Verlust der Intimität

Warum sollte man sich auf eine intensive Mensch-zu-Mensch-Kommunikation beschränken, wenn man auf einen Klick in seinem Blog gleich zwanzig Meinungen zu seinem Problem haben kann?
Der Verlust und vielleicht auch die Unlust, im privaten Gespräch oder Schriftverkehr mit einer oder mehreren einzelnen Personen in nahe und vielleicht sogar verstörende Interaktion zu treten, schützt letztendlich vor der Gefahr, sich selbst zu nahe zu kommen. Dies gilt für Blogs wie Foren gleichermaßen. Für letztere vielleicht sogar noch besonders, da man sich in vermeintlich geschützter Atmosphäre der Illusion hingeben kann, unter Freunden zu sein.

Das Problem als Prostituierte, das man anklicken und kommentieren kann, nicht um zu helfen, sondern um sich selbst darzustellen.
Denn natürlich beäugen die Anderen kritisch jedes Wort, wägen ab, beziehen Stellung und nutzen schlussendlich das Problem, sich unter dem Deckmantel von Freundschaft und Hilfsbereitschaft selbst zu erhöhen.
Blogosphäre weniger als soziales Netzwerk denn als Flucht vor sich selber.

Das Herz will nicht geschützt, es will offenbart werden.
Die dazugehörige Twitter-Timeline als Kammerflimmern.

Man kann ja immer mal sterben…

Lange Tage sind vergangen, seit die Kinder es wissen.
Das große Kind geht mit der ihm angeborenen Ruhe an die ganze Sache heran. Es gibt inzwischen Listen mit Dingen, die für das kleine Baby noch besorgt, genäht, gebastelt werden sollen. Durch und durch Kopfkind eben.

So nebenbei sah sie mich gestern an und fragte vorsichtig: „Kann es denn jetzt noch sterben, so wie damals…?“
Ich bin dankbar, dass sie von 5 nicht ausgetragenen Babys nur ein einziges mitbekommen hat. Das reicht. Das reicht wirklich für so kleine Menschen.

Ich muss nicht nach dem Schwangerschaftstest sofort zu meinen Kindern rennen und ihnen mitteilen, dass sie ein Geschwisterchen bekommen. Sie gehen teilweise unbefangener mit dem Tod um als wir, machen weiter, können ihn als naturgegeben hinnehmen und leben einfach ihr Leben mit Streit, Tränen und Lachen weiter, während wir in der Trauer hängen… aber sie können es eben _nicht_ einfach so verarbeiten.
Es bleibt auch an ihnen hängen, kleben, verfolgt sie. Je nach Temperament, je nach Charakter ganz unterschiedlich, ganz anders, aber es bleibt. Der Tod hinterlässt seine Spuren in jedem von uns.

Und als Erwachsene haben wir entschieden, dass wir Schwangerschaften erst einmal für uns behalten. Eine Fehlgeburt zu erleben, bei der man einfach nur blutet, ist ein himmelweiter Unterschied zu einer, bei der man ein kleines Kind in der Hand halten kann. Und das ist noch mal ein riesengroßer Unterschied zu einer Geburt, bei der ein normal großes Kind tot geboren wird.

Und so teilen wir ihnen die Nachricht irgendwann dann mit, wenn das Kind nicht nur gefühlsmäßig begriffen werden kann sondern eben im Falle eines Todes auch tatsächlich da ist.

Man kann sich vortrefflich darüber streiten, was nun schlimmer ist, ich mag darüber kein Urteil fällen. Es ist einfach ein Unterschied.

„Ja, es kann noch sterben.“, antworte ich also schlicht und blicke in ihre braunen Augen. Sie wendet sich kurz ab, räumt ein wenig auf ihrem Schreibtisch herum. Blickt mich wieder an. „Das wäre doof.“, sagt sie.

Ja, nicke ich. Das wäre richtig doof.

Die beiden ungleichen und doch so gleichen Zwillinge im Geiste machen sich dieser Tage einen Spaß daraus, den anderen zu übertrumpfen, wenn es darum geht, was man mit dem Baby alles nicht machen darf, wenn es erst mal bei uns ist. Der Kobold war erst 2, als die Motte zu uns kam und so wird dies sein erstes richtiges Baby.

