Das Leben hat ein verdammtes Scheiß-Händchen für Bühnenbild und Beleuchtung. Es ist früh, es ist kalt, wir stehen auf einer Bergspitze inmitten all unserer Kinder unter freiem und strahlend blauem Himmel.
Der Ausblick ist atemberaubend und die Sichtweite endlos.
Es ist das Leben. Pur, klar, rein.
Wir sehen uns nicht oft, aber unsere Kinder haben eine bemerkenswerte Parallelität. Sie hat 5, ich habe 4. Die großen Töchter fast gleichalt und in Parallelklassen, dann die zweiten Kinder durch Prügeleien und Hassliebe verbunden, der Kobold und ihr großer Sohn sind mal dies, mal das. Unsere jüngsten beiden sind ziemlich genau gleichalt.
Das letzte Mal haben wir uns gesehen, als wir noch in den Vorbereitungen zur Aufnahme der Zusatzkinder steckten.
Als wir uns herzlich begrüßt haben, schrumpft unsere Welt plötzlich auf unsere beiden Augenpaare zusammen.
Ich sehe in Augen, wie ich sie grauer und schmerzerfüllter noch nie gesehen habe.
„Du hast zwei Kinder dazubekommen?“ Ich nicke.
„Sie hat es nicht geschafft?“ Ich schüttle stumm den Kopf.
„Ich muss auch bald sterben“, sagt sie leise und ich kann sie nur fassungslos anblicken. „Der Krebs ist wieder da.“
Das Blut rauscht durch meine Adern und ich höre nur noch meinen Pulsschlag und sehe nur noch ihre Tränen.
„Nein.“, ist das Erste, das ich sage, „Nein.“
Ich kenne diese Frau nicht. Nicht wirklich. Und doch öffne ich die Arme und drücke diesen zierlichen kleinen Menschen an mich.
Das darf nicht sein, das kann einfach nicht sein. Nicht schon wieder.
Und so stehen wir dort und weinen.
Jeder für sich und doch miteinander. Die Worte, die wir wechseln, kommen und gehen von Herz zu Herz.
Es gibt nur wenig, das den Kontakt zwischen zwei Menschen ehrlicher macht als der Tod.
Viel später wandern meine Gedanken zu der Frau, die ich so viel besser und so viel weniger kenne. Was macht das Leben da?