Käuflich.

Als wir unsere Kinder für morgen auf deren Wunsch hin verabredeten, war alles noch okay.

Bis sie sich nach dem Abschied noch mal umdrehte und anfing: „Duuuuu, sag mal… ich hab deinen Mann schon mal öfter beim Sozialamt gesehen… so viele Männer von seiner Größe und mit dieser hünenhaften Statur laufen hier ja auch nicht rum… was macht der da?“

Meine Betriebstemperatur stieg deutlich an, während mein Lächeln auf Minusgrade abkühlte. „Er arbeitet dort.“

Und plötzlich wich die Neugierde in ihrem Blick echtem Interesse. Mein Blut kochte hoch. Ich hatte das geahnt. Gerade bei ihr.
„Ahhhhhsoooo…“, murmelte sie. „Ist aber gehobener Dienst, oder? Ich hab da auch schon mal versucht, einen Kerl kennenzulernen, aber es arbeiten ja so wenig Männer dort.“

Ob dieser unglaublichen Dreistigkeit fehlten mir einfach nur die Worte.
Ich weiß, wie sie ist, ich verstehe sie sogar besser, als sie ahnen würde, aber das ist wirklich bar jeder Form des Anstands.

Ihr momentaner Lebensabschnittsgefährte und von ihr vermuteter Vater einiger ihrer Kinder sitzt fünf Meter von uns entfernt in ihrem Auto. Ist wohl gut für sie, dass er unsere Sprache nicht spricht. Sie plappert munter weiter – bei mir verkrampfen sich Seele und Herz gerade zu einem riesigen Eisklumpen. Ich höre noch Dinge wie finanziell ausgesorgt, versorgt und dann tatsächlich die Schätzfrage nach seinem Gehalt mit einen hohen vierstelligen Euro-Betrag, der mit einem Fragezeichen endet.

Ich schlucke einmal trocken und versuche, meine zusammengepressten Lippen auseinander zu bekommen, verabschiede mich ohne eine Antwort auf ihre Frage bis morgen und wende mich ab.

Es gibt ein Wort für so etwas.

Leseratte vs. Buchmuffel

Das große Tochterkind liest den dritten Teil von HarryPotter, nachdem sie heute Morgen mit tief blutunterlaufenen Augen ins Schlafzimmer zum GutenMorgen-Sagen kam und Teil zwei gestern wohl auch noch deutlich nach der Schlafenszeit gelesen hat.

Der Kobold turnt um sie rum: „Duhuuuu, spielst du mit U-Boot?“

Nach der fünften Ansprache schüttelt sie endlich kurz den Kopf und antwortet, dass sie lieber lesen möchte.

Grummelig zieht der Sohn von dannen:

„Also wenn ICH mal lesen kann, werde ich jedes Buch als Film kaufen.“

Spaß…

Vielleicht ist das größte Unrecht, das wir unseren Kinder antun können, die Anspruchshaltung, dass ihnen alles Spaß machen muss, was zu ihrer Weiterentwicklung beiträgt.

Sich durchbeißen muss heute niemand mehr.

Man will schließlich kein lustloses oder schlecht gelauntes Kind, keines, dass man zwingen muss im Rahmen dieser neuen weichgespülten Erziehung, die so oft mit einer gleichberechtigten Partnerschaft verwechselt wird.

Aber unsere Kinder sind nicht unsere besten Freunde.

Eigentlich

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen.
Eigentlich wollte ich wesentlich später losfahren.
Eigentlich…
Als wir ankamen, ging sie gerade.
Und es durchzuckte mich abwechselnd heiß und kalt.

Für einen völlig bescheuerten kurzen Moment überlegte ich, ob ich mich wohl verstecken sollte. Lange ist es her.
Ich ging auf sie zu und umarmte sie.

„Wie geht es dir?“

– „Gut“, log sie.

Und ich hätte mich ohrfeigen können für diese absurde Frage. Wie soll es ihr schon gehen? Ich Idiot. Lange Sekunden war ich hin und hergerissen zwischen der Möglichkeit, sie einfach gehen zu lassen und ihr ein herzliches Lebwohl zu wünschen oder die Mauer wieder einzureißen. Einmal mehr. Einmal schmerzhafter.

Der kleine Sohn thronte auf dem Arm und ich fragte mich, wie schmerzhaft es sein muss für sie. Ausgetragen, als ihre Tochter im Sterben lag.

„Ein Sohn“, lächelt sie. Und ich sehe, wie der Mund zuckt.

Ich hatte mich bereits entschieden. Risiko.

„Bald hast du alle ersten Male erlebt“, sage ich leise.

Ein Jahr ist es schon fast her, es ist so unglaublich. Und ich weiß, dass es gestern war für die Frau, die da vor mir steht und um Fassung ringt.
Die Mauer zeigt ihre Risse. Sie fällt, als sie anfängt zu erzählen.
Sie erzählt vom Sterbemoment.
Von dieser einen Sekunde, drei Atemzügen, ihrer Tochter, ihres Mannes und ihr selber.
Dreisam, Einsam, Gemeinsam.
Ein gutes Lebewohl.

Eines, das man keinem wünschen würde.
Und doch.
Es ist hellichter Tag, die Kinder toben um uns herum, es ist laut, sonnig, voller Leben und doch steht die Zeit still.

Wir sind wieder in dieser Blase, die uns jedesmal umgibt, wenn wir uns treffen. Es ist bemerkenswert, wie sehr sie mein Herz berührt.

Dieses Band…

Ich habe mich selber eingeladen. Ich komme mir immer noch vor wie ein Bulldozer.
Ein ruhiges gemeinsames Frühstück. Bei ihr, weil sie nicht rausgehen kann. Ich bringe Brötchen mit, wenn die Kleinen im Kindergarten sind. Ich schreibe einige Tage vorher eine SMS. Wenn sie nicht kann, soll sie es einfach kurz schreiben. Alle Rückzugsmöglichkeiten gegeben, aber eben doch irgendwie ein Bulldozer.

Ich konnte nicht anders.

Vielleicht tue ich das Falsche.
Vielleicht.

Nachhall der Idiotie

Es hat lange Jahre gebraucht, bis ich annehmen konnte, aus tiefem Vertrauen heraus, dass es tatsächlich genau das geben würde, das ich immer ins Reich der Utopie geschoben habe.

Und dann reicht so wenig, mir meine eigene Idiotie vor Augen zu führen.

Wenn die eigene Welt auf einmal Kopf steht.

Pragmatismus

Mir in aller Seelenruhe von seiner nächsten Frau zu erzählen und ob er mit ihr Kinder haben möchte, erfordert entweder sehr viel Mut oder sehr viel Ignoranz.

Oder einfach nur sehr viel weniger Glauben an uns als ich habe.