„Man darf es nicht einfach fallen lassen“, verkündet er wichtig. „Oda mit dem Zaubastaaaab haun!“, triumphiert die Motte, während sie ungerührt weiter mit selbigem auf den großen Bruder einschlägt und Abakackadabraaa murmelt.

„Oder man darf das Baby nicht mit Gummibärchen füttern! Dann bekommt es Bauchweh!“, kreischt der Kobold, reißt den Stab an sich und setzt sich auf seine kleine Schwester.

„Die sind NUUUUR für uns!“, übertönt die Motte ihn. „Und es darf nicht allein über die Straße gehen!“, fügt sie noch keuchend hinzu, während sie ihn wieder runterschubst.

„Stimmt. Dann ist es tot.“, sagt der Kobold.

Wir schweigen alle einen kurzen Moment.

„Aber man kann ja immer mal sterben“, sagt er leise.
„So wie Uropa. Der hatte einfach zu oft Geburtstag.“

still

Auch ein totes Kind hat das Recht, in Liebe geboren zu werden.

Gehen wir dort vorbei, wo wir unser totes Baby der Natur übergeben haben, dann schwingt neben der Trauer immer auch unendliche Liebe.
Dankbarkeit, für die Möglichkeit, dass ich sie gebären durfte.

Dass wir sie betrachten und bestaunen und beweinen durften. Halten, streicheln.
Erst die Ehrfurcht vor der Geburt und die Glückseligkeit über das Geschenk, das die Geburt darstellt, ermöglicht es, auch die Trauer anzunehmen. Das eine geht nicht ohne das andere. Es ist nur ein scheinbarer Widerspruch, Glück über den Geburts- und Trauer über den Todestag gleichzeitig zu empfinden.

Und es ringt eine ganze Menge Kraft ab.
Mut wie Demut gleichermaßen.

Empathie oder Elite [wer die Wahl hat…]

Jahrgangsbeste, Jüngste, Leistungsstärkste, Begabteste, Sozialste…
Die Liste ist lang. Und das große Kind, das mir geistig so ähnlich ist, scheint einen vorgezeichneten Weg gehen zu sollen. Gymnasium, ein anspruchsvolles natürlich. Noch ein Jahr haben wir, aber seit drei Jahren stehen die Zeichen gleich. Immer die gleichen Gespräche, immer die gleichen Worte, immer, immer, immer… Mehr, mehr mehr.

Inzwischen Sonderunterricht beim Direktor, um die Stärken und Begabungen noch weiter auszubauen. Noch mehr Schule, noch mehr geistiges Futter für diesen unersättlichen und nimmermüden Geist.

Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entzündet werden müssen…

Der Satz begleitet mich schon so lange und prägt mein Verständnis von Erziehung und dem Umgang mit meinen Kindern.
Und dann ist da dieses Kind, das beim Eintritt ins Gymnasium gerade mal 9 Jahre alt sein wird. Zukünftige Elite auf Kosten einer Kindheit?
Ich komme aus einem Zuhause, in dem dies immer propagiert wurde. Ich wusste, wo mein Platz sein würde. In der Führungselite. Nur dort.

Ich brachte mit aller verbliebenen Arroganz das Abitur zu Ende, als Jüngste, zog meine Hosen runter und zeigte allen meinen nackten Hintern, den Mittelfinger und ging.
Weg. Weg von zuhause, weg von meinen Eltern, bloß weit weg von Studium und Ausbildung und allem, was immer vorgezeichnet war. Weg.
Ich fing an zu leben und ich lebte das Leben bis ans Maximum. So hoch ich flog, so tief fiel ich auch. Und doch, immer aufrecht, auch auf Knien noch. Für mich gab es nur Extreme.

Dies wurde mir von klein auf so konsequent eingetrichtert, dass mein Ausbruch mit 18 so verständlich wie verheerend war.

Meine Tochter kommt vom anderen Ende. Sie wird nicht misshandelt, nicht geschlagen, sie wird geliebt, beschützt und unterstützt in dem, was sie will und braucht. Ich weiß nicht, ich kann mir nicht einmal vorstellen, was diese umgekehrten Vorzeichen in mir ausgelöst hätten. Hätte ich meinen Weg frei gewählt? Denn das habe ich nicht.
Das Gegenteil dessen zu tun, was das Gegenüber will, zeugt von großer Abhängigkeit.

