gedanken genau so gegenüber Fremden äußern würden? Ich sehe gedankenverloren auf die dunkle Haut unseres Besuchskindes.

Zwei Paar Schuhe, merke ich, aber merken es die anderen auch? Oder wären meine Kinder dann die weißen Rassisten?

Sie sieht mich an. Sie erzählt von Y., einer Freundin, die bei ihr wohnt. „Sie ist eine von uns.“, sagt sie und zupft an ihrer Haut.

Ich habe mich so sehr auf sie konzentriert, dass ich die Motte kurz aus dem Blick verlor. Sie steht ratlos neben uns und blickt traurig.
„Motte?“, frage ich.
Sie sieht unser Besuchskind an. „Ich find es so doof, dass du mich nicht magst, weil ich helle Haut habe. Ich kann doch nichts dafür.“

Sie schnieft. Sie hatte heute einen harten Tag und das ist so ziemlich das letzte, das ich ihr für heute gewünscht hätte. Das Besuchskind zuckt die Schultern: „Dunkle Haut ist eben einfach besser.“

Sagt es unbeschwert, nimmt die Motte an die Hand und springt mit ihr davon. Ich sehe, dass das in ihr arbeitet. Aber sie wird es fünf Minuten später vergessen haben.

Ich nicht.

Mir hängt es immer noch nach. Sehr.