Es ist still im Auto. Es ist der einzige Moment des Tages, an dem in meinem Leben wirkliche Stille herrscht. Alle großen Kinder in der Schule, das Kleinste im Kindergarten, der Mann bei der Arbeit.
Bei der Arbeit… Seit Anbeginn der Umwälzung. Er übernimmt zwar den organisatorischen Teil mit Behören, aber ich stehe hier mit 6 Kindern auf, erledige einfach alles und soll nicht zu viel Mutter sein, weil die haben sie ja verloren und dann aber doch irgendwie einfach alles tun, was eine Mutter nun mal so tut. Zusätzlich zu allem anderen. Psychologen schließen mich von Gesprächen aus und wollen nur mit dem Mann sprechen, aber als ausführende Kraft im Alltag bin ich dann doch wieder gut genug. Nur soll ich immer an meine Stellung denken. Nicht Mutter. Auf gar keinen Fall Mutter. Das kann ich ihnen ja gar nicht sein. Ich muss alles andere sein, aber das nicht. Es ginge ja schließlich nicht um mich. Das große Zusatzkind bedroht meine Kinder mit Schlägen, hat Gewaltphantasien davon, mich umzubringen, ihr Bruder belästigt meinen kleinen Sohn sexuell, aber es ginge ja nicht um micht, natürlich, das muss ich ja verstehen.
Es wuffelt hinter mir. Ich drifte gedanklich wieder Richtung Gegenwart.
Im Kofferraum liegt der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte und dann doch irgendwo falsch abgebogen ist. Er träumt. Der Einkauf liegt hinter mir – vor mir liegt die Adventsausgabe unserer Kirchenzeitschrift. „Hoffnung braucht Nahrung“ schreibt dort unsere Pfarrerin über die Adventszeit und das, was uns die Dinge aushalten lässt.
Ich lese mich durch die Texte und beiße ab und an von meinem Brötchen ab, das ich mir gerade gekauft habe.
Ich kenne meine To-Do-Liste für den Tag. Ich kenne jede Aufgabe, jede Sprosse meines Hamsterrades. Aber dieser Moment gehört mir.
Ich sitze hier und genieße es, die geschäftigen Leute um mich herumeilen zu sehen. In den Supermarkt, aus dem Supermarkt, zur Caritas, auf den Parkplatz, mit dem Hund spazieren, den Kinderwagen schiebend, ein oder mehrere Kinder hinter sich herziehend oder vor sich herscheuchend und in meinem Auto höre ich nichts davon. Die Welt schrumpft auf mich, mein Brötchen und ab und zu ein leises Babyschnarchen des Hundes zusammen. Es geht mir gut.
Fünf Minuten später ist es eiskalt im Auto. Das Brötchen aufgegessen, die Zeitschrift durchgelesen und der Hund aufgewacht. Es geht weiter.
Bis morgen. Morgen früh wird dieser Moment wieder mir gehören. Ich freue mich darauf und halte mich verzweifelt daran fest, während der Tag wieder meinen Namen schreit.
Ja. Hoffnung braucht Nahrung.