Mein Bauch schweigt still. Ich kenne die Gefahren, ich weiß, wie es ist, als Kleinste, als Beste, ich weiß, dass man irgendwann eine Strategie entwickelt um zu führen oder untergeht. Als Streber, als Arschloch. Ich war nie Streber, nie Arschloch. Ich war die Coole, die Gepiercte, die Tätowierte, die Grenzgängerin, die bei Arbeiten im Lateinleistungskurs einfach ein leeres Blatt abgab, weil das den Schnitt nur minimal beeinflusste, wenn ich mal keinen Bock hatte.

Nein, so soll es nicht sein.

Ich wünsche mir für meine Tochter sowohl optimale Bedingungen, ihr Wissen und ihren Geist zu entwickeln, wie ich ihr eine behütete Kindheit wünsche. Nicht ohne Probleme, nicht ohne Steine, aber eben doch ohne das Gefühl, gefangen zu sein und nicht wählen zu können.

Eine Umgebung, die sie fordert und die nicht nur ihr Gehirn sieht. Menschen, die sie ganzheitlich unterrichten, die einen Plan und ein Konzept und Moralvorstellungen haben.
Moralvorstellungen…
Moral ist eine Hure…

Ich bin zynisch geworden. Scheißwelt.

Arroganz

Wie kann man erwarten, dass etwas gut wird, wenn man es ohne Liebe tut?
Technisch korrekt stößt dort an seine Grenze, wo es um Menschen geht. Hebammen, Ärzte, Erzieher, Altenpfleger, Polizisten, Psychiater, Lehrer… die Liste ist endlos.
Nein, seine Arbeit tun reicht dort nicht.
Und wie viele wären berufen, wenn sie könnten, wie sie wollten…

So viel Verschwendung von Menschlichkeit.

Gespür [Lügen]

Ich weiß, dass sie es fühlt. Dieses Kind wurde 9 Monate unter meinem Herzen getragen und die ersten Jahren waren so dicht und so eng und so reich an Gefühl und Gedanken, dass da ein Band geknüpft wurde, das zwar immer weiter gedehnt wird, aber auch noch nach achteinhalb Jahren so dicht ist, dass Lüge unmöglich ist. Sowohl ihre als auch meine Lüge.
Und ich spüre seit Beginn der Schwangerschaft ihre Blicke, ich spüre ihr Zögern, wenn sie meinen Bauch streichelt, wenn mir übel ist. Ich spüre die Frage, die ich so gerne beantworten würde, wenn ich schon bereit dafür wäre.
„Du bist sehr kurzatmig seit ein paar Wochen, hm, Mami?“, fragt sie sanft und ich schließe für einen Moment die Augen.

So viele Schwangerschaften hat sie miterlebt mit ihren zarten 8 Jahren und leider hat sie vor Jahren auch die Blutspuren in der Wohnung gesehen, die ich hinterlassen habe. Das viele Blut… das Krankenhaus… die furchtbare Zeit danach…

Hmhmhmmm, antworte ich und sehe sie an. Ich sehe die Frage und ich lächle. Sie lächelt zurück und im Grunde weiß sie, so wie ich weiß… Aber sie wäre nicht sie, wenn sie laut fragen würde.
Sanft schiebt sie mich zur Seite, wenn mir etwas runterfällt und sagt sachte: „Lass nur, ich heb das schon auf. Ich mein ja nur, falls du dich im Moment nicht so gut bücken kannst.“

Laut und farbenfroh kommen die Erinnerung an die Schwangerschaft mit der Motte hoch, in der ich mich kaum bewegen konnte und aufmerksam blickt meine große Tochter in mein Gesicht. Sie weiß.

Und doch wartet sie auf mich, bis ich ihr geben kann, was sie hören möchte.
So kostbar.

kleine Schritte [Mirlinda]

Tod, Tod, Tod, hämmert es in meinem Gehirn.
„Wir warten jetzt nur noch“, sagt die Mutter und jede Faser meines Herzens schreit gellend in den Himmel, weil dieser Weg nicht meiner wäre.

Aber kann ich das beurteilen?

Würde ich nicht vielleicht selber wie gelähmt mit einem todkranken Kind zuhause sitzen und einfach nur noch warten, dass es vorbei wäre? Nach zwei Jahren Kampf und Krampf und vergeblicher Hoffnung? (kann Hoffnung jemals vergeblich gewesen sein? Liebe?)

