Wert [Baby]

Der Einsatz ist hoch, alle verfügbare Liebe freizugeben und sich auch auf den größtmöglichen aller Schmerzzustände einzustellen.
Tod. Verlust eines geliebten Wesens.
Dieses Wesen, so klein, so stark, klammert sich an sein Leben, dass Mut und Hoffnung auf ein Leben mit ihm sich ihren Weg bahnen.

Ich habe nackte Angst, mich darauf einzulassen, diesen Schmerz noch einmal ertragen zu müssen, der mein Herz zerreißt, der keinen Halt findet, mich nur treibend und weinend in einem Schwebezustand zurücklässt. Auch die starke Schulter an meiner Seite bietet nur begrenzt Trost, benötigt sie doch selber auch meinen Schutz. Wie Ertrinkende klammerten wir uns aneinander, ich vermag im Nachhinein nicht mehr zu sagen, wer wen durch welche Zeit mehr getragen hat.

„Natürlich habe ich viele Fehler, hast du nicht genug Liebe…“

Dieser Satz erschütterte mich bis ins Mark. Wie arrogant war ich, von meiner sicheren Warte aus den größtmöglichen Schutz hinter der höchsten Mauer zu suchen, bis das Baby auch auf dieser Welt lebensfähig ist? Wie anmaßend von mir, mein Herz erst dann zu öffnen, wenn ich mich abgesichert habe. Habe mich herausgeredet, dass ich es nicht ertragen kann, noch einmal ein schlagendes Herz zu sehen und die Geburt eines Wesens, das gerade mal auf meine Handfläche passt. Mit dieser zarten durchsichtigen Haut, diesen kleinen Fingern und Zehen. Voll lebensfähig, gäbe es noch eine Chance.

Und tot.

Die Entscheidung für das Leben und für die Liebe kann immer nur eine Entscheidung ohne Bedingungen sein.

Schutz – Andrea

Diese kaum verborgene Neugierde auf mein Wesen ekelt mich so sehr an wie sie mir schmeichelt.
Ich kann den Kontakt mit anderen Menschen nicht immer vollständig vermeiden und so kommt es ab und an zu einem Gespräch, das einem Monolog gleich mit der Absicht geführt wird, mir eine Reaktion zu entlocken.
Die vielen kleinen unterwürfigen Laute wie „nicht wahr?“ und „findest du nicht auch?“ und das jedem Satz nachgestellte „,oder?“ machen mich innerlich wahnsinnig und verleiten mich zu stummem Widerstand.

Instrumentalisiert zu werden ist nicht mein Anliegen und so verweigere ich mich dieser Rolle.

Leiser werden sie unter meinem direkten aufmerksamen Blick, der nichts und alles zu sagen scheint. Und ich spiele das selbe Spiel mit ihnen…
Leiser und leiser werden sie, bis sie schließlich verstummen, kaum merkend, aber doch spürend, dass auf seichtes Geplapper kein Echo folgen kann, weil ich das nicht biete, sofern ich nicht will.

Ein knappes Lächeln, ein sacht zur Seite geneigter Kopf ist mein einziger Tribut an das Menschsein meines Gegenübers. Mehr Respekt muss man sich verdienen. Zaghaft lächeln sie zurück, unsicher, fragend…
Ich glaube, ich habe eine Verabredung, jetzt gleich, ohne sie getroffen zu haben.

„Ich habe dich gesehen, gestern. Dein Sohn sagt, ihr seid heute wieder dort.“ Ich blicke auf meinen strahlenden Sohn und neide ihm seine Unbeschwertheit. Ich nicke kurz mit dem Kopf und wende mich ab. „Dann bis heute Nachmittag! Wir sehen uns dort!“

Das macht mich doch sprachlos, wenn nicht gar hilflos, obgleich Hilflosigkeit eher der Dramaturgie geschuldet wäre. Gleichgültig, ob ich sie dort treffe oder nicht, ich spüre, dass die Mauer höher muss.
Ich weiß, sie hat ihre Tochter verloren, als diese 1 Jahr alt war. Gleichgültig steht sie neben weinenden Kindern oder Erwachsenen, ohne sich berühren zu lassen, ich war Zeuge und verstand so gut.
Aber jedes Einlassen auf sie bedeutet, ihren Schutzwall zu durchbrechen und das Auszuhalten bin ich nicht bereit.

Der Fluch auf meiner Seele ist Gabe gleichermaßen.
Aber nicht jetzt, nicht heute.