Ultraviolett

Butz rennt panisch durch die Gegend:

„WO IST DIE SONNENCREME???“

– In der Waschküche, warum?

„Meine Uhr warnt vor UV-Strahlung und ich benötige SOFORT SONNENCREME!!!“

– Butz, du sitzt im abgedunkelten Wohnzimmer und spielst Fortnite?!?

„SOFORT!!!“

[Diese neue Smartwatch bringt uns alle noch um den Verstand.]

Zweibettzimmer

Die sehr nervige und sehr gesprächige Zimmernachbarin der Kriegerin hat sehr viel Meinung und schlägt auch sehr gerne sehr viele Dinge vor, bis die Ärztin gerade vorgeschlagen hat, dass alle Anwesenden ohne medizinische Ausbildung jetzt erst mal gar nichts mehr vorschlagen und jetzt ist sie beleidigt.

Meine Güte.

Die Schießbude

Wir waren noch nicht sehr lange zusammen, da bummelten der große hübsche Mann und ich über eine Festwiese.

Fahrgeschäfte, Imbissstände, Spielbuden wohin man sah.

Und ich betete und hoffte inständig, dass der Status unserer Beziehung, der noch zu einem großen Teil aus Werben und Beeindrucken bestand, trotzdem nicht dazu führen würde, auch in dieser Beziehung den Supergau erleben zu müssen:

Die Schießbude.

Wir schlenderten also so umher und kamen an einigen Schießbuden vorbei und nach jeder konnte ich etwas weiter aufatmen. Gottseidank…

Mit Grausen erinnerte ich mich an die Male, die ich im strömenden Regen neben irgendeinem wütenden Mann stand, der verzweifelt versuchte, ein Schaf, einen Stern oder sonstwas abzuschießen.

Das eine Mal, das ich noch Geld leihen musste, um weitere Schüsse zu finanzieren, damit ich auch das bekomme, was ich mir ausgesucht hatte.Es hat nie geklappt.

„Die ist total verzogen.“ „Die schießt nicht richtig“ „Was ist denn das für ein billiges Ding“ – ich kenne alle Ausreden, denn ich habe sie alle schon gehört. Dabei bin ich nie sonderlich scharf drauf gewesen, an so einem Stand zu stehen. Aber es scheint ein Männergen zu geben, dass Männer beim Anblick von Waffen, Plüschtieren und weiblicher Begleitung dazu animiert, auf kleine Plaketten schießen zu wollen.

„Such dir was aus, ich schieß es dir!“ ist definitiv mein meistgehasster Satz in einer Beziehung.

Einmal sind wir als vier Pärchen auf einen Rummel gegangen und mein Freund war der Einzige, der exakt nichts getroffen hatte. Er bekam dann eine dieser zerfledderten Plastikrosen, die er mir auch noch überreichen wollte.

Ich zog eine Augenbraue hoch und er ließ sie in den nächsten Mülleimer fallen. Die Beziehung dauerte nicht mehr allzulange.

Im Grunde hätte es vielleicht ein Omen sein können, dass der Soldat an meiner Seite, der mit markigen Sprüchen gegenüber Schießbudenbesitzer und mir, dass er schon ganz andere Dinge erschossen hätte, keine einzige Plakette traf. 400 nachgekaufte Schüsse später war mir kalt, meine Laune im Keller und ich nahm das erste Mal in meinem Leben mit einem gequälten Lächeln 27 Plastikrosen, die ich zuhause entsorgte und sagte: „Das war ziemlich beeindruckend, Hase.“

Ich hätt den Mann vielleicht nicht auch noch heiraten sollen.
Übrigens war die Waffe schuld. Natürlich.

Der Mann davor war ein sehr bekannter Kickboxer, der so ziemlich alles und jeden traf und bei dem ich mir relativ sicher war, dass er auch den rosa Plüschelefanten bekommen würde, den ich mir aussuchen sollte.
Er hatte mehrere Tage danach Erektionsprobleme und auch als ich irgendwann mit ihm Schluss machte, steckten die Plastikrosen vom Desaster noch hinter dem einen Bild, wo er sie nach meiner Ablehnung untergebracht hatte. Ich war 18 und es war eine völlig neue Erfahrung, einen Mann wegen einer Plastikrose weinen zu sehen.

Ohne dass ich es wollte, hatten sich Schießbuden für mich zu einer Art Beziehungsindikator entwickelt.

Ablehnen führte meistens zu einem handfesten Streit, weil die Männer da irgendwie borniert sind oder zu dem noch fordernderem Drängen, mir doch bitte irgendein großes Plüschtier auszusuchen.

Also akzeptierte ich diesen seltsamen Teil meines Lebens, ohne ihn zu befürworten. Kurzum: ich hatte ein Trauma.

Beim großen hübschen Mann war es mir wichtig, dass es gar nicht so weit kommen würde. Und so hatten wir das Ende des Rummels auch schon erreicht und ich dankte Gott, dem Himmel, allem, was ich so hatte, dass dieser Kelch an mir – uns – vorüberging. Überlegte, ob ich noch einen kandierten Apfel mit auf den Heimweg nehme und wartete auf den allerletzten Stand, der meines Wissens nach ein Süßwarenstand war.

War er nicht.

Es war eine Schießbude.

„Süße?“

Ich überlegte, eine Ohnmacht, einen Wadenkrampf oder etwas anderes Lebensbedrohliches vorzutäuschen, antwortete mit einem vorsichtigen: „Hm?“

Er beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte:

„Such dir mal was aus, ich schieß es dir.“

Ich rang mit mir selbst und der Teufel gewann.