Ich darf nicht urteilen, aber ich kann da sein. Diese Hand, die sie mir hingestreckt hat, ergreifen. Ich blicke die letzten zwei Wochen zurück auf mein eigenes Leben. Auf jeden einzelnen Tag, der mit drei Kindern so angefüllt ist mit Leben, mit Liebe, mit Tun und Wirken und ich erinnere mich an die Stunden bei ihr.

Auch sie hat drei Kinder im selben Alter. Die Kleinen, die ebenso agil und vor Lebensenergie berstend durch das Haus rennen, in einem Zuhause, in dem man nun auf den Tod wartet.

Nicht aktiv vorbereitend, sondern passiv ausharrend. In Schockstarre, sich nicht ausmalen könnend, was das Leben noch bereithalten sollte für dieses todgeweihte Kind.

Und ich möchte sie schütteln und anbrüllen, dass draußen die Sonne scheint, dass die letzte Erinnerung an dieses Leben nicht Grabesstille sein sollte.

Allein, es steht mir nicht zu. Lektionen in Demut.

Wenn die Maske fällt… [Mirlinda]

Schon vor einem Jahr dachte ich jeden Tag an die Freundin meiner Tochter. Wie sie nach der Diagnose Gehirntumor von Operation zu Chemotherapie zu Bestrahlung wechselte, immer mit der faszinierenden Ausdauer eines Kindes, das niemals freiwillig über den Tod nachdenken würde. Sie besuchte ihre Klasse von Zeit zu Zeit, es wurden Briefe geschrieben.

Sie ging einige Wochen wieder zur Schule, ein halbes Jahr nach einem Marathon, der jeden Erwachsenen zu einem Bündel Elend hätte werden lassen. Hüftlange prachtvolle schwarze Locken wichen kurzen vereinzelten Haaren auf einem 9jährigen Kinderkopf und meine Tochter sagte auf ihrem Geburtstag nur: das wächst wieder.

Stumm erfuhren wir auf einem Elternabend, dass sie jetzt doch nicht mehr zur Schule gehen würde. Weitere Behandlungen, jeden Tag Klinik, Hausunterricht. Und ich fühle seit eineinhalb Jahren verstärkt diese Nähe, die ich nie wollte, die aber immer da war. Seit 3 Jahren, seit der Einschulung. Als ich dieses Kind das erste Mal sah und etwas fühlte…, das ich nicht einordnen konnte. Sowohl zu ihrer Mutter als auch zu ihr selber.
An ihrem Geburtstag letztes Jahr fasste ich mir ein Herz und nahm Geschenke meiner Tochter und einen großen Strauß Heliumballons und meine Kinder und klingelte.

„Man muss die Familie in Ruhe lassen“, so die Parole der Lehrerin und ich zweifelte. An meinem Gefühl, an meinem Verstand, an meinem Instinkt.
Und trotzdem fasste ich meinen Mut zusammen und fuhr hin. Kinderarme streckten sich nach mir aus, ganz selbstverständlich.

Ich fuhr vorsichtig mit den Fingern über die lange Narbe, die quer über den gesamten Schädel reicht und lächelte. Sie lächelte zurück. „Sieht schlimm aus, oder?“ Ich grinste. „Ich bin eigentlich mehr beeindruckt. Meine längste Narbe ist nicht mal halb so lang.“ Ein mädchenhaftes Lächeln wurde zu einem spitzbübischen Grinsen. Wir waren die einzigen, die an diesem Tag da waren. Wann immer meine Tochter andere Freundinnen besuchte, wurde getuschelt über den Gesundheitszustand dieses Kindes, mit dieser Art scheinheiligen Mitgefühls, das mir die Galle hochsteigen lässt. Und ich presste die Lippen zusammen und schwieg stumm. „Das arme Kind“, „man weiß ja nichts genaues“ In bestimmten Abständen werden Briefe in der Klasse geschrieben, an dieses Mädchen. Gegen das Vergessen. Und doch nur Gewissensberuhigung.
Und kein Tag verging im gesamten letzten Jahr, an dem ich nicht überlegte, was ich tun könnte. Ob es mir überhaupt zusteht, mich das zu fragen. Ob ich nicht noch mehr durcheinander bringen würde zwischen Klinikalltag und Sorgen der Familie, die schon genug um die Ohren hatte.
Und ich schwieg. Hilflos.
Meine Tochter schreibt ihre Briefe immer sehr sorgfältig. In jedem Brief steht, wie sehr sie sie vermisst und sie legt ihr Herzblut hinein.

