Gespür [Lügen]

Ich weiß, dass sie es fühlt. Dieses Kind wurde 9 Monate unter meinem Herzen getragen und die ersten Jahren waren so dicht und so eng und so reich an Gefühl und Gedanken, dass da ein Band geknüpft wurde, das zwar immer weiter gedehnt wird, aber auch noch nach achteinhalb Jahren so dicht ist, dass Lüge unmöglich ist. Sowohl ihre als auch meine Lüge.
Und ich spüre seit Beginn der Schwangerschaft ihre Blicke, ich spüre ihr Zögern, wenn sie meinen Bauch streichelt, wenn mir übel ist. Ich spüre die Frage, die ich so gerne beantworten würde, wenn ich schon bereit dafür wäre.
„Du bist sehr kurzatmig seit ein paar Wochen, hm, Mami?“, fragt sie sanft und ich schließe für einen Moment die Augen.

So viele Schwangerschaften hat sie miterlebt mit ihren zarten 8 Jahren und leider hat sie vor Jahren auch die Blutspuren in der Wohnung gesehen, die ich hinterlassen habe. Das viele Blut… das Krankenhaus… die furchtbare Zeit danach…

Hmhmhmmm, antworte ich und sehe sie an. Ich sehe die Frage und ich lächle. Sie lächelt zurück und im Grunde weiß sie, so wie ich weiß… Aber sie wäre nicht sie, wenn sie laut fragen würde.
Sanft schiebt sie mich zur Seite, wenn mir etwas runterfällt und sagt sachte: „Lass nur, ich heb das schon auf. Ich mein ja nur, falls du dich im Moment nicht so gut bücken kannst.“

Laut und farbenfroh kommen die Erinnerung an die Schwangerschaft mit der Motte hoch, in der ich mich kaum bewegen konnte und aufmerksam blickt meine große Tochter in mein Gesicht. Sie weiß.

Und doch wartet sie auf mich, bis ich ihr geben kann, was sie hören möchte.
So kostbar.

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