Supervision [Hoffnung. Erleichterung.]

Gestern war es soweit. Der Mann und ich hatten unsere erste Supervision. Wir sind jetzt nach drei Monaten am Ende unserer Kräfte und ehrlich genug, das auch einzusehen. Die Therapeutin lauschte uns gestern über eineinhalb Stunden lang, bis wir alles einmal auf den Tisch gepackt haben.

„Das ist viel.“, sagte sie. „Sehr viel.“

Was jetzt folgt, sind Hilfen, die wir von außen bekommen. Für das, was die Kinder mitgebracht haben, stehen große und furchtbare Worte im Raum. Und all das ist inzwischen zu groß für unser Zuhause, für uns als Paar, für unsere Familie, für unsere Kinder. Wir wollen Eltern sein.

Keine Trainer, keine Psychotherapeuten, keine Verhaltenstherapeuten, keine Freunde, kein Fachpersonal. Eltern.

Ich freue mich über die Wege, die uns aufgezeigt wurden. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns.

Für mehr Zeit zu Zweit, um unser neues Leben zu sortieren, zu ordnen und vielleicht sogar mögen zu lernen.

Lieber Alfred,

ich habe so lange überlegt, was ich dir schreiben soll. Ob ich dir schreiben soll. Ich habe mich dagegen entschieden.
Du warst mir auf den ersten Blick sympathisch.

Ich wurde dir unsympathisch, als du hier einziehen wolltest und wir nicht sofort mit Pauken und Trompeten Ja gesagt haben, zusätzlich zu 6 Kindern, dazwischen zwei, die wir nicht kennen, deren Mutter vor einigen Monaten gestorben ist und die einen Haufen Probleme mitgebracht haben, auch noch einen mopsfidelen 77jährigen mit dem Anspruch, gerne den ganzen Tag von mir bekocht und umsorgt werden zu wollen, das größte Zimmer im Haus, das inzwischen ganz schön eng geworden ist, bewohnen und ansonsten die nächsten 10-15 Jahre hier einen schönen Lebensabend verbringen zu wollen.

Jetzt ziehst du weg. Zu deinem jüngeren Sohn.
Ich bin in deinem neuen Zuhause nicht willkommen.
Das hast du deutlich gemacht.
Dein ältester Sohn und die zwei Zusatzkinder schon.
Deine anderen Enkel nicht.

Vielleicht hören wir uns noch einmal.
Vielleicht auch nicht.

Es ist ja nicht so, dass du jemals etwas über mich wissen wolltest.
Nimm die Lügen, die du über mich geglaubt hast, mit.
Es ist wie es ist.
Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du dort glücklich wirst.
Leb wohl und Gute Reise.

Das andere Ende

„Kind, ich bin soweit, dass ich jetzt sterben kann. Aber das Leben lässt mich ja nicht.“

Sie seufzt. Ich seufze mit. Was soll ich auch schon sagen?

Oma, ich möchte nicht, dass du stirbst? Wie bescheuert.

Natürlich möchte ich nicht, dass sie stirbt, aber wer bin ich, dass ich mich darüber erhebe, was für sie das Richtige ist?

Das Leben ist für sie nicht mehr lebenswert und das ist ihre ganz persönliche Sache, die ich respektiere. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört auch ein selbstbestimmter Tod.

Ja. Leider geht das nicht immer so, wie man sich das vorstellt.

„Meine Nachbarin, die ist ja einfach gesprungen. Natürlich haben sie uns gesagt, es war ein Unfall. Aber wie unbeabsichtigt kann man über ein Geländer klettern und aus dem Fenster springen? Naja, ist auch nicht verkehrt. Aber ne Riesensauerei.“ Ich muss schmunzeln. Ja, das ist eher nichts für meine Großmutter. Alles, was mit einer Sauerei verbunden ist, scheidet schon mal aus.