Letzte Woche klingelte es abends an unserer Tür. Der Vater stand vor unserer Wohnung und bat, unsere Tochter kurz mit hinunter nehmen zu dürfen. Seine Tochter würde sie so gerne kurz sehen, sie säße im Auto. Mein Mann ging mit hinunter, wir übrigen winkten von oben, vom Fenster aus. Sie tauschten Telefonnummern.

Und keine drei Stunden ist es her, da stehe ich vor der Schule meiner Tochter, habe noch 5 Minuten Zeit, bis sie kommt, da durchfährt es mich plötzlich. Ich schnappe mir die Kleinen, beschließe, dass meine Tochter dann eben laufen muss und ich sie später auf dem Heimweg aufsammle, und fahre zu einem Geschäft in der Nähe, in dem wir sonst nie – wirklich niemals – einkaufen. „Wir machen einfach mal was Neues“, höre ich mich sagen und frage mich, warum ich nicht eben noch die 5 Minuten auf meine Tochter gewartet habe. Es erschließt sich mir nicht.

Wir irren etwas ziellos im Laden umher, ich will eigentlich gar nichts kaufen und fahre zusammen, als ich eine helle bekannte Mädchenstimme den Namen meiner Tochter rufen höre und auf mich zurennen sehe. Sie ist es. Wir umarmen uns. Sie ist dünn geworden. Sie klammert sich an mich und ich gewähre mir einen Moment Schutzlosigkeit.

Kurz durchzuckt mich eine Erkenntnis, die ich nicht fassen kann. Ihre Mutter folgt in vorsichtigem Abstand und wir geben uns die Hand. Sie lächelt, doch es ist nicht echt. Ich bleibe ernst. Ich erkläre, dass meine Tochter noch in der Schule ist und ihre Tochter beginnt, mit meinen Kleinen durch den Laden zu streifen. Ich sehe in orangebraune Augen, die meinen eigenen sehr ähnlich sind und will weg. Weit weg. Ich will wegrennen, weg von hier, nichts mit diesen Menschen zu tun haben, aber ich bewege mich keinen Millimeter. Ich kann nicht. Wir tasten uns ab, langsam, vorsichtig. Sie ist sehr gefasst, wir beginnen einen Smalltalk, der die Blicke zwischen uns Lügen strafen will, doch es gelingt nicht. Fast höre ich es nicht, so unvermittelt kommt es nach einem belanglosen Satz leise. „Es gibt keine Chance mehr. Sie weiß es noch nicht.“ Ich will mich in mir verkriechen, mich zurückziehen, wenn ich jetzt eine Floskel schaffe, mein Mitgefühl auszudrücken muss ich mich nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Nur eine Floskel. Nur eine kleine Floskel. Es geht nicht.

„Darf ich dich umarmen?“ Neinneinnein, nicht. Es gibt kein Zurück mehr. Und so stehen wir da, zwei Frauen im gleichen Alter, mitten in diesem Geschäft und die Welt steht still. Menschen gehen an uns vorbei, als ich die Arme um sie lege und spüre, wie ein Schluchzen aus tiefster Seele in ihrer Kehle aufsteigt und sie schüttelt. Weich wird sie für einen Moment, ganz zart.

Ich kann es kaum aushalten, meine Schutzmauern so tief unten zu sehen und ich harre aus. Gebe mich hin.
Als sie mich freigibt, hat sich alles geändert. Die Worte dürfen aussprechen, was die Augen schon vorher wussten.

Und so sprechen wir über Hospizarbeit, Schmerzmittel und Zeitspannen. Wenn alles gut läuft, maximal ein Jahr. Wenn es zu einem Krampfanfall kommt, kann es jeden einzelnen Moment soweit sein. Jede Sekunde. Keine Garantien, keine Sicherheit, keine Zeit. Ein Jahr, wenn es gut läuft…

Meine Gedanken hängen diesem Satz nach. Ist ein Jahr lang? Ist es kurz? Die Worte sterben und Tod fallen kein einziges Mal. Morgen fährt meine Tochter zu Besuch dorthin. Ich spüre, dass diese Verbindung existiert.

Hab ich es mir ausgesucht? Hat es mich ausgesucht? Wozu?