Alles oder nichts.

Ich verdrehte also innerlich die Augen und warf einen Blick auf die Hauptgewinne. Der größte war ein riesiges unglaublich hässliches Opossum-Plüschtier aus IceAge2. Das Vieh war über einen Meter lang und das Grässlichste, das ich jemals gesehen hatte.

„Den da bitte.“, fügte ich mich in mein Schicksal lehnte mich an einen Pfosten.

„Wieviel Schuss möchten Sie haben?“, fragte der Verkäufer den Mann und ich warf ein sehr spöttisches ‚Na, ein Schuss wird ja wohl reichen…‘ zwischen die Männer.

Der Mann zog die Augenbraue hoch und sagte: „Ein Schuss wird reichen, meint die Lady.“

Ich überlegte derweil, wie man möglichst echt einen Schwächeanfall simuliert, um ihm die Blamage zu ersparen. Man musste ja auch nur so ein hüpfendes kreiselndes Dingsda treffen, das ab und an auch noch verschwand.

Der Mann richtete sich zu seiner vollen Körpergröße von fast 2 Metern auf und spannte sich. Ich war beeindruckt ob dieses Anblickes, auch wenn ich noch drüber nachdachte, ihn anzurempeln, um die Schuld auf mich zu ziehen. Aber ich fügte mich in mein Schicksal und schloss die Augen.

Es klickte und ich hielt die Augen krampfhaft geschlossen.
Nicht diese Beziehung auch noch.

Als ich mich entschieden hatte, die Plastikrose einfach anzunehmen und lieb zu lächeln, öffnete ich die Augen und blickte in eine riesige und unglaublich hässliche Opossumschnauze.

Steingraue Augen blitzten mich an und das attraktive Männergesicht vor mir lächelte süffisant.

„Das ist ein ziemlich hässliches Ding, das du dir da ausgesucht hast…“, grinste er, drückte es mir in den Arm und nahm meine Hand, um weiterzugehen.

Elternmomente

Der Kobold appariert gestern um 23 Uhr in meinem Zimmer.

„Mami. Ich muss dir was gestehen.“

[Oh…fuck.]

„‚“Ich hab während der Reha nicht regelmäßig Gummis benutzt.“

[OHHHHFUCKKKKKK. Herpes, HIV, TRIPPER, SYPHILIS, FILZLÄUSE!!!]

„Wie erklär ich das dem Kieferorthopäden?“

[Uff.]

Blutrausch

Ich habe es geträumt.

Ich habe es geträumt. Es war nicht diese Situation, natürlich nicht. Ich ging auf der Straße, als mich jemand überraschend ans Bein trat. Keine große Sache. Bisschen schmerzhaft. Unverschämt, respektlos, aber im Grunde keine große Sache. Und Sekunden später sah ich nur noch die kurze Eisenstange in meiner Hand. Und ich schlug. Ich schlug und bei meinem Gott, ich genoss jeden einzelnen Schlag davon. Jedes Geräusch, jeden Bluttropfen, jedes Knochenknirschen, jedes Fitzelchen, das in mein Gesicht spritzte. Ich schlug wie von Sinnen und das warme und so weiche Gefühl von früher war da und umfing mich. JA, flüstert es mit einer Inbrunst und einer Intensität, die mich in rote Wolken hüllt und zuhause willkommen heißt.

Blutrausch.

Die absolute Lust an Gewalt.

Das Gefühl, das keinen Vergleich kennt.

Nicht einmal Wollust.

Nur der rote Rausch alles vernichtender Gewalt.

Ich bin schweißgebadet in meinem Heute aufgewacht, habe mich eingesperrt und hangele mich nun von Buchstabe zu Buchstabe, um meinen Neocortex oben zu halten.

Alles, was ich formulieren kann, müssen meine Instinkte nicht regeln.

Mein Leben ist schon so lange Jahre frei von dieser Form von Gewalt und trotzdem bleibt es ein tief verankerter Teil meines Ursprungsselbst.

Als ich aufhörte, Opfer zu sein, wurde ich Täter.

Ich verfüge seit meiner Säuglingszeit über eine unendliche Palette an Erfahrungswerten, was mir wie angetan wurde und was über Jahrzehnte am schmerzhaftesten auszuhalten war und diese Lektion sitzt.

Ich bin ein Monster, das sich jeden Tag bis zur völligen Erschöpfung bemüht, ein Leben zu führen, das niemanden dem ausliefert, was ich ertragen musste.

Und nun ist seit Tagen diese Mauer, die nur aus einem zwei Jahrzehnte alten Schwur und meiner Selbstdisziplin besteht, auf eine dünne Decke zusammengeschrumpft, die nichts mehr verbirgt sondern nur noch unzureichend bedeckt. Der Drang, jemandem wehzutun, ist übermächtig, sobald ich meine Schilde sinken lasse.

Mein stärkster Schild heißt Verletzlichkeit.

Solange ich zulassen kann, dass ich verletzlich bleibe, sind meine stärksten Wächter aktiv, die den Zugang zu dem bewachen, zu dem ich imstande bin.

Seit Tagen zürnen sie.

Prioritäten

8 Uhr morgens.

Kinder! Anziehen! Schneeschippen!

– „Ich habe eine Knieverletzung!“
– „Ich habe keine Lust!“
– „Ich habe keine zum Blauton meiner Winterjacke passende Mütze, die auch zum Rot der Schneeschaufel passt!“

[…]