„Aber jedes Mal wenn ich mich hinlege und mir vornehme, ich sterbe jetzt – was glaubst du, was dann passiert? Genau. Ich wache einfach am nächsten Morgen wieder auf. So ein Schiet.“

Ich lache laut los.

Wir diskutieren ausführlich über verschiedene Sterbearten und über das Altwerden im Allgemeinen und über ihre grauenhaften Mitbewohner im Heim.

Das Übliche und ich spüre, wie ihre Stimmung sich etwas aufhellt. Sie fragt nach den Kindern. Ich erzähle aus unserem Alltag und von unseren Problemen und den Fortschritten, die wir machen.Sie lauscht andächtig, fragt zwischendurch immer wieder nach und ich höre, wie sehr sie Anteil nimmt. Es ist so furchtbar, dass sie soweit weg wohnt.

Wir haben so viele Möglichkeiten durchdacht, aber wir schaffen es einfach nicht, sie hierhin zu holen. Ein Heim in der Nähe wäre nicht das Richtige und ein Platz hier zuhause ist kaum realisierbar.

Selbst wenn wir es emotional schaffen würden, was in unserer momentanen Situation auch schon fraglich ist – der Umbau wäre zu umfangreich, um ihn bezahlen oder selbst realisieren zu können. Der mangelnde Platz ist ein weiteres Problem.

Ich seufze erneut. Sie seufzt mit. „Ach Kind.“

„Ach Oma.“, sage ich und sie summt ein bisschen, wie ich es schon aus Kindertagen von ihr kenne.

Mir tut das Herz weh. Ich weiß, worauf sie wartet.

Sie wartet auf meinen Vater.
Und ich weiß, dass sie vergeblich auf ihn warten wird.

Alles hat seine Zeit [Kerstin]

Das Leben hat ein verdammtes Scheiß-Händchen für Bühnenbild und Beleuchtung. Es ist früh, es ist kalt, wir stehen auf einer Bergspitze inmitten all unserer Kinder unter freiem und strahlend blauem Himmel.

Der Ausblick ist atemberaubend und die Sichtweite endlos.
Es ist das Leben. Pur, klar, rein.

Wir sehen uns nicht oft, aber unsere Kinder haben eine bemerkenswerte Parallelität. Sie hat 5, ich habe 4. Die großen Töchter fast gleichalt und in Parallelklassen, dann die zweiten Kinder durch Prügeleien und Hassliebe verbunden, der Kobold und ihr großer Sohn sind mal dies, mal das. Unsere jüngsten beiden sind ziemlich genau gleichalt.

Das letzte Mal haben wir uns gesehen, als wir noch in den Vorbereitungen zur Aufnahme der Zusatzkinder steckten.

Als wir uns herzlich begrüßt haben, schrumpft unsere Welt plötzlich auf unsere beiden Augenpaare zusammen.

Ich sehe in Augen, wie ich sie grauer und schmerzerfüllter noch nie gesehen habe.
„Du hast zwei Kinder dazubekommen?“ Ich nicke.
„Sie hat es nicht geschafft?“ Ich schüttle stumm den Kopf.

„Ich muss auch bald sterben“, sagt sie leise und ich kann sie nur fassungslos anblicken. „Der Krebs ist wieder da.“
Das Blut rauscht durch meine Adern und ich höre nur noch meinen Pulsschlag und sehe nur noch ihre Tränen.

„Nein.“, ist das Erste, das ich sage, „Nein.“
Ich kenne diese Frau nicht. Nicht wirklich. Und doch öffne ich die Arme und drücke diesen zierlichen kleinen Menschen an mich.
Das darf nicht sein, das kann einfach nicht sein. Nicht schon wieder.
Und so stehen wir dort und weinen.
Jeder für sich und doch miteinander. Die Worte, die wir wechseln, kommen und gehen von Herz zu Herz.

Es gibt nur wenig, das den Kontakt zwischen zwei Menschen ehrlicher macht als der Tod.

Viel später wandern meine Gedanken zu der Frau, die ich so viel besser und so viel weniger kenne. Was macht das Leben da?